Der Tagesspiegel : Lange Kerls: Das Elite-Bataillon erhält durch drei Potsdamer Verstärkung

Carolin Holzmeier

Alles begann mit dem Skelett des "rothen Grenadiers seiner Majestät", Jonas Heinrichson. Der 2,12 Meter große Mann war zwischen 1713 und 1736 bei den Langen Kerls, dem Elite-Bataillon Friedrich Wilhelm I. Der Fund seiner Gebeine gab im Jahre 1990 in Potsdam den Anstoß zur Neugründung der Garde-Truppe. Der Verein Potsdamer Riesengarde "Lange Kerls" e.V. zählt 54 Mitglieder, von denen 36 aktiv sind. Die Langen Kerls marschieren in historischen Uniformen und nach preußischem Vorbild auf - bei Wachtparaden, Umzügen oder sonstigen Anlässen. "Wir wollen Potsdam ein Stück Geschichte zurück geben", sagt Vereinsvorsitzender Bernd Kuhl.

Während die Stadt jedoch recht wenig Interesse an der Truppe zeige, nehmen die Angebote aus nah und fern stetig zu. "Inzwischen haben wir 80 bis 100 Auftritte im Jahr - von Amerika bis Japan." Wer in die Uniform schlüpfen will, muss wie die Vorbilder aus den Zeiten des Soldatenkönigs, der schon rund zehn Jahre vor seiner Thronbesteigung 1713 die Truppe gegründet hatte, mindestens sechs preußische Fuß messen, also rund 1,88 Meter. Am Sonnbend fand die jährliche Musterung im Hof der Potsdamer Gaststätte "Zum Klosterkeller" statt. Karl Friedrich Heide ist 2,01 Meter groß und hat damit die nötigen sechs preußischen Fuß (1,8804 m) erreicht, um Grenadier bei den Langen Kerls zu werden. "Ein angenehmes Äußeres hat er ja", sagte Klaus Brucker vom Verein "Lange Kerls" e.V., denn das Äußere war wohl schon früher für die Repräsentiergruppe unter dem Soldatenkönig wichtig. Heide wurde seiner Größe nach in die Reihe eingeordnet, dann bauten die Kerls eine Gewehrpyramide und der Call-Center-Agent war aufgenommen. Bei ihren Auftritten haben die heutigen Langen Kerls stets Vorderlader Brown-Wess und vom nächsten Jahr an Repliken von Infanteriegewehren von 1728 dabei. Drei Neue wurden am Sonnabend gemustert, neben Heide noch der 1,99 Meter große Gunnar Schröder als Grenadier und der 17 Jahre junge Arno Levin als Tambour. Trommelspielen kann Arno noch nicht, doch "das wird er bei uns lernen", sagte Brucker.

Die Langen Kerls tragen blau-weiß-rote Uniformen mit Manschettenknöpfen wie damals am 8. Juli 1713, als 700 Männer in Potsdam einmarschierten. Ihre Mützen hatten die lateinische Aufschrift "semper talis" - immer die Gleichen. Perücken werden aus tibetanischem Büffelhaar angefertigt. Eine Uniform mit Perücke hat einen Wert von 8000 DM. Der 23-jährige Jurastudent Gerd Köhler ist mit seinen 2,10 Meter der Größte in der Garde. Er interessiere sich sehr für die Potsdamer Geschichte, sagte er, daher engagiere er sich als Langer Kerl. Es sei sein Hobby. "Ein Militärliebhaber bin ich aber bestimmt nicht", betonte der Kriegsdienstverweigerer. Drei Mitglieder der Kampagne gegen Wehrpflicht wollten sich die Musterung anschauen, doch "wurden wir gleich auf die Straße zurückgeschickt", sagte Lutz Boede. Sie unterhielten sich später mit einigen Langen Kerls. "Wir wollen kein Maskottchen in Potsdam", sagte Boede. Ein altes, monarchistisches Symbol gehöre nicht in unsere Zeit. Die Kerle betonten ihre geschichtlichen Interessen und ihr Ziel, Geschichte zu zeigen.

Seit einigen Monaten gehören auch so genannte Soldatenfrauen zum Verein. Sie begleiten die Garde bei ihren Auftritten, sorgen für die Verpflegung für zwischendurch und helfen aus, wo es nötig ist. Beim Marsch bilden sie kostümiert das Schlusslicht. Aktive Mitglieder des Vereins opfern viel Zeit für die Auftritte. In ihren warmen Uniformen marschieren sie häufig drei Stunden durch die Straßen. "Ab 20 Grad aufwärts ist es sehr anstrengend", erzählte ein Grenadier. Im Rahmen der Buga werden sie zumindest bei der offiziellen Begrüßung dabei sein, so Vereinsmitglied Ronald Meißner. Im September ist eine Parade im Filmpark Babelsberg geplant.

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