Länderspielabsage : Im Namen des Vaters

Der gebürtige Iraner Ashkan Dejagah will nicht für Deutschland in Israel spielen - weil er seine Zukunft in der alten Heimat sieht?

Frank Bachner,Sven Goldmann
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Ashkan Dejagah -Foto: AFP

Berlin - Ashkan Dejagah hatte gestern trainingsfrei. Das ersparte dem Fußballprofi vom VfL Wolfsburg viele Fragen. Noch immer steht ja nur die dürre Begründung von Dejagah im Raum: "Ich spiele aus politischen Gründen nicht in Israel." Dejagah wurde vor 21 Jahren in Teheran geboren und wuchs in Berlin auf. Am kommenden Freitag sollte er eigentlich mit der deutschen U-21-Nationalmannschaft in der Qualifikation zur Europameisterschaft in Tel Aviv spielen.

Politische Gründe? Naja, sagt Zafer Yelen, "ich weiß nicht, ob das der wirkliche Grund ist, ich könnte mir vorstellen, dass etwas anderes dahinter steckt". Der Türke Yelen steht jetzt bei Hansa Rostock unter Vertrag, aber er hat zu Berliner Jugendzeiten bei Tennis Borussia mit Dejagah gespielt, die beiden haben immer noch regen Kontakt. Yelen will nicht ins Detail gehen, aber möglicherweise meint er, dass Dejagah es sich mit seiner alten Heimat nicht verscherzen will. Die politische Doktrin Teherans duldet nicht einmal die Einreise nach Israel.

Sollte Dejagah wirklich politische Gründe haben, "würde ich das bedauern", sagt Theo Zwanziger. Der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) wird die deutsche Delegation nach Israel begleiten und wolle es auf keinen Fall hinnehmen, "dass ein deutscher Nationalspieler aus Gründen der Weltanschauung seine Teilnahme an einem Länderspiel absagt". Dejagah habe dem DFB jedoch versichert, die Gründe für seine Absage lägen "im engsten familiären Umfeld".

Der Mann hinter Ashkan Dejagah ist sein Vater Mohammad. Bei Hertha BSC heißt es, Mohammad Dejagah habe seinem Sohn im Frühjahr 2007 geraten, auf eine Vertragsverlängerung in Berlin zu verzichten und stattdessen ein besser dotiertes Angebot in Wolfsburg anzunehmen. "Ashkan wäre gern bei uns geblieben. Das Problem war der Vater, und der hat in einer islamischen Familie immer das letzte Wort", sagt ein führender Mitarbeiter des Vereins. Dejagah senior verbringe seine Zeit vor allem in Cafés, lese Zeitungen und erfahre dabei, was andere Spieler in anderen Vereinen so verdienen. Daraufhin habe er Hertha wissen lassen, sein Sohn sei respektlos behandelt worden und werde Berlin deshalb verlassen.

Mohammad Dejagah investiert viel in die Karriere des begabten Fußballspielers. Schon vor der WM 2006 ließ er die staatliche iranischen Nachrichtenagentur IRNA wissen, Ashkan wolle für den Iran spielen. Der damalige Nationaltrainer Branko Ivankovic zeigte Interesse und wollte den Berliner gemeinsam mit Hansa Rostocks Stürmer Amir Shapurzadeh testen. Die iranische Öffentlichkeit aber reagierte empört auf den Plan, die Nationalmannschaft mit Legionären aus dem Ausland aufzufüllen. Ivankovic gab nach und trat nach der erfolglosen WM zurück. Im August 2007 unternahm Vater Dejagah einen zweiten Versuch. Wieder gegenüber IRNA versicherte er, sein Sohn sei nach wie vor bereit, für den Iran zu spielen - aber erst nach dieser Saison, da er noch bei der deutschen U 21 im Wort stehe. Dejagahs Eltern kamen Ende der Achtziger Jahre nach Berlin. Ashkan war damals zwei Jahre alt. Mal erzählt er, die Familie sei aus politischen Gründen geflüchtet, dann wieder, seine Eltern hätten ihm ein besseres Leben bieten wollen. Er fliegt seit Jahren in den Iran. Noch immer wohnen viele Verwandte in Teheran, seit kurzem auch sein Bruder. Ardeshir Dejagah stürmt für den Erstligisten Paykan Teheran. Auch er spielte früher für Hertha.

Es hätte andere Möglichkeiten gegeben. Dejagah hätte eine Verletzung vortäuschen können. Auf diese Weise hatte sich sein Landsmann Vahid Hashemian aus der Affäre gezogen, als er vor zwei Jahren mit Bayern München in der Champions League gegen Maccabi Tel Aviv antreten musste. Vor sechs Jahren, kurz nach den Anschlägen am 11. September, hatten neun österreichische Nationalspieler ein WM-Qualifikationsspiel in Tel Aviv boykottiert, allerdings aus Sicherheitsgründen. Und bei den Olympischen Spielen 2004 weigerte sich der iranische Judoka Arash Miresmaeili gegen den Israeli Ehud Vaks anzutreten. Letztlich wurde ein Eklat vermieden. Der Iraner wurde disqualifiziert - allerdings wegen Übergewichts.

Eine klare Regelung für solche Fälle gibt es in offiziellen Spielbestimmungen nicht, weder beim DFB, noch bei der Deutschen Fußball-Liga oder dem Europäischen Fußballverband Uefa. Jürgen L. Born, der Geschäftsführer von Werder Bremen, kann sich schwer vorstellen, dass man einen Profi gegen seinen Willen zu einem Einsatz bewegt. "Was ist denn, wenn dem etwas passiert? So einen Einsatz versichert doch keiner." Der Zentralrat der Juden in Deutschland ist dagegen empört über Dejagahs Absage. Im israelischen Ministerium für Wissenschaft, Technologie, Kultur und Sport wurde die Personalie erst durch eine Anfrage des Tagesspiegels bekannt. "Er macht einen Fehler. Er täte besser daran, zu kommen, sich umzusehen und so das, was er als Gegenseite begreift, kennen und verstehen zu lernen", sagte Dotan Olivier, der Medienberater von Minister Raleb Madschadele. Madschadele steht für grenzüberschreitende Offenheit. Er ist der erste islamisch-arabische Minister in der Geschichte des jüdischen Staates.