Lauchhammer : Die Toten eines Winters

Ein Obdachloser erfriert unweit des Obdachlosenheims, ein Polizist wird in seiner Garage ermordet, ein Erwerbsloser erschlagen. Was ist da los, in Lauchhammer? Alles Zufall, heißt es. Doch in der Stadt in Brandenburg tobt ein Verdrängungskampf – und nicht nur dort.

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Lauchhammer
In einer Garage in Lauchhammer wurde ein Hauptkommissar erstochen aufgefunden. -Foto: ddp

Früher oder später kommt die Kälte immer. Kriecht von den Zehenspitzen zu den Füßen und dann die Beine hoch. Er hat eine dicke Manchesterhose an und mehrere Pullover unter dem Anorak. Die Kälte kommt trotzdem. Am meisten schmerzen die Finger. Wenn sie anschwellen, blau und rot werden, weiß er, dass er etwas tun muss. Meist fegt er dann. Irgendwas liegt immer auf der alten Verladerampe, auf der er seine Zeit verbringt. Er greift sich den Besen.

Und ärgert sich: Können die nicht woanders hinpissen? Die gelben Flecken im Schnee sehen aus wie Bier. Einmal im Warmen ein Bier trinken. Wäre schön, findet er. Aber es gibt auch bescheidenere Wünsche, die sich nicht erfüllen lassen. Jedenfalls nicht in diesem nicht endenden Winter. Und nicht, wenn man am Ende der Armutskette steht. Edgar ist erwerbslos und mittellos. Und obdachlos.

Morgens um acht hat es Edgar noch warm. Der 51-Jährige, dessen Name eigentlich anders lautet, sitzt – geduscht und leidlich rasiert – vor einem Pott Kaffee im Obdachlosenasyl von Lauchhammer und erzählt seine Lieblingsgeschichte: Einmal nämlich war Edgar berühmt. Das heißt, eigentlich nicht er selbst, sondern seine Tochter. Die wurde in der Neujahrsnacht vor dreißig Jahren geboren, als erstes Baby eines beginnenden Jahrzehnts. Da hatte die im Süden Brandenburgs gelegene Industriestadt Lauchhammer noch 25 000 Einwohner und mehr Industriearbeitsplätze als heute die ganze Region.

Denn auch Lauchhammer war berühmt. 1952 gelang es hier erstmals, aus Braunkohle hüttenfähigen Koks herzustellen. Die Kokerei ist längst Geschichte, ebenso wie die vielen Brikettfabriken und die Tagebaue. Traurige Berühmtheit hat der Ort durch jüngste Schlagzeilen erlangt: „Erster Kältetoter Brandenburgs“, „Polizist mitten im Wohngebiet ermordet“, „Erwerbsloser wegen Bierschulden erschlagen“. Alles Zufall, meinen die meisten hier. Aber nicht alle.

„Meine Tochter hat damals auch in der Zeitung gestanden“, sagt Edgar stolz und legt seine dicke Jacke und eine Gehhilfe bereit. Um neun muss er raus aus dem Obdachlosenheim, das bis 17 Uhr schließt. Seine Tochter kennt er nicht, schon vor ihrer Geburt hatte sich ihre Mutter von ihm getrennt. „Wegen mei’m Alkoholismus“, sagt Edgar ganz sachlich: „Ich bin seit 30 Jahren Alkoholiker.“

Im Obdachlosenheim von Lauchhammer, einem Containerbau aus den frühen Neunzigern, teilt sich Edgar ein Zimmerchen mit einem anderen Mann. In seinem hohen Spind liegen dicke Wintersachen und viel Schokolade. Am Ende seines schmalen Bettes hockt eine gelbe Plüsch- Ente. Im Obdachlosencontainer gibt es Duschen, eine Küche und den Aufenthaltsraum, wo man abends fernsehen kann.

Zwei Euro und fünf Cent zahlt Edgar für die Übernachtung. Die Städte Lauchhammer und das benachbarte Schwarzheide subventionieren das Heim, das 20 Leute aufnehmen kann. Durchschnittlich übernachten hier zwischen sechs und zehn Menschen. Fast nur Männer.

