Der Tagesspiegel : Leibwächterinnen: Die märkischen Schwestern von Lara Croft

Rolf Kremming

Ewa Maria ist 1 Meter 62 groß, wiegt knappe 48 Kilo und trägt Schuhgröße 38. Sie liebt die Beatles, entspannt sich bei Vivaldis "Vier Jahreszeiten", ist eine perfekte Köchin und Ehefrau. Aber Ewa Maria kann noch mehr. Zum Beispiel schießt sie aus 25 Meter Entfernung mal eben schnell eine Colabüchse aus dem Regal. Und wenn es erforderlich ist, legt sie auch einen Zweizentnermann aufs Kreuz. Doch damit nicht genug. Ewa fährt wie ein Teufel Auto, ohne je ein Strafmandat bekommen zu haben. Und Ehemann Horst muss verdammt aufpassen, sonst legt sie auch ihn flach. Ewa Maria Pomplun (40) ist der bekannteste weibliche Bodyguard der Republik und gehört zu dem knappen Dutzend Frauen, die Promis, Politiker, Prinzen, Könige und Industrielle bewachen und schützen.

"Ich bin gelernte Goldschmiedin und liebe alles Schöne. Vor 14 Jahren wollte ich umsatteln und Jockey werden, aber mein Mann hatte was dagegen." Viel zu gefährlich, meinte Horst Pomplun (53), Personenschützer und Leibwächter aus Berlin. Dann bildete er seine junge Frau kurzerhand zu einem der ersten weiblichen Bodyguards aus. Mit Erfolg. Seitdem hat Ewa so manche Prinzessin beim Bummel durch die europäischen Einkaufsmetroplen begleitet oder mit arabischen Herrscherpaaren Urlaub in Spanien gemacht. Und dass dabei unter ihrer Strohmatte am Strand stets griffbereit eine geladene Pistole lag, fiel niemandem auf. Sie hat Kinder wohlhabener Eltern geschützt, und unsagbar reiche Prinzen beim Geldausgeben durch New York begleitet. Sie ist mit Geschäftsleuten in die Luft und mit einer Amerikanerin auf Tauchstation ins Rote Meer gegangen. Badeanzug und Bikini gehören ebenso zu ihrer Arbeitskleidung, wie das Tennisröckchen und das lange Abendkleid. Und das sie in ihrem Versace-Täschchen zwischen Lippenstift, Parfum und Rouge einen 22er verborgen hat, ahnt keiner. "Viele Männer wollen lieber einen weiblichen Leibwächter. Da weiß der Gegner nie, ob es die Ehefrau, Tochter, Geliebte oder Sekretärin ist", erklärt Horst Pomplun, der seit 25 Jahren im Geschäft mit der menschlichen Sicherheit ist. Und die Nachfrage ist groß. Deshalb bildet das Bodyguard-Ehepaar weibliche 007 aus.

"Leider gibt es viel zu wenig Frauen, die sich diesen Job zutrauen. Auf zwanzig Männer, die sich bei uns bewerben, kommt eine Frau. Aber die sind hart im Nehmen. Und hart ist er, dieser Job. Du musst körperlich und geistig fit sein, reaktionsschnell, Geduld haben und brauchst gute Nerven, oder gar keine", lacht Ewa. "Die meiste Zeit des Jobs besteht aus Warten. Worauf? Meistens auf gar nichts. Aber das weißt du erst hinterher. Du stehst stundenlang auf einer Party rum, beobachtest die Gäste und bekommst Sodbrennen vom zehnten O-Saft. Oder du sitzt im Vorzimmer eines Industriellen und kippst dir einen Kaffee nach dem anderen ein, während sie hinter verschlossenen Türen um Millionen pokern."

Während Ewa von ihrem Job erzählt, steckt sie die Beretta in den Hosenbund. Sie weiß mit ihr umzugehen, und wenn es sein muss, wird sie auch schießen. Bisher hat sie ihren schweren Job jedoch stets ohne die letzte Möglichkeit geschafft. So wie im letzten Jahr, als plötzlich zwei Typen mit abgeschlagenen Flaschenhälsen vor ihrem Schutzobjekt standen und ein paar Dollarscheine forderten. Viel hat Ewa nicht gemacht. Nur die Jacke aufgeschlagen und den Blick auf die Beretta freigegeben. Ohne viele Worte war der Fall damit geklärt.

Undine Kania, Studentin der Betriebswirtschaft im zweiten Semester, ist die vierzigste Frau, die Ewa und Horst ausbilden. Sie hat das Diplom schon fast in der Tasche. In ein paar Wochen wird die Prüfung sein. Den Lohn des Schweißes, das Zertifikat der Industrie- und Handelskammer Potsdam, wird sie sich dann in Gold gerahmt an die Wand ihrer Einzimmerwohnung hängen. Dann darf sich die 21-Jährige offiziell Personenschützerin und Sicherheitsfachkraft nennen. Das Geld für die Ausbildung hat sie sich zusammengekellnert. Einen Job hat die schlanke Potsdamerin auch schon. Wo und bei wem? Das wird nicht verraten. Denn Undine hat die allererste Lektion gut gelernt. Und die heißt Diskretion. "Ihre Arbeitszeit wird zwischen frei und rund um die Uhr im Einsatz sein. Das Gehalt zwischen 6000 und 15 000 Mark betragen. Dafür darf sie aber keine Fehler machen. Denn es könnte ihr erster und ihr letzter sein."

Sechs Module mit insgesamt 950 Stunden Unterricht umschließt die Ausbildung. Es geht um Anti-Terror-Kampf, Gesetzeskunde, Fahrsicherheitstraining, Schießen, taktische Maßnahmen und Kommunikationsmittel. Sogar Benimmregeln stehen auf dem Stundenplan. "Ein Leibwächter, der sich nicht benehmen kann, ist unbrauchbar, weil er auffällt", erklärt Horst Pomplun. Und so ist der 007 aus Potsdam auch besonders stolz auf die Dankesschreiben aus aller Welt.

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