Der Tagesspiegel : "La Madeleine" in Potsdam: Crêpes orientalisch oder mit Lamm im Rotwein

Claus-Dieter Steyer

Die Aussicht auf wärmeres Wetter am Wochenende lässt die Vorfreude auf den Sommerurlaub wieder steigen. Dazu gehört nicht zuletzt die Aussicht auf langes Sitzen unter großen Sonnenschirmen schöner Restaurants in südlichen oder zumindest maritimen Gefilden. Bis auf italienische, chinesische und griechische Lokale hält sich die Auswahl an ausländischen Gaststätten im Brandenburger Durchschnitt jedoch in engen Grenzen. Glücklicherweise gehört Potsdam als Landeshauptstadt nicht dazu. Hier hat sich im Zentrum eine erstaunlich große Zahl französischer Küchenmeister niedergelassen. Eine der besten Lagen erwischten die Betreiber des Restaurants "La Madeleine" in der Lindenstraße, unweit der Fußgängerzone in der Brandenburger Straße.

Hier bietet der Fußweg genügend Platz für viele Stühle und entsprechend große Tische. Denn die werden gebraucht für die Spezialität von "La Madeleine": Crêpes in allen möglichen Variationen auf großen Tellern. Die Füllung mancher Teigfladen war aber selbst den französischen Gästen am Nebentisch etwas fremd. Aber sie kamen ja auch nicht aus der Bretagne wie der Besitzer des Lokals. Darauf deuten zumindest die mit einigen Vokabeln des eigenwilligen Dialekts dieser nordwestlichen Provinz bedruckten Servietten hin. Vor allem Ei, Bratkartoffeln und Speck waren diesen Franzosen ziemlich fremd. Dafür lagen sie mit ihren Empfehlungen goldrichtig: Crêpes Tunisiene mit Feigen, in Calvados gedünsteten Äpfeln und Honig (10,50 Mark). Auch Auberginen, Truthahn, pochierter Wildlachs in Weißweinsauce oder Lamm in Rotwein findet sich in den quadratisch zusammengeklappten hauchdünnen "Pfannkuchen". Wer als Neuling nichts falsch machen will, bestellt Crêpes mit Käse, Schinken und Tomate. Genießern sei dagegen die orientalische Mischung mit Truthahn in Currysauce empfohlen.

Wie in einer typischen Crêperie in Frankreich üblich, kann jeder Gast auch im "La Madeleine" dem Meister der Teigfladen bei seiner Arbeit mit heller Masse auf der heißen Platte zugesehen werden. Alle Zutaten, so versichert der Koch, werden direkt aus dem Nachbarland bezogen. Auf den Tischen der Gäste stehen meist Cidreschalen (3,50 Mark). Der beste Salat kommt aus der Normandie und wird mit Putenbruststreifen angerichtet (10,50 Mark). Falls es draußen doch einmal zu kühl sein sollte, lockt das Lokal mit typisch bretonischer Malerei an den Wänden sowie langen und kurzen Tischen. Das vielfältige Weinsortiment bedarf keiner besonderen Erwähnung. Es ist ebenso selbstverständlich wie der Cognac im Kaffee. Literatur über Frankreich fehlt ebenso wenig wie eine aktuelle Tageszeitung.

Der starke Zuwachs an französischen Restaurants hat offensichtlich schon zu einem Engpass im Personal geführt. Denn "La Madeleine" sucht dringend eine Aushilfskellnerin oder einen Aushilfskellner. Die wichtigste Bedingung dabei: Franzose oder Französin. Das scheint wohl die beste Garantie für den gewissen Charme zu sein, den deutsche Gäste gerade in einem solchen Restaurant erwarten. Aber der Urlaub ist ja nicht mehr fern.

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