Langzeitdoku : Das ganze Leben - und noch viel mehr

Die unendliche Geschichte der Kinder von Golzow ist beendet. Die letzte Folge des längsten Dokumentarfilm-Projekts der Welt startet heute im Kino.

Kerstin Decker
Golzow
Barbara und Winfried Junge. Die Regisseure der "Kinder von Golzow" stehen 2008 im Schnittraum. -Foto: Progress Film-Verleih

Auch unendliche Geschichten gehen einmal zu Ende. Die beiden Schluss-Teile der ältesten Langzeitdokumentation der Filmgeschichte kommen heute in die Kinos. Die Kinder von Golzow, zum letzten Mal.

Und ist Regisseur Winfried Junge, der Berliner, inzwischen nicht selbst ein Kind von Golzow? Normalerweise weiß kein Berliner, wo das liegt. Junge wusste es auch nicht, bevor er 1961 zum ersten Mal in diesem kleinen brandenburgischen Dorf stand, um ein Projekt der Superlative zu beginnen. Sechsundzwanzig Jahre alt war er, Absolvent der Babelsberger Filmhochschule und Assistent bei Karl Gass, dem Vater des DDR-Dokumentarfilms.

Der Dokumentarfilm hatte es bis dato nicht leicht in der DDR. Er dokumentierte zumeist Ideen und Ziele und erziehen wollte er auch. Die bloße Wirklichkeit zu zeigen, war das nicht so reaktionär wie diese Wirklichkeit selbst – zumindest nach den Begriffen der DDR? Aber vielleicht gab es einen Kompromiss. Karl Gass hatte die Idee: Wir schauen einfach zu, wie sich die sehr unvollkommene Wirklichkeit in Richtung Ziel entwickelt. Wir porträtieren Lebensanfänger, eine 1. Klasse und sehen, was aus denen einmal wird.

Der junge Dokumentarfilmer war begeistert. Filme voller Wirklichkeit würde er machen, fast ohne Kommentar, ohne Zeigefinger, ohne Pathos – wie die internationale Avantgarde des Dokumentarfilms. Bloß wo? Berlin war undenkbar: zu liederlich. So eine geteilte Stadt mit offenen Grenzen bringt womöglich geteilte Menschen hervor. Wir suchen weiter östlich, dort wo die durchziehende Front 1945 keinen Stein auf dem anderen gelassen hat, beschloss Gass. Also Eisenhüttenstadt, die erste sozialistische Stadt? Aber da gab es allein zwanzig erste Klassen. Welche hätten sie nehmen sollen?

Irgendwann fiel zum ersten Mal der Name Golzow. Im Frühjahr 1945 hatte die Wehrmacht noch die Golzower Kirche gesprengt, damit die Russen das Dorf nicht so leicht finden, es jedenfalls nicht schon von weitem sehen konnten. Tabula rasa, Neu-Land. Das Alte weg und das Neue schon da: die Dorfschule war eben erst gebaut worden. Eine einzige Klasse statt zwanzig würde hier eingeschult werden und sie kam – einen Kameraschwenk weit weg – genau aus dem Kindergarten gegenüber. Zehn Klassen auf dem Land, auch das war neu, und längst nicht alle Eltern verstanden die merkwürdige Idee, dass ein Bauernkind künftig zehn Jahre Theorie brauchen sollte, nur für die Praxis im Stall und auf dem Feld. Optimal!, dachte Junge. Alles vorbei!, dachte er Wochen später, genau am 13. August 1961. Vergiss Golzow, wir haben andere Probleme, würde ihm jetzt jeder sagen. Und richtig, sein Kameramann baute in Berlin an der Mauer.

Trotzdem: am 1. September 1961 standen viel zu große schwerfällige 35mm-Kameras draußen vor den Golzower Schulfenstern – die unteren Scheiben waren abgeklebt, damit die Kinder nicht nur in die Objektive, sondern auch auf die Lehrerin schauten. Mit Sonderbefehl war der Kameramann von der Mauer wegkommandiert worden und warf umgehend die Pläne seines Regisseurs um. Allen Kindern wollte der Sozialismus die gleichen Chancen geben, gerade den benachteiligten – dabei gab es nicht einmal eine sozialistische Kamera. Alle gleichermaßen im Bild – das wird kein Film, wusste Junge. Er hatte sich entschlossen: Der dicke, kluge Jochen sollte in die Mitte des ersten Films über die Kinder von Golzow. Der Titel war auch schon klar: „Jochens erste Schultage“. Ausgeschlossen, antwortete der Kameramann, dieser Jochen hat doch die Mimik eines Eisbärs. Und sein Blick fiel auf einen kleinen Blonden: Der ist es!

