Der Tagesspiegel : Kurzmeldungen

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KIRCHENTAG IN KÜRZE

Innenstadt, Mittwoch bis Sonntag. Auch die Berliner Stadtreinigung hat sich auf die Gläubigen eingestellt: Auf den Mülltonnen klebt ein breites weißes Band mit der Aufschrift: „Geben ist seliger als nehmen“. Müll auf den Straßen gibt’s trotzdem.

Brandenburger Tor, Mittwoch, 19 Uhr. Wenn’s ums Beten geht, ist auch Nonnen keine Anstrengung zu viel: Drei in grauem Ordenskleid kletterten beim Eröffnungsgottesdienst der besseren Sicht wegen auf ein Feuerwehrauto und wiegten sich im Jazzrhythmus.

Brandenburger Tor, Mittwoch 18.30 Uhr. Wer behauptet, die Predigt sei das wichtigste am Gottesdienst, wurde bei der Eröffnung eines Besseren belehrt: Hunderttausende sangen begeistert Kirchenlieder. Und als das Orchester bei einem Lied schon nach zwei Strophen zu spielen aufhörte, obwohl im Programm drei vorgesehen waren, gab es lauten Protest. Aber alles wurde gut: Die Bischöfe auf dem Podium lachten, die Musiker griffen zu ihren Instrumenten und holten das Versäumte nach. Stürmischer Applaus.

Unter den Linden, Mittwoch, 22 Uhr. Ecke Friedrichstraße steht ein selbst ernannter Prediger, Mitte vierzig, langer grauer Bart. Um den Hals hat er sich ein Schild gehängt: „Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren.“ Er diskutiert mit jedem, der vorbeikommt, ob der ihm zuhört oder nicht, egal. Der Beseelte kann es gar nicht fassen, dass sich zig Leute um Fernseher in Schaufenstern scharen und das ElfMeter-Schießen beim Spiel Turin-Mailand verfolgen.

Gendarmenmarkt, Donnerstag, 10 Uhr. Auf der Bühne vor dem Deutschen Dom probt ein Moderator Gemeindelieder mit den Besuchern. „Die Fischer-Chöre würden blass werden vor Neid“, ruft er der begeisterten Menge zu, „so gut habt ihr das gemacht.“ Lorne Mortis ist fasziniert von der Größe und der Vielfalt des Ökumenischen Kirchentags. „In Großbritannien wäre diese Größenordnung unvorstellbar“, sagt sie.

Gendarmenmarkt, Donnerstag, 11 Uhr. „Eine gewisse Pikanterie hat es ja schon“, sagt die Dame, die Erzbischof Kardinal Georg Sterzinsky auf einer Mission begleitet: Ausgerechnet der Chef der Katholischen Kirche in Berlin, die 148 Millionen Euro Schulden hat, geht für eine Caritas-Veranstaltung durch die Menge und fragt die Leute „Fehlt Ihnen was?“. Das erstaunliche Ergebnis der Umfrage: Keiner klagt über Geldmangel oder einen fehlenden Arbeitsplatz. Stattdessen wünschen sich viele Aufmerksamkeit und Freundschaft. Jeder zweite möchte mehr geliebt und gebraucht werden. „Sie scheinen alle die Predigt von Bischof Huber verinnerlicht zu haben“, sagt Sterzinsky. Der hatte morgens dazu aufgefordert, mehr zu danken statt immer nur zu jammern. clk

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