Der Tagesspiegel : Land unter auf Straßen und Feldern

Tauwetter und Regen haben zu Überschwemmungen geführt. An der Oder droht aber keine akute Gefahr

Claus-Dieter Steyer

Wegendorf/Kienitz - Tauwetter und Regen haben in verschiedenen Brandenburger Landesteilen zu Überflutungen von Straßen, Plätzen und Kellern geführt. Vielerorts ist der Boden noch tief gefroren, so dass das Wasser nicht versickern kann. Besonders betroffen war gestern das östlich von Berlin gelegene Wegendorf, wo gleich mehrere Straßen unter Wasser stehen. Die Felder sind von einer dicken Eisschicht bedeckt. Schon seit Donnerstagabend pumpen Feuerwehr und Technisches Hilfswerk das Wasser aus dem Ort in ein Grabensystem. Zu Verkehrsbehinderungen kam es auf der B 87 zwischen Luckau und Duben, die zur Hälfte überflutet war.

Entwarnung kommt dagegen von der Oder. Hier haben Regen und Temperaturen über dem Gefrierpunkt dem Eispanzer bisher noch nicht viel anhaben können. Er bedeckt den Grenzfluss fast auf der gesamten Länge und ist seit den strengen Frösten im Januar auf eine Stärke zwischen 80 bis 100 Zentimeter angewachsen. Experten rechnen dennoch für dieses Wochenende und die nächste Woche noch mit keiner akuten Hochwassergefahr. „Die Oder weist in diesem Winter einen extrem niedrigen Wasserstand auf, der nur durch das Eis kaschiert wird“, sagt Rolf Dittrich, Chef des Wasser- und Schifffahrtsamtes Eberswalde. „Mit unseren Eisbrechern müssen wir schon aufpassen, nicht auf Grund zu laufen.“

Gefahr sieht der Behördenleiter nur für den Fall, dass sich Eisschollen zu großen Barrieren auftürmen und den Wasserabfluss behindern. Dann könnte der Pegel zwar innerhalb kürzester Zeit um bis zu 1,50 Meter ansteigen, aber dafür sei die Höhe der Deiche ausreichend. „Kritisch wird es, wenn sich Eisschollen heftig ineinander verkeilen“, erklärt Rolf Dittrich. „Dann übt das nachströmende Wasser so einen Druck aus, dass der Deich weggeschoben und das Hinterland überschwemmt werden könnte. Deshalb gelte den Flusskrümmungen und Brücken besondere Aufmerksamkeit.

Den besten Schutz vor solchen Auftürmungen bildet der ungehinderte Abfluss der sich lösenden Eisschollen in Richtung Oderhaff und Ostsee. Deshalb rücken die Eisbrecher immer wieder aus, um von Norden her den dicken Panzer auf der Oder aufzubrechen. Doch viel Erfolg hatte die unter Stettiner Oberkommando stehenden Flotte aus sechs Schiffen dabei bisher nicht. Nachtfröste machten ihre Arbeit immer wieder zunichte oder verkehrten ihre Absicht ins Gegenteil. Denn abgebrochene Schollen froren zu einem noch festeren Gebilde zusammen. Außerdem fielen drei Schiffe wegen Maschinenschadens vorübergehend aus.

Auch das Brandenburger Landesumweltamt sieht derzeit keine akute Hochwassergefahr an der Oder. „In den Bergen sind die Temperaturen sogar wieder gesunken, so dass wir den Fluss lediglich aufmerksam beobachten“, sagte der stellvertretende Amtsleiter Axel Vogel. Die am vergangenen Dienstag ausgerufene erste Alarmstufe an Pegel Kienitz im Oderbruch sei zurückgenommen worden.

Das letzte Winterhochwasser mit katastrophalen Folgen gab es an der Oder im März 1947. Damals war der Deich zwischen Reitwein und Küstrin-Kietz gebrochen. Das Wasser überschwemmte damals das gesamte 80 Kilometer lange und zwischen vier und 16 Kilometer breite Oderbruch. Russische Flugzeuge hatten den Fluss bombardiert, um Barrieren aufzusprengen. Durch einige Bomben wurde auch der Deich beschädigt, da dessen Verlauf von oben nur schwer zu erkennen gewesen sein soll. Damals führte die Oder im Unterschied zu heute sehr viel Wasser.

Im Juli 1997 konnte die Überflutung des Oderbruchs dank des Einsatzes hunderter Bundeswehrsoldaten und vieler freiwilliger Helfer in letzter Sekunde verhindert werden. Vom Hubschrauber abgeworfene Sandsäcke hielten den Fluss damals im Bett.

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