Der Tagesspiegel : KZ Sachsenhausen: Tod nach der Befreiung

Claus-Dieter Steyer

Die sowjetische Armeepatrouille holte die Frauen im April 1945 gleich von der Straße weg. Nur kurze Zeit dauerte die Fahrt im Jeep durch Oranienburg. Denn das Ziel lag am Stadtrand: das Konzentrationslager Sachsenhausen. Hier hatten die Soldaten auf ihrem Vormarsch nach Berlin eher zufällig rund 3000 schwerkranke und dahinsiechende Häftlinge gefunden. Sie mussten nun auf Befehl der Besatzungstruppe von den aufgegriffenen Frauen gepflegt werden. Andere Oranienburgerinnen meldeten sich freiwillig zur Arbeit im Lager. Das Schicksal dieser Frauen ist jetzt erstmalig von Oranienburger und Moskauer Schülern erforscht worden.

Auf den Aufruf in mehreren Zeitungen meldeten sich sieben damals im Lager beschäftigte Krankenschwestern. Die heute zwischen 70 und 86 Jahre alten Frauen hatten die Geschehnisse am Kriegsende verdrängt, wie die Schüler in Interviews und einer Gesprächsrunde erfuhren. Erst nach und nach stellten sich die Erinnerungen an die Zeit zwischen der Befreiung des Lagers am 23. April 1945 durch sowjetische und polnische Einheiten und der endgültigen Auflösung zwei Monate später wieder ein. Sie berichteten über die fast unbeschreiblichen hygienischen Zustände im Krankenrevier.

Der Tod gehörte auch nach dem Ende des Lagerterrors zum Alltag. Noch mindestens 300 der 3000 von der SS im KZ zurückgelassenen Häftlinge starben. In Massengräbern direkt neben den Baracken wurden die Toten aus dem Krankenrevier beigesetzt, erzählten die Frauen den Schülern. Die genauen Umstände gerieten später in Vergessenheit. Erst 1995 wurden die Grabstellen entdeckt und anschließend hergerichtet.

Die Idee für das Schülerprojekt war einem Mitarbeiter der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten bei einem Aufenthalt in Moskau gekommen. Dort hatte er von einem "Klub Sachsenhausen" an einem Gymnasium erfahren. Dieser beschäftigte sich intensiv mit dem KZ bei Berlin, stellte sich schließlich heraus. Aktuell forschte eine Schülergruppe nach dem Schicksal russischer Ärzte im KZ Sachsenhausen. Da bot sich ein Kontakt zum Louise-Henriette-Gymnasium in Oranienburg an. In Moskauer Archiven lagen die Patienten- und Todesakten der nach der Lagerbefreiung behandelten und gestorbenen Häftlinge, in Oranienburg wurden Krankenschwestern als Zeitzeugen vermutet.

Wie die Moskauer Schüler herausfanden, war den meisten schwerkranken Häftlingen das plötzlich fetthaltige Essen aus den Gulaschkanonen der sowjetischen Armee nicht bekommen. Neben Magen-Darm-Erkrankungen grassierten Typhus und Tuberkulose. Alle von den Schülern befragten früheren Krankenschwestern gaben an, bis zum eigenen Einsatz nichts von den Vorgängen im KZ gewusst zu haben. Zwei Monate nach der Befreiung schloss das KZ seine Tore.

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