Der Tagesspiegel : Länderfusion: Wer möchte schon fusioniert werden?

Reinhart Bünger

Folgt man dem Befund des Publizisten Henryk M. Broder, wonach Berlin kein Ort, sondern ein Zustand sei, sollte man das Vorhaben gleich vergessen. Eine Fusion von Berlin und Brandenburg mag noch angehen wie die Verschmelzung zweier Pleitefirmen zu einem gutgehenden Unternehmen. Kann man aber Berliner und Brandenburger fusionieren, wenn ihre Identitäten derzeit eher im Diffusen siedeln? Was ist typisch berlinisch, was typisch brandenburgisch? Zu beiden Ländern kommen einem viele Konnotationen in den Sinn, auf einen Begriff lassen sie sich so wenig bringen wie ihre Bürger.

Die jüngste repräsentative Untersuchung über die Haltung der Bevölkerung in Berlin und Brandenburg zur Länderfusion filtert denn auch nur eine labile Tendenz für das vor allem von Politikern lancierte Vorhaben heraus. Labil weshalb?

Zunächst könnte es sein, dass Brandenburg seine Identität allein in einer latenten Aversion gegen alles Berlinische findet und im Positiven betrachtet in vagen Sehnsüchten ein Zuhause sucht. Nicht nur Berlin wäre dann ein Zustand, sondern auch die Mark, deren Vormann Stolpe den Seinen die Gemütlichkeit einer "kleinen DDR" vermitteln möchte. So ist eine Fusion beider Länder keine Herzensangelegenheit. Der Wunsch nach einer Fusion wird vehement nicht aus den Bevölkerungen heraus vorgetragen, sondern auf der politischen Handlungsebene diskutiert. Den Jungen ist das besonders suspekt, auch das fanden die Forscher der Freien Universität heraus: 58 Prozent der 18- bis 29-Jährigen im Speckgürtel, 60 Prozent der jungen Menschen im übrigen Brandenburg, 43 Prozent der West-Berliner und 40 Prozent der Ost-Berliner Jugend haben "wenig bis so gut wie kein Interesse an Politik".

Berliner und Brandenburger verfügen nicht über die eine Seele, die notgedrungen in zwei Ländern wohnt. Emotional am nächsten sind sich noch die Ost-Berliner und die Brandenburger im Speckgürtel. Der Rest des angestrebten neuen Landes ist sich weitgehend fremd. Berliner und Brandenburger wissen wenig miteinander anzufangen. Sie reden gelegentlich miteinander, haben sich aber mit wachsender räumlicher Distanz nichts zu sagen. Dies erklärt, weshalb unter dem Vorwand des Lokal- und Regionalpatriotismus seltsame Blüten getrieben werden. Die unfruchtbare Debatte um eine gemeinsame Rundfunkanstalt für Berlin und Brandenburg mag für andere Fusionsfelder stehen, die bestellt werden um des Geldes, nicht um ihrer Früchte willen.

Ein Zusammengehen wäre, wenn es denn Zweck hätte, ein Bündnis mit merkantilen Aspekten. Die sozial- und arbeitsmarktpolitischen Folgen werden längst gesehen - das zeigt die jüngste Umfrage, das zeigt die gescheiterte Volksabstimmung vom Mai 1996: Da ein gemeinsames Land zunächst daran gehen würde, Doppelstrukturen und damit verbundene Arbeitsplätze abzuschaffen, hätten vor allem die Brandenburger eine Fusion lieber übermorgen als heute - wenn die unmittelbaren Folgen nicht mehr ausschlaggend für das eigene (wirtschaftliche) Leben sind. Man möchte schließlich mit Blick auf Berlin nicht wieder Zustände bekommen - wie vor oder nach der Wende.

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