Der Tagesspiegel : Lausitzring: "Über unserem Ring liegt ein böser Fluch"

Claus-Dieter Steyer

"Auch das noch!" Überall in den Kneipen rund um den Lausitzring war dieser Satz gestern zu hören. Der schwere Unfall das italienischen Rennfahrers Alex Zanardi beim Champ-Car-Rennen am Sonnabend verdrängte an den Tischen für einen Moment die Diskussion über die aktuelle Weltlage. Immer wieder wurde in Meuro, Klettwitz und anderen Orten die Videotexttafel 204 des ORB aufgerufen: "Verunglückter Zanardi weiter in kritischem Zustand". Neue Gäste blieben stumm vor den Zeilen stehen, die vom Verlust beider Beine und der Lebensgefahr berichteten.

"Über unserem Ring liegt ein böser Fluch", meinte Günter Hrobeck aus dem nur zehn Kilometer vom Eurospeedway entfernten Senftenberg. "Zwei Tote, ein Schwerverletzter und dann noch dieser verdammte Regen. Der hat doch viele Veranstaltungen schon vermasselt." Der Widerspruch am großen Stammtisch im Ratskeller hielt sich in Grenzen. "Vielleicht nicht Fluch, aber Pech", entgegnet ein Mann um die 50. "Die Unfälle lagen doch nicht an der Strecke. Sie hätten überall passieren können." Diesen Standpunkt teilte der Geschäftsführer des Eurospeedway Lausitz, Jans-Jörg Fischer. Er verteidigte deshalb auch die reguläre Beendigung des Rennens nach dem schweren Unfall des Italieners und das fast ohne Abstriche fortgesetzte Rahmenprogramm.

Kritiker des Lausitzringes dürften sich jetzt allerdings wieder verstärkt zu Wort melden. Immerhin 241 Millionen Mark Fördermittel stecken in dem Koloss aus Beton und Stahl. Nicht nur in Bayern hatten sich selbst Regierungsmitglieder über diesen "Aufschwung Ost" skeptisch geäußert. Stolpe dagegen sieht diese Investitionen immer noch als "Motor für den Strukturwandel" des ehemaligen Lausitzer Kohlereviers. Allerdings zeigte gerade das Champ-Car-Rennen am Wochenende auch die Grenzen der vermeintlich grenzenlosen Begeisterung für den Ring. 490 Mark für einen Platz auf der Tribüne sind in einer Region mit über 20 Prozent Arbeitslosigkeit einfach utopisch. Das erklärte die Leere in vielen Blöcken mit bester Sicht auf die Strecke. Dafür besetzten Ortskundige schon am frühen Morgen mit Klappstühlen die etwa 20 Meter breite Lücke zwischen den Zuschauerrängen, um wenigstens einen Hauch der Atmosphäre zu spüren. Senftenbergs Bürgermeister hatte vor dem Rennen in den Schulen noch Tausende Freikarten verschenkt. Bei der Fernsehübertragung sollte offensichtlich der Eindruck mangelnden Interesses vermieden werden.

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