Der Tagesspiegel : Legionellen-Ausbruch: Fehlte die doppelte Sicherung?

Fachleute sagen, dass die Technik des Bettenhauses ein halbes Jahr Anlaufzeit gebraucht hätte. Gestern begann die Untersuchung

Ingo Bach

Frankfurt (Oder) . Zehn Tage, nachdem ein Ausbruch der gefährlichen Legionärskrankheit im Klinikum Frankfurt (Oder) bekannt wurde, haben am Mittwoch Experten mit der Ursachenforschung begonnen. Nach Tagesspiegel-Informationen könnte bei dem Ausbruch dieser speziellen – und in zehn Prozent der Fälle tödlichen – Lungenentzündung ein Gerät zur Desinfektion des Wassersystems im Krankenhaus eine Rolle gespielt haben: Möglicherweise wurde es falsch eingesetzt. Dabei handelt es sich um ein so genanntes Elektrolysegerät, das natürlich im Wasser vorkommende Chlorsalze zur Desinfektion aktiviert. Die Apparatur muss bis zu einem halben Jahr in Betrieb sein, bevor der so genannte „Biofilm“ – die Bakterienherde – in den Wasserleitungen beseitigt ist. Bis dahin müssen die Legionellen mit herkömmlichen Methoden bekämpft werden, also zum Beispiel durch regelmäßiges Aufheizen der Leitungen auf über 70 Grad Celsius, damit die Bakterien absterben. „Wahrscheinlich hat man das in Frankfurt versäumt“, vermutete gestern ein Fachmann. Denn zumindest beim ersten Ausbruch der Legionärskrankheit in dem Klinikum – im Dezember und Januar 2002/2003 infizierten sich sieben Patienten – fehlte diese zweite Sicherung offenbar. Im März schaltete das Krankenhaus die Desinfektionsanlage schließlich ganz ab. Sie habe sich als nutzlos erwiesen, teilte die Rhön-Klinik AG mit, zu der das Frankfurter Krankenhaus gehörz. Da war das Gebäude gerade vier Monate in Betrieb.

Seitdem die Anlage abgeschaltet ist, setze das Frankfurter Klinikum dem Wasser auf herkömmliche Weise Chlor zu, um es zu desinfizieren, hieß es. Trotzdem erkrankten im Juli dieses Jahres erneut fünf Menschen an der Legionellose, mindestens zwei Menschen starben daran.

Das Elektrolysegerät spaltet das natürlich im Wasser vorkommende Chlorsalz elektrisch auf. Das dabei freigesetzte Chlor tötet Keime. In Berlin hat man gute Erfahrungen mit der relativ neuen Technik gemacht. Seit 1999 arbeitet eine solche Anlage im Unfallkrankenhaus Marzahn (UKB). „Das System hat sich bewährt“, sagt Gerd Eickhölter, technischer Leiter des Krankenhauses. Als zweite Sicherheitsstufe kann das UKB das Wassersystem auf über 70 Grad Celsius erhitzen.

Das betroffene Bettenhaus im Frankfurter Klinikum ist erst im November 2002 bezogen worden. Für die technischen Hygieneeinrichtungen in so einem Neubau gelten in Deutschland strenge Richtlinien, deren Einhaltung schon während der Planung und am Rohbau bis zur Abnahme mehrfach gründlich überprüft wird. Trotzdem hat der Vorstandsvorsitzende der Rhön-Kliniken, Eugen Münch, mehrfach die Konstruktion der Wassersysteme des Neubaus als unzureichend kritisiert. Das Architektenbüro, das den Bau geplant hat, wies diese Vorwürfe zurück.

Gestern lehnten die Rhön-Kliniken unter Verweis auf die laufenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft weitere Stellungnahmen ab. Externe Fachleute sagten jedoch: „Wären die ganzen Vorschriften für Bau und Betrieb eingehalten worden, dann dürfte es so einen Fall wie in Frankfurt gar nicht geben.“

In Berliner Krankenhäusern habe es seit zwanzig Jahren keinen Legionellen-Fall mehr gegeben, sagt Walter Wiedenhaupt, Baudirektor bei der Senatsbauverwaltung. Hier brüten Architekten und Fachingenieure über jeden eingereichten Antrag für einen Klinikneubau und prüfen, ob alle Sicherheitsnormen eingehalten werden. Nach der Bauabnahme trägt der Betreiber die Verantwortung, wird aber regelmäßig von den Gesundheitsämtern der Bezirke kontrolliert.

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