Langzeitstudenten : Dinosaurier im Galopp

Langzeitstudierende stehen unter Druck. Denn in Berlin laufen die alten Studiengänge jetzt aus.

Emilia Smechowski
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Endlich vor die Klasse. Doch wer aufs Lehramt studiert und in diesem Jahr nicht alle Leistungen für das Examen zusammenhat, wird...Foto: Manfred Thomas

Sophia Lebert fühlt sich, als würde sie einen Marathon laufen. Einen Marathon, in dem das Scheitern inbegriffen scheint, von dem sie schon jetzt glaubt zu wissen: Sie wird das Ziel nicht erreichen. Sophia studiert Deutsch und Philosophie auf Lehramt, im auslaufenden Staatsexamens-Studiengang. Vor ein paar Monaten hat die 26-Jährige einen Brief vom Landesprüfungsamt erhalten, in dem sie freundlich darauf hingewiesen wurde, dass die Frist für die Meldung zur Ersten Staatsexamensprüfung am 30. September 2010 auslaufe. Sophias Problem ist so gravierend, dass sie ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Sie hat bei Weitem nicht alle nötigen Leistungsnachweise zusammen, um sich für die Prüfung anmelden zu können.

Anders als bei den Magister- und Diplomprüfungen ist das Staatsexamen eine Abschlussprüfung, die vom Staat und nicht von der Universität abgenommen wird. Der Grund für diese staatliche Kontrolle lag ursprünglich im öffentlichen Interesse, die Qualität verantwortungsvoller Berufe wie Lehrer, Arzt und Jurist zu sichern. Die letzten Studierenden, die ihr Studium mit der staatlichen Prüfung abschließen sollten, begannen ihr Studium im Sommersemester 2004. Ein Jahr davor startete Sophia mit ihrem Studium. Sieben Jahre ist das jetzt her, im April beginnt sie ihr 15. Semester.

Eine lange Zeit für ein Studium, dessen Regelstudienzeit auf neun Semester angelegt ist. „Ich weiß, ich habe viel gebummelt in den ersten Jahren“, sagt Sophia. In dieser Zeit habe sie noch Bafög erhalten und sich „etwas ausgeruht“. Seit dem sechsten Semester jedoch muss sie sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen, und da fing der Stress plötzlich an. Von ihrer Mutter wird sie kaum finanziell unterstützt, deshalb arbeitet Sophia neben dem Studium 20 Stunden pro Woche in einem großen Kaufhaus an der Information. 20 Stunden, die ihr seit über vier Jahren wöchentlich für das Studium fehlen. Schon lange hat Sophia verstanden, dass ihre Situation dramatisch ist: Ihr Studiengang läuft aus. Sie muss sich beeilen. Doch was soll sie tun, wenn nicht nur das Prüfungsamt Druck macht, sondern auch ihr Kontostand?

Die Ausschlussfrist Ende September bedeutet für Sophia im Klartext: Bis zu diesem Tag muss sie ihre noch fehlenden sechs Hauptseminarscheine, ihre Examensarbeit sowie den Nachweis des zweiten Unterrichtspraktikums einreichen, um sich zur Ersten Staatsexamensprüfung anmelden zu können. Wenn sie das nicht tut, wird sie heruntergestuft, in den entsprechenden Bachelor-Studiengang. Denn wer heute Lehrer werden will, kann in seinen gewählten Fächern nur einen Bachelor „mit Lehramtsoption“ absolvieren, an den sich dann der „Master of Education“ anschließt, der endgültig auf den Lehrerberuf vorbereiten soll. Auch wenn sich Sophia jetzt zusammenreißen muss und einen immensen Druck verspürt: Der Bachelor ist für sie keine Alternative. Sie müsste noch länger studieren. Also folgt sie jetzt einem straffen Arbeitsplan: Nach dem Unterrichtspraktikum, das sie zur Zeit absolviert, will sie im Akkord ihre sechs Hausarbeiten und die Examensarbeit schreiben. „Insgeheim weiß ich aber: Es ist eine schier unlösbare Aufgabe“, sagt Sophia.

Noch über 2.000 Studenten in Berlin, die Examens-Abschluss anstreben

An allen drei Berliner Universitäten gibt es noch etwa 2150 Studierende, die einen Staatsexamens-Abschluss anstreben. Wie viele von ihnen die letzte Frist wahrnehmen werden, auf ein Bachelorstudium umsatteln oder ihr Studium abbrechen, sei im Moment unklar, heißt es bei der Senatsverwaltung für Bildung. Die angesetzte Frist sei „großzügig“, betont Behördensprecher Martin Sand. Dadurch werde mehr Kapazität für die neuen Bachelor-Studierenden frei – und das sei nur fair.

Die alten Lehramts-Studiengänge sind nicht die einzigen Abschlüsse, die auslaufen. Auch die Diplom- und Magister-Studiengänge werden nach und nach von den Universitäten abgewickelt, größtenteils werden in diesen Studiengängen keine eigenen Lehrveranstaltungen mehr angeboten. Dennoch haben diese Studierenden gegenüber den zukünftigen Lehrern einen entscheidenden Vorteil: Bei ihnen entscheidet das jeweilige Institut, und kein Amt, darüber, wie ein Abschluss in einem auslaufenden Studiengang ermöglicht werden kann. „Wir sind in jedem Fall daran interessiert, Magisterstudierenden einen Abschluss zu ermöglichen“, sagt Barbara Gollmer, Referentin für Lehre und Studium an der Philosophischen Fakultät II an der Humboldt-Universität. Immer wieder schreibt sie Nachzügler in hohen Semestern an.

„Diese Briefe verstehen wir als Hilfsangebot und nicht als Drohung.“ Viele Studierende hätten zugegeben, genau diesen Brief als Anstoß gebraucht zu haben, sich wieder an die Arbeit zu machen. In der Hälfte der Fälle konnte die Referentin bei einem anschließenden Beratungsgespräch die Studierenden motivieren, ihren Abschluss nun zügig anzugehen.

Auch für Staatsexamenskandidatin Sophia könnte sich in letzter Minute eine Chance eröffnen, ihr Studium doch noch abzuschließen. Studierenden, denen noch viele Leistungsnachweise fehlten, können sich um eine Nachholfrist „für besonders gravierende Fälle“ bemühen, sagt Martin Sand. Wenn die erforderlichen Unterrichtspraktika und die Examensarbeit bis Ende September vorliegen, könnten die Studierenden noch bis zu zwei Semestern Zeit bekommen, ihre fehlenden Seminararbeiten und andere Leistungsnachweise nachzureichen.

Sophia weiß erst seit Kurzem von der Ausnahmeregelung – und muss nicht lange nachdenken. „Ich werde auf jeden Fall versuchen, eine Nachholfrist mit meinem zuständigen Referenten zu vereinbaren.“ Denn bei all der Unsicherheit und Panik der letzten Monate: Über ihr Berufsziel ist sich Sophia im Klaren. Sie will Lehrerin werden.

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