Leichtathletik-WM : Berliner Geher erleidet Hitzschlag

Die Gluthitze von Osaka und das Fehlverhalten eines Kampfrichters haben den Berliner André Höhne in einem mörderischen Geher-Drama bei der Weltmeisterschaft um eine mögliche Medaille gebracht.

Andreas Schirmer
Leichtathletik-WM
Geher André Höhne beim Finale über 20 Kilometer. -Foto: dpa

Osaka"Ich fühle mich betrogen, das hätte mein größter Erfolg werden können", sagte der 29-jährige Olympia-Achte nach den 20 Kilometern. Nachdem er kurz vor dem Nagai-Stadion an dritter Position liegend fehlgeleitet und 50 Meter in die falsche Richtung dirigiert worden war, kollabierte er im Innenraum der Arena. "Ich durfte nicht ins Stadion abbiegen, wurde zurückgeholt und sah, wie zwei Athleten vorbeigingen", erzählte Höhne, "das war eine Schocksituation."

Der Student für Bauingenieurswesen taumelte zwar ins Stadionrund und drückte noch seine Stoppuhr, ging dann aber mit einem Hitze-Kollaps zu Boden. "Ich dachte, ich wäre ins Ziel gekommen. Erst im Krankenhaus habe ich erfahren, dass es nicht so war", sagte Höhne, dem die Extra-Meter sowohl psychisch als auch physisch den Rest gegeben haben. "Beim Kehrtmachen musste ich stoppen und umdrehen, da habe ich wahnsinnige Krämpfe bekommen", berichtete er. "Es ist tragisch. Auf der Strecke hat er alles richtig gemacht, er war aber am Limit", kommentierte sein Trainer Peter Selzer das Geschehen.

Höhne: Fühlte mich wie ein "hart gekochtes Ei"

Befördert wurde der Zusammenbruch von Höhne und anderen Gehern, weil die Organisatoren für die letzten zwei Runden kein Wasser zur Kühlung mehr bereitstellten. "Da habe ich meine Mütze weggefeuert, um keinen Hitzestau zu bekommen und nur gedacht: Durchhalten, durchhalten, durchhalten." Die Fernsehbilder des leidvollen Kampfs ohne Happyend versetzten seine Frau in der Heimat in Panik. "Aus dem Krankenhaus habe ich mit ihr telefoniert. Sie hatte einen Schock, ich hätte heulen können", so Höhne, der sich noch Stunden nach der Hitzeschlacht wie ein "hart gekochtes Ei" fühlte.

Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) legte einen "allgemeinen Protest" beim Weltverband IAAF gegen die irregulären Vorgänge im Fall Höhne ein - doch die Aussicht auf ein konkretes Ergebnis ist gering. "Ich bin gespannt, ob wir überhaupt eine Antwort bekommen", sagte DLV-Cheftrainer Jürgen Mallow, "doch die Antwort kann bestenfalls lauten: Es tut uns Leid." Schließlich sei Höhne womöglich um eine Medaille gebracht worden. "Und, wenn er Dritter geworden wäre, hätten wir eine Medaille und einen guten WM-Auftakt. So haben wir null Punkte für die Nationenwertung", meinte Mallow.

Ecuadorianer Perez gewinnt

Der Hitze und der hohen Luftfeuchtigkeit trotzte der Ecuadorianer Jefferson Perez, der zum dritten Mal hintereinander den WM-Titel gewann. In 1:22:20 Stunden erreichte der 33 Jahre alte Olympiasieger von 1996 das Ziel und war damit 20 Sekunden schneller als der zweimalige Europameisters Francisco Javier Fernandez (Spanien) und der drittplatzierte Tunesier Hatem Ghoula.

Fernandez bekam Silber zurück, nachdem ein Protest gegen die Disqualifikation des 30-Jährigen erfolgreich war, teilte der Weltverband IAAF mit. Der Spanier war in dem Hitze-Drama nach einem Fotofinish-Entscheid zunächst als Zweiter ausgewiesen, dann aber wegen unsauberen Gehens disqualifiziert worden. "Ich bin mir nicht sicher, aber es könnte einer der härtesten aller meiner Siege gewesen sein", sagte Perez, der im Ziel mit Krämpfen zusammenbrach.

Osaka für Langstrecken-Wettbewerbe nicht geeignet?

Grundsätzliche Kritik an der Wahl des subtropischen WM-Standortes übte der deutsche Mannschaftsarzt Uwe Wegner. "Langstrecken-Wettbewerbe sollten in solchen Städten nicht ausgetragen werden", sagte der Orthopäde aus Hannover. "Die Marathon-Topläufer sind gar nicht erst gekommen, weil sie sich die ganze Saison davon nicht erholt hätten." Auch Mallow findet es "abartig, das sind Qualen". Nicht sportliche Kriterien spielten bei der WM-Standortvergabe eine Rolle, sondern wo die Sponsoren sitzen. "Die haben das Recht zu bestimmen, wo eine WM stattfindet", kritisiert der Cheftrainer.