Der weiche, lächelnde, blonde Jürgen. Kein anderer hatte diesen vom Leben ganz und gar ungekränkten Kinderblick, in dem alles stand, was man wünschen, was man hoffen durfte. Die Lehrerin sagte: „Wer gut lernt, wird auch als erster Pionier werden.“ Dass die Filme über die Kinder von Golzow die Erwachsenen immer wieder konfrontieren mit dem Kind, das sie einmal waren, macht ihre Faszination aus. Das Leben als Fortschritt? Und was, wenn Menschen mit sechs Jahren am schönsten sind: Vielleicht an jedem ersten Schultag sehen Kinder aus wie die Utopie des Lebens selbst. Oder auch mit elf, auf dem Höhepunkt der Kindheit. Nie wieder waren sie so offen, so frei, so neugierig vor einer Kamera. Und so erschrocken. Die Golzower sahen die ersten Bilder aus Vietnam bei Elke zu Hause, denn damals hatte noch längst nicht jeder einen Fernseher. Winfried Junge wusste schon, dass er besonders Dieter im Auge behalten musste, weil sein Gesicht wie ein Spiegel war und weil manche Gesichter ganze Kommentare ersetzen.

„Elf Jahre alt“ begann fast genau so wie die beiden letzten Teile der Golzow-Saga jetzt, mit dem Blick auf die vereiste Oder und dem Satz Heraklits: „Man kann nicht zweimal in den gleichen Fluss steigen.“ Der Fluss begann damals bald frei zu strömen wie das Leben selbst, doch drei Jahre später – „Wenn man vierzehn ist“ – plötzliches Blitzeis, Pubertätsstarre. Denn mit vierzehn ist man kein Spiegel mehr, will man nicht mehr über alles reden und manchmal auch nicht mehr gefilmt werden. Ein guter Instinkt der Golzower, denn auch Junge hatte ein Problem: „Wenn man vierzehn ist“ sollte ein Film zum 20. Geburtstag der DDR sein, gewissermaßen ein Geburtstagsgeschenk und ein bisschen sah er wohl auch so aus.

Die Kinder-von-Golzow-Filme zeigen Lebensgeschichte als Zeitgeschichte und Zeitgeschichte als Lebensgeschichte. Inklusive Dorfgeschichte, Rocklängengeschichte, Inneneinrichtungsgeschichte, Ideologiegeschichte und viele mehr. 1982 kam Junge zum ersten Mal auf die „Berlinale“ mit „Lebensläufe. Die Geschichte der Kinder von Golzow“. Schon damals ein bemerkenswerter Film: 18 Jahre Drehzeit, 40 000 Filmmeter, viereinhalb Stunden Vorführdauer.

Als Winfried Junge nach 1990 anfing, Einzelporträts der Golzower zu drehen – jetzt erst recht, hat er gedacht und es jedem gesagt – war der blonde Jürgen mit dem Lachen wieder der erste vor der Kamera, „Das Leben des Jürgen von Golzow“ (1993/94). Er ist im letzten Jahr gestorben, in Berlin, gerade Mitte fünfzig, an Speiseröhrenkrebs, aber eigentlich am Leben selbst. Denn das Leben und die Zeit sind keine ebenbürtigen Gegner. Aber dass so wenige Erfolgsgeschichten unter seinen Porträts sein würden, hat Winfried Junge doch überrascht. Was einmal Neuland war, ist heute eher vergessenes Land. Immerhin, er hat auch Elke („Was geht euch mein Leben an?“ 1997) und Marieluise („Da habt ihr mein Leben“ 1997) porträtiert. Zwei Frauen, mindestens so hartnäckig wie das Dasein selbst. Die sehr katholisch erzogene Elke hat inzwischen den vierten Mann, und Marieluise wohnt längst ganz nah am Rhein statt an der Oder.

Und die beiden nun wirklich letzten Filme über die Kinder von Golzow? Sie zeigen jene, die das per se nichtkommunistische Auge der Kamera am wenigsten wahrnahm. Die im Hintergrund, Eckhard und Bernhard zum Beispiel. Keine Brüder, aber sie sahen sich schon als Kinder seltsam ähnlich. Beide sind Maschinenschlosser geworden und sind befreundet bis heute. Bernhard hat es mit der nach der Wende nicht mehr gebrauchten Golzower Landwirtschaftstechnik bis in die Ukraine geschafft. Und da ist auch noch Karin, die selbst den größten Schweinen der LPG ihren Willen aufzwang, nur dem Leben nie. Oder Gudrun, die Tochter des Erfolgs-LPG-Vorsitzenden Arthur Klitzke, die so gern Köchin werden wollte. Aber gab es Erfolgsköchinnen, damals im Sozialismus? Also Studium und Bürgermeisterin des Nachbardorfs, in dem sie doch immer fremd blieb. So fremd wie später als Steuerberatergehilfin in Westdeutschland.

„Nicht lange wird es dauern und sie stehen neben uns: Bürger der Deutschen Demokratischen Republik“, lautete der Schlusssatz des ersten Golzow-Filmes 1961. Regisseure können irren und ein echter Zeitenbruch mitten im Film ist ein Glücksfall für jeden Dokumentarfilm, und für den längsten erst recht. Schade nur, dass das „und sie stehen neben uns“, mitten im Leben also, für so wenige noch stimmt.

Zuletzt hat Winfried Junge in seinem Lebenswerk das porträtiert, woran er am wenigsten dachte und was der Sozialismus einst ganz abschaffen wollte: das Schicksal selbst.

Premiere des letzten Teils „Die Kinder von Golzow: Das Ende der unendlichen Geschichte“ heute um 20 Uhr 30 im Kino Toni am Antonplatz in Weißensee.

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