Geraucht werden darf im Container, Alkohol ist hingegen streng verboten. Edgar hat seit längerem ein Abkommen mit der Heimleitung, weil er die monatliche Stütze immer schon nach drei Tagen versoffen hatte: Die Heimleitung verwaltet nun sein Geld und teilt ihm jeden Morgen zwei Flaschen Bier zu.

Die bekommt Edgar aber erst, wenn er draußen vor der Tür steht. Punkt neun Uhr verstaut er die Flaschen sorgfältig in den Anoraktaschen und humpelt los in Richtung Konsumrampe. „Die ha’m wir uns eingerichtet“, sagt er: „im Sommer isses manchmal richtig gemütlich da.“

Im Sommer. Jetzt ist es bitterkalt auf der etwa eineinhalb Meter hohen und sechs Meter breiten Rampe, wo früher die Lebensmittel angeliefert wurden. Lebensmittelläden hießen zu DDR-Zeiten meist „HO“ oder „Konsum“, hier war ein Konsum und deshalb ist Edgars Rampe die „Konsumrampe“. Von der Straße aus ist sie nicht zu sehen, das Haus ist leer, so dass sich Edgar und seine Trinkerfreunde auch im dunklen Hausflur aufhalten könnten. Aber weil Fenster und Türen schon vor langer Zeit eingeschlagen wurden, ist es dort genauso kalt wie draußen, wo Edgar einen Tisch, Plastikstühle und sogar einen Polstersessel aufgestellt hat. Die meiste Zeit ist Edgar allein auf der Konsumrampe.

Jeden Morgen beeilt er sich, seine zwei Bier auszutrinken – nicht nur wegen der Kälte. Irgendwann, erzählt er, kommt nämlich der „Boss“ hier vorbei, und dann ist es besser, wenn man nichts hat, was ihn interessieren könnte. Der „Boss“ ist ein ehemaliger Unternehmer, der ins Trinkermilieu abgerutscht ist. Er macht vielen hier Angst, die Polizei weiß, dass er öfter zuschlägt, aber keiner traut sich, ihn anzuzeigen. Edgar ganz bestimmt nicht. Er ist so schmächtig, dass er keinerlei Widerstand leisten könnte, wenn ihm jemand an den Kragen geht. „Der Boss rastet ja nur manchmal aus, meist ist er ein guter Kumpel“, wiegelt Edgar ab.

Mit dem „Boss“ getrunken hat auch gelegentlich der 48-Jährige, den eine Frau Anfang Dezember morgens im Park fand, nur ein paar hundert Meter vom Obdachlosenheim entfernt. Der „erste Kältetote Brandenburgs“ in diesem Winter. „Wir stehen vor einem Rätsel“, sagt der Leiter des Obdachlosenheims, Dietmar Rother: „Er hatte sich gerade gut bei uns eingelebt und einigermaßen wohlgefühlt.“ Der Tote hatte die „klassische Karriere“ hinter sich, erzählt Rother: „Job weg, Alkohol. Frau weg, noch mehr Alkohol, Wohnung weg.“

Kurz nach zehn Uhr kommt der „Boss“ zu Edgar auf die Rampe. Edgar hat zum Glück beide Biere schon getrunken, der „Boss“ zieht weiter. Edgar könnte jetzt in die Wärmestube gehen, aber dort gefällt es ihm nicht. „Da wird man entweder abgezogen oder schief angeguckt“, sagt er.

Die Wärmestube ist im sogenannten Mehrgenerationenhaus, einer villenähnlichen ehemaligen Schule, untergebracht. Hier haben sich mehrere Vereine einquartiert, auch der Arbeitslosenverband, der die Wärmestube betreibt. Gegen Mittag sitzen hier vor allem Rentner aus Lauchhammer und freuen sich über die preiswerte Suppe. Dafür reiche die schmale Rente gerade noch, sagt eine ärmlich gekleidete und schlecht frisierte Frau. Ein gepflegt wirkender Mann erzählt hingegen vom letzten Thailand-Urlaub. „Obdachlose? Die wollen hier gar nicht rein“, sagt er: „Hier dürfen die doch nicht saufen.“ Ein anderer Rentner setzt hinzu: „Außerdem können die ihr Wasser nicht halten und stinken.“

„Hier kann schon jeder rein, wenn er will“, sagt eine Mitarbeiterin der Wärmestube und fügt hinzu, irgendwie seien „die Leute ja auch selber schuld, wenn sie keine Wohnung haben.“

„Selber schuld“ – das hört man immer wieder, wenn es um die Obdachlosen geht. „Das ist schon manchmal erschreckend, wie gleichgültig die Menschen sind“, sagt Rother: „Aber wir hatten hier jahrelang 28 Prozent Arbeitslosigkeit. Da tobte ein erbitterter Kampf um Jobs, ja sogar um die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen.“ Manchmal, erzählt Rother, der selbst ABM-Kräfte beschäftigte, sei er von Neidern aus der Nachbarschaft angerufen worden: „Du, Deine ABM-Kraft arbeitet gerade schwarz auf’m Bau ...“.

