Der Tagesspiegel : Leiden lernen

Energie spielt, Cottbus zittert. Besuch in einer Stadt, die in die Bundesliga will

Sandra Dassler

Cottbus - Die Restaurants am Altmarkt haben extra Tische und Stühle nach draußen gestellt, doch da will am Abend keiner sitzen, und das liegt nicht nur an den kühlen Temperaturen. Im Innern der Kneipen und Restaurants ist mehr los, da sitzen die Fußballfans des FC Energie Cottbus und starren gebannt auf die Fernseher. „1:1“ steht am späten Abend am Bildschirmrand, ein Unentschieden zwar nur – doch ein sehr Entscheidendes.

Das Zweitliga-Spitzenspiel gegen Greuther Fürth war so wichtig für die Stadt, für die gesamte Region. Mit einem Sieg hätte es der Klub fast schon an diesem Abend geschafft, in die Bundesliga aufzusteigen. „Dann wäre die Stadt wieder positiv in den Tagesthemen, nicht nur wegen Rechtsextremismus.“ Die beiden, die das sagen, sitzen im „Brau-Bistro“ nebenan. Wilfried Robineck ist der eine, Leitender Oberstaatsanwalt in Cottbus, der andere ist Wolfgang Rupieper, Stadionanwalt bei Energie Cottbus. Auch sie zittern heute Abend mit und sitzen vor ihrem Bier. Als früh das 0:1 fällt, leiden auch sie ein bisschen. „Die steigen trotzdem auf!“, sagen sie trotzig.

Die Innenstadt ist wie leer gefegt. Kneipen, die das Spiel live übertragen, haben Besuch. Kneipen, die das Spiel nicht zeigen, haben auch keine Gäste.Im „Mosquito“, das auch am Altmarkt liegt, bangt Jana Härtelt, die stellvertretende Geschäftsführerin, mit den Fans. Ihr Chef ist wie viele hundert andere Cottbuser nach Fürth gefahren, um sich das Spiel anzusehen. Jana Härtelt vermeidet es wie viele in Cottbus, das Wort „Aufstieg“ in den Mund zu nehmen. „Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben“, sagt sie. Ein Fan murrt sogar: „So wie beim ersten Mal wird es sowieso nicht wieder“.

Im Frühjahr 2000 waren die Lausitzer schon einmal in die Bundesliga aufgestiegen. Damals wurde das noch als „Wunder von Cottbus“ frenetisch gefeiert worden. Doch die großen Hoffnungen auf wirtschaftlichen und touristischen Aufschwung, die sich mit dem Einzug in die Bundesliga, erfüllten sich nur teilweise. Zwar wurde Cottbus, das bis 2003 in der Ersten Liga spielte, durch den Fußball deutschlandweit und auch international bekannt, doch neue Investoren lockte dies nicht in die Region. Die Arbeitslosigkeit beträgt hier seit Jahren um die 20 Prozent und wie viele andere „Randregionen“ in Brandenburg beklagt auch Cottbus den Weggang vieler junger Menschen, die ihre Perspektive vor allem in den alten Bundesländern finden und von dort aus Energie die Daumen drücken.

Eine merkwürdige Lethargie liegt am Montagabend über der Stadt, von Euphorie ist wenig zu spüren. Vor einer Kneipe sitzt Bärbel Dahl in ihrem Taxi, sie hört das Spiel im Info-Radio, „der RBB überträgt ja leider nicht live“. Längst laufen die letzten Spielminuten im fernen Fürth, der Aufstieg wird vertagt werden müssen, das scheint so langsam festzustehen. Die Bundesliga sei wichtig, sagt Bärbel Dahl, „auch aus ökonomischen Gründen.“ Da würden mehr Gäste aus anderen Städten ihr Taxi nehmen. „Und stolz würde der Aufstieg uns auch machen“, sagt sie.

Kurz nach 22 Uhr ertönt der Abpfiff in Fürth, kurz vor Schluss doch noch den Ausgleich erzielt, ein gutes Ende. „Nun heißt es: kämpfen“, sagt Energies Verwaltungsratsvorsitzende Ulrich Lepsch energisch. Er hatte das Spiel im Fernsehen gesehen. Nächste Woche will er wieder im Stadion der Freundschaft sein. Dann empfängt der FC Energie Cottbus die Mannschaft von Dynamo Dresden, ein Ost- Derby, ein Klassiker. Und ein Versuch, dem Aufstieg wieder ein Stück näher zu kommen.

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