Der Tagesspiegel : Leben im Speckgürtel: Im Umland gedeiht der Berlinbrandenburger

Claus-Dieter Steyer

Typisch Brandenburger! Schleicht mit Tempo 60 auf Berliner Hauptstraßen, blinkt spät, bremst kurz und überhaupt: Der kennt sich bestimmt wieder nicht aus und wird zum Verkehrshindernis. Wie oft lassen sich die angeblich so flotten Berliner Autofahrer zu solchen Stoßseufzern hinreißen. Meist bleibt es beim Kopfschütteln, manchmal reißt aber auch tatsächlich der Geduldsfaden. Da genügt der Blick aufs Kennzeichen und schon wirken die fremden Buchstaben wie ein rotes Tuch: OHV, HVL, P, PM, TF, LDS, LOS, MOL oder BAR. Wieder so ein Landei, Fremder oder Ahnungsloser, heisst es dann. Doch diese Rechnung geht in immer weniger Fällen auf. Mehr als ein Drittel aller Bewohner des so genannten Speckgürtels stammt schon aus Berlin. In zehn bis 15 Jahren werden es 40 bis 50 Prozent sein.

Nicht nur im Straßenverkehr vermischen sich also Berliner und Brandenburger. Zehntausende pendeln täglich über die Stadtgrenze. Ohne die Kunden aus der Großstadt wäre manches Einkaufszentrum auf der grünen Wiese ruiniert, von Hotels, Gasthäusern und Spaßbädern ganz zu schweigen. Gravierend sind die Veränderungen in den Dörfern. Da geben die Zugezogenen immer mehr den Ton an. Sind erst einmal die meisten Arbeiten am Haus oder im Garten geschafft, richtet sich der Blick auf die Straßen, die desolate Kirche, den heruntergekommenen Dorfteich oder die Gefahr durch große Windräder. So ändern sich Schritt für Schritt auch die Mitglieder der Gemeindevertretungen und damit das politische Bild.

Den typischen Brandenburger, der so gern in Umfragen, Kommentaren überregionaler Medien oder Statistiken bedient wird, gibt es zumindest im Berliner Umland nicht mehr. Deshalb erscheinen Kampagnen, die den Stolz der Brandenburger auf ihr Land stärken oder überhaupt erst einmal entwickeln sollen, ziemlich hilflos. Das noch vor einem Vierteljahr so bombastisch eröffnete Preußenjahr ist vielleicht auch deshalb auf Normalmaß heruntergefahren worden.

Auch die einst bei keiner Grundsteinlegung, bei keinem Richtfest oder keiner Geschäftseröffnung fehlende Brandenburg-Hymne wird nicht mehr so häufig aus voller Kehle gesungen. Außerhalb des Bundeslandes ist mit dem zweifelhaften Text ohnehin nicht viel Staat zu machen. Das mussten nicht zuletzt Fußballanhänger des FC Energie Cottbus beim Gastspiel in Dortmund erfahren. Als sie die Zeile "Heil, du mein Brandenburger Land" in den Straßen sangen, wurden sie kurzerhand von der aufgeschreckten Polizei eingelocht. Nazi-Lieder würden nicht zugelassen, hieß die zweifellos überstürzte Reaktion. Die Beamten hatten sich nicht vorstellen können, dass die Fans nur den Refrain der offiziellen Landeshymne angestimmt hatten.

Ebenso absurd wirken manche Reaktionen auf die massenhafte Abwanderung Brandenburger Lehrer nach Berlin. Alteingesessene Großstädter brauchen keine Angst vor der Beeinflussung ihrer Kinder durch einen "Brandenburger Geist" haben, der oft mit Provinzialismus gleichgesetzt wird. Viele der nach Berlin pendelnden Lehrer stammen aus der Großstadt und verhalten sich auch sonst ganz normal: Nur wegen des Geldes entscheiden sie sich für Spandau, Pankow oder Reinickendorf statt für Mahlow, Wildau oder Bernau.

Im Grunde ist zumindest im Speckgürtel die Einigung zwischen Berlin und Brandenburg vollzogen. Das haben manche Politiker in ihrer Suche nach Formeln und Zeitplänen wohl nicht bemerkt. Das wird sich ändern - wie auch die Sache mit dem Meckern im Verkehr über fremde Kennzeichen.

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