Aber der Obdachlosenhelfer Rother hat noch eine andere Erklärung für das raue Klima. Wer die nach der Wende quasi über Nacht hereinbrechende Massenarbeitslosigkeit überstehen wollte, musste Opfer bringen: Umschulungen, weniger Lohn, jahrelang weit weg auf Montage, ohne Frau und Kinder. „Solche Menschen sind dann härter und unnachsichtiger zu jenen, die diese Opfer nicht gebracht haben und von staatlichen Alimenten leben“, sagt Rother.

Edgar sitzt zur Mittagszeit immer noch auf der Konsumrampe. Er würde gern etwas essen und trinken, aber dazu braucht er jemanden, der ihm das besorgt. „Bisschen Geld hab’ ich ja, aber ich darf in keinen Discounter mehr“, erklärt er, und kramt umständlich ein paar Euro aus der Hosentasche: „Hab’ schon überall mal was mitgehen lassen. Hausverbot.“

Diebstähle waren lange so ziemlich das Schlimmste, was die Polizei in Lauchhammer beschäftigte. Bis zum November letzten Jahres. Da wurde der 46-jährige Polizeihauptkommissar Steffen M. mit schweren Kopf- und Stichverletzungen tot in seiner Garage in Lauchhammer-Ost gefunden. Vermutliche Tatzeit: 18 Uhr. Der Tatort lag in Sichtweite großer Wohnblocks. Und auch die Rettungsstelle des Krankenhauses war nicht weit entfernt. Steffen M. trug keine Uniform und war nicht im Dienst. Der oder die Täter sind noch immer nicht gefunden. Seit Monaten verfolgen die Männer von der Cottbuser Mordkommission die Spur des Verbrechens, haben sich dazu vor Ort auf der Polizeiwache in Lauchhammer einquartiert.

„Das hat uns alle sehr mitgenommen, klar“, sagt der ehemalige Leiter der Wache, Gerd Seemann. Der Ermordete sei Dienstgruppenleiter gewesen, ein ruhiger, zuverlässiger, besonnener Beamter: „Wir kümmern uns so gut es geht um die Familie, aber ...“. Er schweigt. Denkt an den halbwüchsigen Sohn des Opfers und an den Anruf der Ehefrau, die ihren Mann blutüberströmt in der Garage fand.

Wie viele Kollegen auf der Wache in Lauchhammer arbeiten, will Seemann nicht sagen. Auch nicht, dass es nicht genug sind für den großen Bereich. Denn die Wache hier ist auch für die Städte Schwarzheide, Ruhland und Ortrand zuständig. Lauchhammer selbst besteht aus fünf Stadt- und zwei Ortsteilen, die kilometerweit auseinanderliegen. Dadurch und wegen zahlreicher Eingemeindungen erstreckt sich die Stadt über eine Fläche von 88 Quadratkilometern. Doch Innenminister Rainer Speer will auch in Lauchhammer Polizeistellen abbauen. Da bleibt Edgar lieber auf seiner Konsumrampe.

Erst im Januar wurde ein 45-jähriger Arbeitsloser von einem 26-Jährigen und einem 27-Jährigen in seiner eigenen Wohnung zusammengeschlagen. Das gab Edgar zu denken. Trotzdem ging er, als das Thermometer unter minus 20 Grad fiel, mal mit einem Kumpel in dessen Wohnung mit. „So was gibt oft Ärger“, sagt er. Auch im Trinkermilieu herrscht das Gesetz des Stärkeren. Bierschulden müssen bezahlt werden. Schlimmstenfalls mit dem Leben.

