Der Tagesspiegel : Landung in Schönefeldchen

Verwirrung nach erneuter Verschiebung der Privatisierungsentscheidung / Minivariante für Ausbau erwogen

Klaus Kurpjuweit

Schönefeld. Jetzt ist alles wieder offen: Nach dem Vertagen der Entscheidung zur Privatisierung der Flughafengesellschaft wird nicht mehr ausgeschlossen, dass es doch noch zu einer Einigung mit dem Käuferkonsortium um Hochtief und IVG kommt. Hinter den Kulissen hat es wohl gekracht, denn der Verhandlungsführer für die Flughafengesellschaft, Michael Pieper, erklärte nach einer Zusammenkunft mit den Altgesellschaftern Berlin, Brandenburg und Bund seinen sofortigen Rücktritt. Dabei war die Verhandlungsführung Piepers bis zuletzt von fast allen Seiten gelobt worden.

Die Altgesellschafter hatten sich bereits darauf vorbereitet, den Flughafen Berlin Brandenburg International (BBI) in staatlicher Regie zu bauen – wenn überhaupt. Längst mehren sich nämlich die Stimmen, die zunächst einen nur kleinen Ausbau in Schönefeld für ausreichend halten. Die Flughäfen Tegel und Tempelhof sollten auch bei diesem Modell trotzdem geschlossen werden.

Ein solides Finanzierungskonzept der öffentlichen Hand haben die politisch Verantwortlichen bisher nicht vorgestellt. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hat bisher nur allgemein gesagt, falls es erforderlich werde, könnte der Flughafen aus der öffentlichen Kasse finanziert werden. Berlin und Brandenburg müssten nach Angaben von Berlins Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) nach ihren Gesellschaftsanteilen jeweils 240 Millionen Euro aufbringen, der Bund etwa 170 Millionen Euro – in jährlichen Raten bis zur geplanten Eröffnung von BBI 2008/2009.

Würde der Flugverkehr in Schönefeld zunächst am alten Standort konzentriert und nur ein provisorischer Ausbau vorgenommen, ließe sich mit dem Flughafen wahrscheinlich kurzfristig Geld verdienen. Die Ausbaukosten wären moderat und könnten sich schnell amortisieren. Ohnehin ist bereits geplant, bei einem Bau in eigener Regie das Abfertigungsgebäude kleiner als bisher geplant zu bauen, um die Kosten zu reduzieren.

Rund 300 Millionen Euro ließen sich zudem sparen, wenn man auf den Bau eines Fern- und S-Bahnhofes unter dem geplanten Abfertigungsgebäude zwischen den beiden vorgesehenen Start- und Landebahnen verzichtet. Der Berliner TU-Professor Wilfried Legat, Experte für integrative Verkehrsplanung, hält den Bahnhof für „völlig überflüssig“. Er würde nur zu einem Wachstum bei den Fluggastzahlen um fünf Prozent führen. Stattdessen sollte man einen modernen Zubringerdienst, etwa eine Hängebahn, vom Bahnhof Schönefeld aus anbieten.

Legat setzt sich ebenfalls für eine öffentliche Finanzierung des Flughafenbaus ein. Dies wäre eine lohnende Investition. Beim Ausbau von Bahnstrecken oder Nahverkehrssystemen gehe der Staat dagegen in der Regel ein viel höheres Risiko ein.

Vorgemacht hat es München. Der Flughafen dort wurde unter Regie der Flughafengesellschaft errichtet. Die Gesellschafter, Bayern, die Stadt München und der Bund, gewährten der Flughafengesellschaft Darlehen, die erst zu verzinsen und zurückzuzahlen waren, als die Flughafengesellschaft dauerhaft Gewinn gemacht hat. Die Altschulden konnten nach Angaben von Flughafensprecher Hans-Joachim Bues im vergangenen Jahr aus der Bilanz getilgt werden.

Jetzt schreibt München wieder rote Zahlen, weil sie gemeinsam mit der Lufthansa ein weiteres Abfertigungsgebäude baut. Münchens Pläne für den neuen Flughafen waren einst gerichtlich gestutzt worden. Schon während des Baus waren dann aber nach Bues Angaben ständige Planungsänderungen erforderlich, weil die Prognosen zur Fluggastentwicklung nach oben gingen. So wurde der Bau am Ende teurer als geplant.

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