Lärm : BBI wird nachts leiser sein als die alten Flughäfen

Damit der Fluglärm künftig wenigstens nachts zurückgeht, werden deutlich mehr Starts und Landungen in die Randzeiten verlegt. Außerdem prüft die Flugsicherung den Einbahnbetrieb.

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Die Flugrouten des künftigen Hauptstadtflughafens stehen wegen des Lärmfaktors weiter in der Diskussion.
Die Flugrouten des künftigen Hauptstadtflughafens stehen wegen des Lärmfaktors weiter in der Diskussion.Foto: dpa

Schönefeld - Auf dem künftigen Berliner Großflughafen BBI wird es künftig in den Tagesrandzeiten zwischen 22 und 24 Uhr sowie zwischen fünf und sechs Uhr deutlich mehr Flugverkehr und Lärm geben als jetzt auf den bestehenden Flughäfen Tegel und Schönefeld zusammen. Dafür wird aber eine absolute Nachtruhe in der Zeit von 0 bis 5 Uhr vorgeschrieben. Bislang wird in Schönefeld auch nachts im Stundentakt geflogen. Das geht aus Statistiken der Flughafengesellschaft hervor, die dem Tagesspiegel vorliegen.

Die Fluglärmgegner fordern ein komplettes Nachtflugverbot in der Zeit von 22 bis 6 Uhr, was der Genehmigungslage und auch einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts widerspricht. Auch Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hat sich am Montag festgelegt: Nach der Abgeordnetenhauswahl am 18. September werde es mit ihm kein striktes Flugverbot geben. Dies wertet Wowereit als elementare Grundlage für die künftige Entwicklung der Wirtschaft in der Hauptstadtregion. Es dürfe in den Randzeiten von 22 bis 0 und von 5 bis 6 Uhr keine Abstriche beim Flugbetrieb geben. Bei dem Thema gehen SPD und Linke vor der Wahl auf Distanz. Denn zuvor hatten sich die Linken für eine weitergehende Beschränkung der Nachtflüge und eine Ausweitung der Ruhezeit auf 23 bis 6 Uhr ausgesprochen.

Wirtschaftsverbände und Fluglinien betrachten die bisherige Lösung mit strikter Nachtruhe zwischen 0 und 5 Uhr als „Kompromiss“, um gegenüber München und Frankfurt/Main wettbewerbsfähig zu bleiben und Jobs am BBI zu sichern.

Insgesamt wird es damit aber ruhiger in den Nachtstunden: Für den BBI hat die brandenburgische Luftverkehrsbehörde zwischen 22 und 24 Uhr und zwischen 5 Uhr und 6 Uhr addiert pro Tag 77 Flugbewegungen als unausweichlich akzeptiert, das sind 29 105 Flugbewegungen im Jahr und mehr als doppelt so viel wie im vergangenen Jahr auf den bestehenden Flughäfen Tegel und Schönefeld zusammen. Allerdings dürfen in der strenger betrachteten Zeit zwischen 23 Uhr und 24 Uhr und zwischen fünf und sechs Uhr täglich nur 31 Maschinen ankommen oder abfliegen, also 11 350. Zwischen Mitternacht und fünf Uhr sind, von Notfällen und Regierungsflügen abgesehen, aber künftig alle Flüge untersagt.

Im Jahr 2010 sind in Tegel zwischen 5 und 6 Uhr morgens 41 Maschinen gestartet oder gelandet. Bei 33 davon hat es sich um Notfälle oder um Flüge der Bundesregierung gehandelt. Zwischen 22 Uhr und 23 Uhr gab es im vergangenen Jahr in Tegel 5478 Flugbewegungen, also 15 am Tag. Zwischen 23 Uhr und Mitternacht wurden 1041 Flüge registriert, also täglich etwa drei. In der für BBI als absolut festgelegten Ruhepause zwischen Mitternacht und fünf Uhr morgens gab es in Tegel im vergangenen Jahr 339 Flugbewegungen, also durchschnittlich pro Nacht eine. Davon waren 197 Notfälle oder Regierungsflüge.

Die Zahlen für Schönefeld waren dramatisch höher. Hier gab es zwischen Mitternacht und fünf Uhr früh 4521 Flüge, also zwölf pro Nacht. Die wären künftig untersagt. Zwischen fünf und sechs Uhr wurden letztes Jahr 585 Flugbewegungen registriert, zwischen 22 Uhr und 23 Uhr 3691, also zehn pro Abend. Von 23 bis 24 Uhr landeten oder starteten im Jahr 2011 zufällig auch 2011 Maschinen.

Es geht voran auf dem neuen Großflughafen. Im Terminal laufen die Innenausbauten, die Gepäckbänder werden bereits getestet.
Es geht voran auf dem neuen Großflughafen. Im Terminal laufen die Innenausbauten, die Gepäckbänder werden bereits getestet.Foto: dpa

Um die Lärmbelastung weiter zu verringern, prüft die Deutsche Flugsicherung (DFS), ob ein neues Betriebsregime eingeführt werden kann. Denkbar sei der Betrieb auf nur einer der beiden Startbahnen. „Dann könnte es einen Einbahnbetrieb geben. Oder Abflüge nach Westen finden ausschließlich von der Südbahn statt“, sagte der Berliner DFS-Chef, Hans Niebergall. Diese Lösung wäre aber nur auf die Zeit von 23 bis 5 Uhr beschränkt.

Bürgerinitiativen protestieren gegen Nachtflüge und Flugrouten. Umstritten sind die Start- und Landegebühren. Fluglärmgegnern sind die Gebühren für besonders umweltschädliche und laute Flugzeugtypen zu niedrig. Die Fluggesellschaften-Vereinigung BARIG dagegen hat wie zuvor die Airlines die Gebühren als zu hoch kritisiert. Die Airlines müssten um mindestens 25 Prozent höhere Gebühren für Starts, Landungen und Standzeiten am Boden im Vergleich zu den jetzigen Flughäfen Tegel und Schönefeld hinnehmen. Dieser Anstieg läge „weit über der Grenze der Zumutbarkeit“. Laut BBI-Flughafengesellschaft müssten die Fluggesellschaften im Schnitt pro abfliegendem Passagier fünf Euro mehr als bisher zahlen.

Unbeeindruckt vom Streit um Flugrouten und Nachtruhezeiten kommen die Arbeiten am künftigen Großflughafen voran. Auf der Baustelle sind nach Angaben der Flughafengesellschaft etwa 500 Planer und 3000 Arbeiter beschäftigt. Das Terminal steht bereits, und die Landebahnen sind betoniert. Nun folgt der Innenausbau. So müssen zum Beispiel bis zur Eröffnung am 3. Juni 2012 rund 300 000 Bodenplatten im Terminal verlegt werden. Im Tiefbahnhof soll im Mai die Oberleitung eingebaut werden. Die Gepäckförderanlage wird schon seit einiger Zeit getestet – dabei gab es schon einen Sicherheitsalarm mit den eingesetzten Koffern.

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