Der verprügelte Arbeitslose ist ein paar Wochen später im Krankenhaus gestorben. An Blutvergiftung, hervorgerufen von einer Lungenentzündung, die durch massive Lungenprellungen entstanden war. Die Prellungen kamen von den Schlägen und Tritten der beiden einschlägig vorbestraften Männer. Die Staatsanwaltschaft ermittelt jetzt nicht mehr wegen gefährlicher Körperverletzung, sondern wegen Körperverletzung mit Todesfolge. Es soll um fünf Euro gegangen sein, heißt es. Und dass Opfer und Täter dem Trinkermilieu angehörten. „Das waren Assis, Asoziale“, sagen die Leute hier. Es klingt wie „selbst schuld“. In Lauchhammer geht man zur Tagesordnung über.

Nicht nur in Lauchhammer, sagt der Soziologe Andreas Willisch. Der 47-Jährige hat gerade gemeinsam mit seinem Kasseler Kollegen Heinz Bude eine Studie über den Umbruch in der Stadt Wittenberge vorgestellt. Die liegt ebenfalls in Brandenburg und hat eine ähnliche Deindustrialisierung erlebt wie Lauchhammer.

„Vom Wir-Gefühl der Ossis ist nicht mehr viel übrig geblieben“, waren die Forscher zitiert worden, was für Willisch allerdings viel zu kurz greift: „Das hat mit dem Osten nichts zu tun, sondern ist typisch für Umbruchgesellschaften überall auf der Welt“, sagt er. Im Gegensatz zur wirtschaftlichen Aufschwungphase benötige man heute etwa ein Drittel der Menschen tatsächlich nicht mehr als Arbeitskräfte. Und man habe es geschafft, den Leuten einzureden, dass sie selbst schuld daran seien. „Mir haben 40-Jährige gesagt, ich bin zu alt für den Arbeitsmarkt“, sagt Willisch. Ein gigantischer Verdrängungswettbewerb um soziale Teilhabe sei da im Gange, der sich längst nicht auf sogenannte Unterschichten beschränke.

Also doch kein Zufall, dass der Wettbewerb um Zugehörigkeit ein tödliches Klima erzeugt? „Dass jetzt so viele Negativmeldungen aus Lauchhammer kommen, ist wirklich reiner Zufall“, sagt die parteilose Bürgermeisterin Elisabeth Mühlpforte. Denn eigentlich lebe es sich gut hier. Die Kunstgießerei, die seit 1725 Plastiken und Skulpturen in alle Welt liefert, ist erhalten geblieben. Außerdem, sagt Mühlpforte, hätten sich auch ein paar neue Firmen hier angesiedelt. Der Windkraftanlagenbauer Vestas zum Beispiel. Die Arbeitslosigkeit sei auf etwa 15 Prozent zurückgegangen. Und die Luft sei besser geworden.

Völlig unterschiedliche Wirklichkeiten zur gleichen Zeit am selben Ort sind ein Phänomen, das Soziologen wie Willisch überall in Europa beobachten: Da gibt es die sanierten Innenstädte, moderne Arbeitsplätze und schicke Häuser – viel Neues, was sich sehen lassen kann“, sagt er: „Und auf der anderen Seite gibt es das Neue, was verborgen werden soll: eine wachsende Zahl von Menschen, die den Anschluss verloren haben. In Ostdeutschland sind es fast 30 Prozent“. 15 000 Jobs sind in Lauchhammer seit 1990 weggefallen, 10 000 Einwohner sind weggezogen, die verrottenden Industrieanlagen wirken trostlos. Bedrohlich. Die Bürgermeisterin aber ist optimistisch: „Wir haben viel Grün“, sagt sie: „Wir stecken viel Geld in Infrastruktur.“ Mühlpforte war auch schon Sozialdezernentin. In dieser Funktion hat sie sich 1993 für das Obdachlosenheim eingesetzt, es wirklich erkämpft. „In Lauchhammer müsste keiner erfrieren“, sagt sie.

Edgar sitzt immer noch auf der Rampe. Er hat jemanden gefunden, der ihm zwei Flaschen Bier kauft. „Ein warmer Händedruck wär’ mir fast lieber“, versucht er zu frozzeln. Lachen kann er nicht mehr, seine Finger sind schon wieder blau und rot. Es ist jetzt 13 Uhr. Noch vier Stunden, bis das Obdachlosenheim wieder öffnet.

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