Der Tagesspiegel : Landpartien: Musik verbindet auch im Einigungsprozess

Elisabeth Binder

Für die "Klassiker auf Landpartie" geht am Wochenende die zehnte Saison zu Ende. In den Jahren des Zusammenwachsens haben sie auf menschlicher Ebene Zeichen gesetzt im Einigungsprozess. Nun werden neue Aufgaben erkennbar.

Auf Schloss Liebenberg fallen am Nachmittag Sonnenstrahlen auf dieses vorletzte Konzertwochenende der Brandenburgischen Sommerkonzerte. Zum ersten Mal ist das malerische Gut Ziel einer Landpartie. Vor zehn Jahren war es Ausgangspunkt für eine Erfolgsgeschichte, die der Wiedervereinigung persönliche Noten gab.

Auf der weiten Wiese des Schlossparks, isst man Streuselkuchen an den traditionellen langen Kaffeetafeln, ein Trio spielt ausnahmsweise bereits vor dem eigentlichen Konzertbeginn klassische Musik zur Unterhaltung. Während sich die Gäste auf die zwölf Cellisten der Berliner Philharmoniker freuen, bewundern sie die unerwartet schöne, ländliche Kulisse, mit weiten, gepflegten Wiesen, einem großzügigen Park und malerisch verstreuten Gebäuden.

Glückliche Kindheitserinnerungen

Derweil spaziert der Initiator der Konzerte, Werner Martin, durch die Menschen und kommt vor lauter Begrüßen kaum dazu, letzte Anweisungen für den Ablauf zu geben. Da er beide Hände zum Schütteln braucht, hat er sich den minutiös ausgearbeiteten Ablaufplan unter den Arm geklemmt. So hat er in den letzten zehn Jahren alle seine Sommerwochenenden verbracht. Mit Musik und frischer Luft und dieser seltsam archaischen Stimmung, die den Sohn eines brandenburgischen Pfarrers an seine glückliche Kindheit erinnert.

Dies ist zwar das erste Konzert auf Schloss Liebenberg, aber trotzdem ein historischer Ort für das privat finanzierte Festival. Im Frühjahr 1990 fand sich hier eine Gruppe von Freunden zusammen, um etwas Konkretes zu tun für die Einheit: Menschen zusammenbringen, Musik machen.

"Waren wir naiv damals", resümiert Martin, während sich die Gäste langsam von den Kaffeetafeln lösen und durch die eigens fürs Konzert aufgestellten Reihen mit Lorbeerbäumchen zur Konzertscheune spazieren. "Wir wussten nicht, ob Open Air oder Innen-Konzerte, und wie man das alles anfangen soll. Am Anfang hat es überall geklemmt."

Dass die Anfangsprobleme bald behoben waren, hat einerseits zu tun mit dem hohen persönlichen Einsatz der vielen Freunde, die an dem privat finanzierten Festival mitwirken, andererseits mit der unermüdlichen Präsenz der Initiatoren. Werner Martin, der Visionär, und seine Frau Karin, das Organisationstalent, haben praktisch jede freie Minute in dieses musikalische Projekt der deutschen Einheit gesteckt, nicht immer zur Freude der halbwüchsigen Kinder. "Am Anfang fanden wir es aufregend, aber später habe ich mir doch oft gewünscht, im Sommer mal mit meinen Eltern weiter zu verreisen wie andere Kinder auch", erinnert sich Tochter Friederike, die vom Studium aus England auf Berlin-Urlaub ist und nun auch mithilft, dass die Blumen für die Künstler bereit stehen und die Gäste den Weg durch den Park zum Konzert finden.

Die persönliche Ansprache sowohl der Gäste als auch der Sponsoren und der Künstler gehört zu den Erfolgsgeheimnissen der Sommerkonzerte und macht Präsenz unabdingbar. Ob der Windsbacher Knabenchor auftritt oder, wie diesmal zur Welturaufführung einer Komposition zum zehnten Jubiläum, die zwölf Cellisten der Philharmomiker - für alle gibt es in einer Zeremonie im Anschluss an das Konzert Dankesworte und kleine Geschenke. Diesmal findet die Zeremonie im Seehaus Liebenberg statt, wo die Hauptsponsoren dieses Konzerts, die Landeswohnungsbaugesellschaft LEG Wohnen mbh und die Deutsche Kreditbank AG ein Essen geben. Honorare sind eine Freude für Bankkonten. Über eine Flasche Wein für den Heimweg und eine Ansprache über den Applaus hinaus freuen sich auch arrivierte Musiker. So einfach ist das. Und so stimmungsvoll.

Denn natürlich war die Dramaturgie des Landkonzert-Tages bis ins kleinste Detail abgestimmt. Günter de Bruyn hat gelesen im Schlosssaal, es gab Führungen durch den Park, und irgendwann beriet sich Werner Martin mit leicht gerunzelter Stirn mit den Mitarbeitern darüber, ob das Trio nicht den gewünschten Spannungsbogen störe. Denn eigentlich soll es ja so sein, dass das Erlebnis stiller, unberührter Natur die Sinne gewissermaßen aufschließt für das anschließende Konzert. Es gehören viele Helfer dazu, um den Genuss abzurunden.

