''Leibnizstadt Hannover'' : Universalgenie im Arbeitsrausch

Es ist schon etwas unfair: Gottfried Wilhelm Leibniz war ein Universalgenie - und doch verbinden viele mit seinem Namen vor allem einen Keks. Mit der Aufnahme seiner Briefe ins Unesco-Weltdokumentenerbe könnte das Werk des Gelehrten nun aber mehr Aufmerksamkeit erlangen.

Christina Sticht[dpa]
Gottfried Wilhelm Leibniz
Gottfried Wilhelm Leibniz. -Foto: dpa

HannoverSeit der Unesco-Entscheidung im Juni grassiert in Hannover das Leibniz-Fieber. Oberbürgermeister Stephan Weil (SPD) spricht von einer Chance: "Leibniz kann zum Symbol für die Stadt werden - nicht allein wegen seiner historischen Verbundenheit mit ihr, sondern vor allem wegen seiner Modernität und seinem ungezügelten Drang nach neuen Erkenntnissen." Im kommenden Jahr werde ein Konzept für die "Leibnizstadt Hannover" erarbeitet.

Späte Ehre für den promovierten Juristen (1646-1716), der 40 Jahre lang als Hofrat und Bibliothekar des Welfenherzogs an der Leine wirkte. Zu Lebzeiten machte Leibniz übrigens weniger Werbung für Hannover, als heute von ihm erhofft wird. Er fühle sich in der Stadt "körperlich und geistig beengt", schrieb er 1696 in einem Brief an den Philosophen Thomas Burnett. "Hier trifft man kaum jemanden, mit dem man sich unterhalten kann."

"Der Umfang ist ungeheuerlich"

Sagenhafte 200.000 Manuskriptblätter, also 400.000 Seiten, hinterließ der Philosoph, Mathematiker, Historiker und Fürstenberater - laut Unesco Gründungsdokumente der europäischen Moderne. Die Handschriften lagern in der klimatisierten Schatzkammer der Niedersächsischen Landesbibliothek hinter dicken Tresortüren. "Der Umfang ist ungeheuerlich. Leibniz hat denkend geschrieben und schreibend gedacht. Der Mann hat wahrscheinlich nie geschlafen", sagt Bibliotheksdirektor Georg Ruppelt, während er mit weißen Handschuhen einen Schutzkarton öffnet und vorsichtig einen vergilbten Brief herausnimmt. Die Schrift ist kaum zu lesen, am Rand finden sich mathematische Formeln, einiges ist durchgestrichen.

Schon die Lektüre eines Lexikon-Eintrags über den Universalgelehrten kann schwindelig machen - so viele Theorien hat er entwickelt. Ohne den von Leibniz erfundenen binären Code zum Beispiel gäbe es keinen Computer. Private Anekdoten über den knickerigen Junggesellen mit der Vorliebe für mit Kirschsaft gepanschten Rotwein sind dagegen kaum überliefert. "Mit Frauengeschichten wie bei Goethe können wir nicht dienen", sagt Ruppelt. Vielleicht weil sein kompliziertes Werk etwas sperrig ist, geriet das Multi-Talent lange in Vergessenheit. Der Bibliotheksdirektor ist für seine Renaissance mitverantwortlich: Bereits 2004 schrieb er den ersten Brief an die Unesco. Seine Idee, die Landesbibliothek in "Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek" umzubenennen, wurde 2005 prompt umgesetzt.

Einsames Ende

Wenig später zog die Universität der Landeshauptstadt nach. "Leibniz ist als Identifikationsfigur wunderbar", schwärmt der Präsident der Leibniz Universität Hannover, Erich Barke. Der Frühaufklärer, der die Fürsten stets ermahnte, auch etwas fürs Volk zu tun, wurde zur Grundlage des neuen Leitbildes der Hochschule. Offenbar konnte Leibniz Hannover nicht entkommen. Zwar träumte er stets von London oder Paris. Doch als sein Dienstherr 1714 König von England wurde, nahm Georg I. den gichtkranken alten Hofrat zu dessen Enttäuschung nicht mit. Er solle erst seinen großen Lebensauftrag vollenden und die Geschichte der Welfen zu Ende schreiben, wurde er vertröstet. Zwei Jahre später starb Leibniz einsam und verbittert.

Zeit seines Lebens hatte er sich mit den verschiedensten Fragen beschäftigt, unter anderem mit Gesundheitspolitik, Bergbau und dem Unbewussten - nur nicht mit Keksen. Ein Unternehmer aus Hannover benannte Ende des 19. Jahrhunderts dennoch ein Gebäck nach dem Genie, damals wurden auch Schillerlocken, Mozartkugeln und der Bismarckhering populär. "Daran ärgerlich ist nur, dass viele wirklich glauben, Leibniz war der Erfinder des Kekses und ein bekannter Keks-Bäcker", sagt Ruppelt. "Wir sind dabei, das zu ändern mit Macht."