Der Tagesspiegel : Leidenschaft für seltene Opern

Die Musikakademie Rheinsberg entdeckt den „Wasserträger“ wieder

Carsten Niemann

Rheinsberg - Käme Goethe die Mark Brandenburg besuchen, so würde ihn sein Osterspaziergang wohl in das Schlosstheater Rheinsberg führen. Hier kann man derzeit die Lieblingsopern des Olympiers erleben: „Fragt ihr mich, welche Oper ich gut finde“, sagte Goethe, „so nenne ich euch den ,Wasserträger‘, denn hier ist das Sujet so vollkommen, dass man es ohne Musik als ein bloßes Stück geben könnte und man es mit Freuden sehen würde.“

Komponiert wurde das 1800 in Paris uraufgeführte Werk von Luigi Cherubini – und auch der hatte einen gewichtigen Fürsprecher: Beethoven bekundete öffentlich, von allen seinen Zeitgenossen Cherubini am meisten zu schätzen. Beethovens Besucher konnten das bestätigen: Auf dem Flügel des Meisters lag aufgeschlagen die Partitur des „Wasserträgers“.

Die Wiederentdeckung eines selten gespielten Werks ist einer der Akzente, die von der Musikakademie Rheinsberg inzwischen regelmäßig im Musiktheaterleben Brandenburgs gesetzt werden. Seit das Schlosstheater als Studiobühne der Musikakademie wiedereröffnet wurde, studiert das ganzjährig mit Fortbildung, Forschung und Veranstaltungen aktive Haus als Osterhighlight mit jungen förderungswürdigen Musikern eine selten gespielte Oper ein. Damit leistet es Pionierarbeit, die sich im Repertoirebetrieb der festen Bühnen kaum durchführen lässt.

Ein glückliches Händchen hat Akademiedirektorin Ulrike Liedtke bei der Auswahl der Stücke bewiesen: Ob es sich um eine Oper des in Rheinsberg gepflegten Gluck, um eine Shakespeare-Adaption des preußischen Hofkapellmeisters Reichhardt oder wie bei Cherubini um ein Schlüsselwerk der napoleonischen Ära handelt: Die umgebende Kulturlandschaft spielt mit, und Bezüge zur Zeit zwischen dem Alten Fritz und Königin Luise stellen sich fast von alleine her. Gute Voraussetzungen dafür, dass Rheinsberg auch außerhalb der Sommerspielzeit von Siegfried Matthus’ „Kammeroper Schloss Rheinsberg“ ein überregional attraktives Ziel für Opernfans bleibt.

Den geförderten Musikern, bei denen es sich teils um Studenten, teils um junge Absolventen handelt, bieten die Aufführungen eine anspruchvolle Aufgabe: Weil sie sich nicht hinter bekannten Vorbildern verstecken können, müssen sie hier gleich doppelt Stilempfinden und szenische Glaubwürdigkeit beweisen. Als Lohn winkt die Aussicht, das Opernrepertoire um eine neue Figur zu bereichern. Piotr Pluska als gewitzter Wasserträger und Bariton Kim Schrader als Parlamentspräsident sind für Momente dicht an diesem Ziel. Und die Leidenschaft, die das hauseigene Orchester unter der Leitung des 26-jährigen Rustam Samedov an den Tag legt, hätte auch Goethe und Beethoven gefreut. Carsten Niemann

Weitere Aufführungen sind am 22.3., 23.3., 29.3.,5.4. jeweils um 19.30 Uhr sowie am 30.3. und 6.4. um 15 Uhr. Einführung 1,5 Stunden vor Vorstellungsbeginn.

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