Die regionalen Freundeskreise sind eine wesentliche Essenz in diesem vorbildhaften Mikrokosmos der Wiedervereinigung. Auf Schloss Liebenberg, das demnächst zu einer Fortbildungsstätte umgebaut werden soll, haben sie zwei Wochen lang heftig geschuftet, um den Gästen einen optimalen ästhetischen Genuss zu bieten. "Das ist inzwischen auch so eine Art Wettbewerb, bei dem keiner zurückstehen will", sagt Werner Martin, dessen Motivationskraft die Räume seiner in Kudammnähe gelegenen Anwaltkanzlei sprengt.

Vielleicht gehört dazu eine tiefe, in jungen Jahren erworbene Abneigung, freie Zeit einfach so zu vertun. Unter dem freundlichen Motto, "Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass man ein gutes Glas Wein zusammengetrunken hat", schafft er es immer wieder, Menschen zusammenzubringen und ihnen Lust zu machen, gemeinsam etwas zu tun.

Menschen, die in den ersten Jahren an der Umgestaltung der neuen Länder beteiligt waren und inzwischen zurückgekehrt sind, kommen immer wieder, um bei einem Sommerkonzert eine Idylle zu genießen, die man im erschlosseneren Westen des Landes so kaum erleben kann. Kaffeetafeln mit Selbstgebackenem gehören vor kleine Kirchen, denen die Denkmalpflege-Projekte der Klassiker auf Landpartie noch viel Gutes tun können, sie gehören vor unentdeckte Heimatmuseen, auf Wiesen, an deren Rande der Klatschmohn blüht. Die langen Fahrten durch Alleen, an deren Seiten der Nebel sich sacht auf die Wiesen senkt, vermitteln seltene Eindrücke von unberührter Natur.

Wunder erwünscht

Mit viel Grün ist auch die Konzertscheune in Liebenberg geschmückt. Die Suite in vier Sätzen von Wilhelm Kaiser-Lindemann enthält religiöse Motive, aber auch solche aus der Computerwelt. Das mögen manche Zuhörer zu fordernd (oder zu ermüdend) finden, aber nach der Pause gibt es noch südamerikanische Kompositionen, die dem auf Klassik ausgerichteten Ohr vertrauter klingen mögen.

Im Grunde passt das neue Stück, das in diesem Jahr den sonst ebenfalls von den Sommerkonzerten ausgeschriebenen Kompositionswettbewerb ersetzt, ganz gut zu den Sommerkonzerten, die allseits bekannte Klassiker immer wieder mit Überraschendem ergänzen. So gelingt eine reizvolle Spannung zwischen dem ländlich-ursprünglichen Ambiente und den anspruchsvollen Programmen.

Inzwischen ist auch Friederike Martin ganz versöhnt mit dem Engagement der Eltern. Schließlich verdankt sie dem eine Menge interessanter Begegnungen. Nicht jeder, der schöne Sommerurlaube macht, hat die Chance, sein Dinner in der Gesellschaft herausragender Musiker, wie der Cellisten der Philharmoniker einzunehmen. So klingen Landpartien in kleineren Kreisen aus bei Gesprächen, die den üblichen Small Talk meist hinter sich lassen.

Allerdings sollte man sich von dem Eindruck entspannter Harmonie beim abendlichen Gläserklirren nicht täuschen lassen. Werner Martin, der im Rahmen seiner Möglichkeiten so viel für das Image seiner Kinderheimat getan hat, ist nicht der Typ, der sich im Jubiläumsjahr stolz zurücklehnt. Mag die eine Mission erfüllt, die Mischung von Stadt und Land und Ost und West, als Markenzeichen etabliert sein, sieht er bereits andere Herausforderungen am Horizont aufdämmern.

Sollten die Landpartien von den klassischen Pfaden abweichen und sich in jene Orte begeben, die schrecklichen Ruhm durch Jugendgewalt und Rechtsradikale bekommen haben? Sollte man über Konzerte, die offensiv und von allen wahrnehmbar im Mittelpunkt des jeweiligen Orts veranstaltet werden, unter Umständen auch völlig verrohten oder abgedrifteten Jugendlichen Perspektiven zurück in eine zivilisierte Gesellschaft aufzeigen können? Das mag auf Anhieb aussichtslos klingen. Andererseits ist es den Konzerten ja auch gelungen mit kleinsten Schritten zu einer Einheit beizutragen, die auf anderen Ebenen sehr viel holpriger verlief. Vielleicht sagt Werner Martin in weiteren zehn Jahren noch einmal: "Waren wir naiv damals." Die Wunder, die notwendig wären für den Erfolg eines solchen Projekts, werden nicht von zu eng gesteckten Horizonten heraufbeschworen. Sie lieben Tatkraft und Einsatzfreude.

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