Landwirtschaft : Bauern kippen wieder ihre Milch auf den Acker

Landwirte schließen sich Protesten ihrer französischen Kollegen an. Der Boykott gegen niedrige Preise verstößt allerdings gegen das Kartellrecht

Alexander Fröhlich
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Milch marsch. Für Landwirt Jens Gerloff aus Teetz ist es „eine Frage der Berufsehre“, sich an der Aktion der französischen...

Potsdam - Trotz Verbots eines Lieferstreiks schließen sich auch in Brandenburg vereinzelt Milchbauern den Protesten ihrer Kollegen in Frankreich gegen niedrige Milchpreise und die von der Europäischen Union geplante Liberalisierung des Milchmarktes an. „Ich kippe die Hälfte meiner Milch weg“, sagt Jens Gerloff. Er ist Landwirt aus Teetz bei Kyitz (Ostprignitz-Ruppin) und Vorstandsmitglied beim Bauernbund in Brandenburg. „Ob ich das wegschütte oder nicht, Verluste bringt es sowieso.“

Eine Woche lang will Gerloff 1200 Liter Milch nicht mehr an die Molkerei liefern. 100 Milchkühe stehen in Gerloffs Stall und noch einmal 120 Jungtiere, doch leben kann der Landwirt davon nicht. Sein Kollege Arnold Blum aus Glövzin in der Prignitz gibt vorerst gar keine Milch mehr ab. Mit zwischenzeitlich 17 Cent und derzeit 20 Cent je Liter könne er nicht wirtschaften. Unterstützung für den Boykott kommt vom Bauernbund und dem Verband Deutscher Milchviehhalter. Brandenburgs Bauernverband aber lehnt den Boykott ab.

Das Bundeskartellamt hatte Landwirte, die sich im Frühjahr 2008 am Milchstreik beteiligt hatten, abgemahnt. Kürzlich erst wertete das Oberlandesgericht Düsseldorf jeden Streikaufruf als Verstoß gegen das Kartellrecht. Kostendeckende Preise dürften nicht durch Boykott erzwungen werden, hieß es im Urteil. Doch Landwirt Arnold Blum sagt: „Wir möchten trotzdem ein Zeichen gegen die Resignation setzen.“ Für Jens Gerloff ist die Aktion „eine Frage der Berufsehre“.

Viel eingebracht haben den Bauern die 2008 über Wochen anhaltenden Proteste nicht. Damals gab es 30 Cent pro Liter, der Lebensmitteleinzelhandel hatte massive Preissenkungen bei den Molkereien durchgesetzt. Heute, mehr als ein Jahr später, ist der Preis noch niedriger. Das liegt vor allem an der Milchquote, bis zum Jahr 2015 darf jedes EU-Land ein Prozent Milch mehr produzieren, dann fällt die Quote weg, der Markt ist dann liberalisiert.

Zuletzt war Deutschland mit einem Vorstoß gescheitert, die Erhöhung der Quote im kommenden Jahr auszusetzen. Bauernbund und Milchbauern gehen noch weiter, sie wollen die Milchmengen begrenzen lassen. Angesichts der Widerstände in der EU hat sich der Bauernverband inzwischen mit der Lage abgefunden. Sprecher Brantsch berichtet zwar von zahlreichen Betrieben, die wegen der Preise keine Milch mehr produzieren, dennoch sagt er: „Die Milchwirtschaft ist der einzige Bereich, in dem der Markt noch nicht funktioniert. Das wird aber kommen, da haben wir keine Chance.“ Nun müssten die Betriebe fit für Wettbewerb gemacht werden.

Landwirt Blum hingegen spricht von einer „waschechten Milchmafia aus Molkereien, Handel und Exportfirmen“. Jens Gerloff sagt: „Das ist Politik für den Weltmarkt. Dieser Strukturwandel geht nur über genügend Pleiten – erst dann steigen die Preise. “ Auch er selbst lebe vom Ersparten, „lange geht es nicht mehr, dann ist Ende“.

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