Leichtathletik : Phänomenales Comeback von Paula Radcliffe

Nur neun Monate nach der Entbindung verblüffte die britische Weltrekordlerin mit ihrem Sieg am Sonntag beim New-York-Marathon nicht nur die Sport-, sondern auch die Medizinwelt.

Heiko Oldörp,Ulrike John
Radcliffe Foto: dpa
Paula Radcliffe (links) hatte am Ende die Nase vorn. -Foto: dpa

New York/StuttgartIm Ziel ließ sich Paula Radcliffe mit ihrem Baby Isla auf dem Arm feiern und herzte Ehemann Gary Lough. Was für ein Comeback: "Ich war hier so viele Male und ich wusste, das ist mein Terrain. Ich habe es wirklich vermisst", sagte die 33-Jährige, den "Union Jack" um die Schulter gelegt. "Diese Atmosphäre hier zu erleben, das ist es, was mich im Training immer motiviert."

Über Radcliffe hatte die britische Läuferlegende Sebastian Coe einmal gesagt: "Was Paula erreicht hat, geht weit über die Leichtathletik hinaus. Sie setzt neue Maßstäbe im Frauensport. Mehr als es je jemandem zuvor gelungen ist, hat sie die Kluft zwischen Männern und Frauen im Sport überwunden." Jetzt hat die 1,73 Meter große und 54 Kilo leichte Läuferin erneut eine Ausdauerleistung unter ganz speziellen Vorzeichen vollbracht.

Seit ihrem WM-Sieg 2005 in Helsinki hatte Radcliffe keinen Marathon mehr bestritten. Am 17. Januar dieses Jahres brachte sie ihre Tochter zur Welt - unter großen Schwierigkeiten. "Die Geburt hat 27 Stunden gedauert und die Ärzte mussten mir eine große Menge Medikamente spritzen, damit sich Muskeln, Sehnen und Gelenke lockerten." Dabei zog sich die Ausdauerspezialistin einen Ermüdungsbruch am Kreuzbein zu.

Erstes Training zwei Wochen nach der Geburt

Nur zwei Wochen danach zog Radcliffe wieder ihre Laufschuhe an. Viel zu früh, wie sie später feststellte. Noch im Juli, als klar war, dass sie bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften im August in Osaka/Japan ihren Titel nicht würde verteidigen können, räumte sie ein: "Ich habe erst vor zwei Wochen wieder mit dem Laufen begonnen."

Eine Million Zuschauer an der Strecke in "Big Apple" sahen nun die Gala-Vorstellung Radcliffes und den Sieg bei den Männer von Martin Lel (Kenia/2:09:04). Erst 400 Meter vor dem Ziel im Central Park entschied die Britin das Rennen für sich, als sie ihre hartnäckige Verfolgerin Gete Wami abschüttelte. Sie siegte zum zweiten Mal nach 2004 beim bekanntesten Marathon der Welt in 2:23:09 Stunden.

Die Kenianerin Wami hatte ihr als einzige folgen können. Während Radcliffe 170.000 US-Dollar (etwa 117.400 Euro) durch ihre Laufarbeit verdiente, konnte sich die Berlin-Siegerin mit dem Gewinn des 500.000 US-Dollar schweren Jackpots der World Marathon Majors trösten. "Sie war einfach zu stark", lobte Wami "Miss Marathon" Radcliffe.

Der Traum von olympischem Gold

"Ich bin schon so oft mit Gete Schulter an Schulter auf die letzten 400 Meter eingebogen. Heute war ich davon überzeugt, das wird mein Ding. Ich glaube, es war ein kleiner Vorteil, dass es leicht bergauf ging und kein Bahnrennen war", sagte Radcliffe, die sich freute, dass sie wieder festen Boden unter den Füßen hatte: "So etwas hier macht natürlich mehr Spaß als Training im Pool oder im Fitness-Center."

Zwei große Ziele hat Radcliffe, die sieben ihrer acht Marathon-Läufe gewonnen hat und nur 2004 bei den Sommerspielen in Athen entkräftet aufgeben musste, noch vor Augen: Im nächsten Jahr will sie in Peking endlich olympisches Gold über die 42,195 Kilometer. Und vier Jahre später in London hofft sie auf ein erfolgreiches Heimspiel. "Bei Olympia im eigenen Land zu starten ist das Größte. Dann bin ich 38 Jahre alt." Mit fünf Jahren könnte Isla dann auch ein bisschen verstehen, was ihre Mutter alles auf die Beine gestellt hat. (mit dpa)