Der Tagesspiegel : Langes Warten auf kurze Züge

Weil sich die S-Bahn bei den Fahrgastzahlen verschätzt hat, geht es auf dem Ring seit dem Fahrplanwechsel drunter und drüber

Stefan Jacobs

Berlin - Mit dem Fahrplanwechsel zur WM wollte auch die Bahn zu Höchstform auflaufen – doch in den vergangenen Tagen hat sie viele Stammkunden eher enttäuscht: Regionalzüge fahren häufiger als sonst verspätet, und bei der S-Bahn drängeln sich genervte Pendler vor allem morgens in völlig überfüllten Zügen.

Die Pünktlichkeitsquote der Regionalzüge ist nach einer ersten Zwischenbilanz von den üblichen 93 auf knapp 90 Prozent gesunken – genauere Zahlen sollen im Juli verkündet werden. Als unpünktlich gilt ein Zug bei einer Verspätung von mehr als fünf Minuten. Dass diese wenigen Minuten oft darüber entscheiden, ob die Anschlüsse klappen, weiß auch die Bahn. Ihr Sprecher Burkhard Ahlert verspricht: „Nach der WM werden wir wieder pünktlicher.“ Nach seinen Angaben resultieren die Probleme aus mehreren „Langsamfahrstellen“, die während der WM nicht repariert werden sollen, damit keine Strecke durch Bauarbeiten blockiert ist: „Zurzeit ist alles unterwegs, was rollt“, sagt Ahlert. „Dafür haben wir das Baugeschehen runtergefahren.“ Nadelöhre gibt es beispielsweise in Hennigsdorf im Norden und Genshagen südlich von Berlin.

S-Bahn-Kunden plagen sich mit einem anderen Problem: Auf dem Ring sind die Züge neuerdings oft hoffnungslos überfüllt. Besonders betroffen ist der südöstliche Abschnitt zwischen Neukölln und Schöneberg, aber auch auf dem Abschnitt von der Schönhauser Allee nach Jungfernheide gibt es oft großes Gedränge. Das Problem ist hausgemacht, weil die Planer bei der S-Bahn offensichtlich die Nachfrage unterschätzt haben: Der viel beworbene Fünfminutentakt gilt nur zur Hauptverkehrszeit – und die endet für die S-Bahn schon gegen 8.30 Uhr. Nur eben für die Kunden nicht, die sich mit dem anschließenden Zehnminutentakt wohl besser arrangieren könnten, wenn die S-Bahn nicht auch noch die Züge verkürzt hätte: Statt bisher acht Wagen fahren jetzt nur noch sechs. Das ist umso kritischer, weil die Fahrgäste auch öfter umsteigen müssen als bisher – beispielsweise von der S 47, die jetzt schon am Südkreuz endet. Die Bahnhofsaufsichten reagieren mitunter schon gereizt, weil sie den geballten Frust der Fahrgäste abbekommen. „Vielleicht hilft es ja, wenn sich genug Leute in unserem Kundencenter in der Invalidenstraße beschweren“, sagt eine genervte Aufsicht.

S-Bahn-Sprecher Gisbert Gahler bestätigt, dass auf dem Südring zwar zur „Hauptverkehrszeit“ drei Züge mehr pro Stunde unterwegs seien, aber danach fünf weniger, nämlich 15 statt bisher 20. Offensichtlich habe man die Zeit des morgendlichen Berufsverkehrs – die im Westteil Berlins traditionell etwas später ist als im Osten – falsch vorhergesagt. Das Problem sei erkannt und solle noch im aktuellen Fahrplan behoben werden, „sonst geraten wir arg in Bedrängnis“. Ähnliche Probleme hat die S-Bahn auf der S1, auf der nach Frohnau ebenfalls nur noch sechs statt acht Wagen unterwegs sind.

Zwar ist auch bei der S-Bahn die Pünktlichkeit in den letzten Tagen von 97,5 auf 96,2 Prozent gesunken. Aber dieser Wert ist immer noch besser als die 95 Prozent vom Juni 2005. Intern waren Probleme befürchtet worden, weil die Züge sich nicht mehr wie bisher von anderen Strecken für nur eine Runde auf den Ring ein- und ausfädeln, sondern ihn bis zu 19 Mal nacheinander umrunden. Statt bisher 63 Minuten haben sie dafür nur noch eine Stunde Zeit – Wartezeiten wegen überfüllter Bahnsteige sind da nicht drin.

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