Der Tagesspiegel : Lausitzer Seen: Von der Dorfgaststätte in die Hafenkneipe

Claus-Dieter Steyer

Landkarten für den Süden Brandenburgs sind so schnell wie in kaum einer anderen Region Deutschlands überholt. Denn das Wasser überschwemmt weite Gebiete und bleibt für immer. Alles geschieht gewollt und planmäßig, um in den nächsten zehn bis 15 Jahren eine riesige Seenkette zu erhalten. Dafür werden die zahlreichen Braunkohle-Tagebaue geflutet. Gewöhnliche Straßendörfer erhalten See-Ufer. An anderen Stellen entstehen Yacht-Häfen und Schwimmbäder. Dorfgaststätten bekommen Konkurrenz durch Hafenkneipen, herkömmliche Wohnviertel durch schwimmende Häuser. Insgesamt 5500 Hektar wird die Wasserfläche der zunächst neun Seen südlich von Cottbus groß sein und sich bis nach Sachsen erstrecken. Kanäle, Schleusen und Bootsschleppanlagen verbinden die neuen Gewässer.

Schon jetzt wirbt die federführende Lausitzer- und Mitteldeutsche Bergbau- und Verwaltungsgesellschaft (LMBV) mit einer verwegen klingenden Aussicht: Eine der größten zusammenhängenden Seenlandschaften Europas wird das Bild der Lausitz künftig prägen. Wie diese Vision aussehen könnte, ist im Dorf Pritzen zumindest zu erahnen. Es liegt direkt am ehemaligen Greifenhainer Tagebau. Eigentlich sollte der Ort schon längst von der Landkarte verschwunden sein. Doch die Kohlebagger stoppten 1992 / 93 vor den ersten Häusern. Die neue Zeit brauchte nicht mehr die Kohle unter dem Ort. Der glich damals nur noch einem Geisterdorf. 35 Unentwegte hielten aus, während die meisten Familien längst ihre Häuser und Gehöfte verlassen hatten. Auch heute endet die Dorfstraße im Nichts - an der Tagebaukante. Ein Sandweg zweigt vom Asphalt nach links ab. Vor mehr als einem Jahr herrschte hier noch reger Verkehr: Hunderte Schauspieler, Statisten, Techniker, Kameraleute, Bauleute und viele andere waren hier an den Dreharbeiten für den Berlinale-Eröffnungsfilm "Enemy at the gates" über die Schlacht um Stalingrad beteiligt. Mittlerweile sind die damals nachgestellten Ufer der Wolga im Wasser verschwunden.

Nicht nur die aufsteigende Wasserlinie formt die frühere Tagebaukante. Vor allem ablaufende starke Niederschläge hinterlassen tiefe Einschnitte, die an Fotos aus dem Grand Canyon erinnern. In der Lausitz bestehen die Schluchten freilich aus Sand und Lehm. Sie sind vor allem aber vergänglich. In einigen Jahren versinkt alles in einem neuen See. An Land befinden sich die Vorbereitungen darauf in vollem Gange. Die Allee zum letzten Haus erhielt an der künftigen Seeseite bereits eine aufgeschüttete Steinschicht. Hier sollen sich die Wellen brechen.

Eine ganz besondere Idee mit dem künftigen See verfolgt die Vorbereitungsgesellschaft für die Internationale Bauausstellung (IBA) Fürst-Pückler-Land. "Wir planen eine Pontonbrücke zum rund einen Kilometer entfernten Altdöbern", sagt der ehemalige Dessauer Bauhaus-Chef und heutige IBA-Geschäftsführer, Professor Rolf Kuhn. Er könnte sich einen Aussichtsturm mit Café direkt am Altdöbener Ufer vorstellen. Bereits jetzt haben Künstler den Reiz der veränderten Landschaft entdeckt. Zwei Europa-Bienalen hinterließen mehrere Werke, die den Umgang des Menschen mit der Natur symbolisieren.

Auch alte Pritzener kehren in ihr Heimatdorf zurück. Plötzlich steigt ihr altes Grundstück im Wert: Zugang direkt zum See. Das hat sich längst in der Umgebung herumgesprochen und zu einer erhöhten Nachfrage von Bauwilligen geführt. Das Geld von Grundstückskäufern wird dringend gebraucht. Denn nach bisherigen Rechnungen kostet der erste Teil der neuen Lausitzer Seenkette rund 70 Millionen Mark. Die Hälfte davon kommt vom Bergbau-Sanierer LMBV, den Rest teilen sich die Länder Sachsen und Brandenburg. Einen großen Teil davon verschlingt der Neubau von Straßen sowie von Rad- und Wanderwegen. Gute Zeiten weiterhin für die Landkartenverlage.

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