Der Tagesspiegel : Lernen am toten Objekt

Im Gubener Plastinarium werden 25 Kursteilnehmer im Präparieren von Körpern ausgebildet

Sandra Dassler

Guben - Den Osterspaziergang musste Laura Bude in diesem Jahr verschieben. Anstatt mit ihren zwei und fünf Jahre alten Kindern bunte Eier zu suchen, beschäftigte sich die 28-jährige Gubenerin auch zum Fest der Auferstehung mit Leichen. In dem „anatomischen Darstellungskurs“, den sie seit zehn Tagen besucht, lernt sie das kunstgerechte Sezieren und Präparieren von Leichen.

Laura Bude ist eine von 25 „Auszubildenden“, die derzeit in Guben einen 12-tägigen Intensivkurs bei dem umstrittenen Leichenpräparator Gunther von Hagens besuchen. Der will bekanntlich in der Neißestadt eine Werkstatt für Scheibenplastinate einrichten. Auch Menschen und große Tiere sollen hier mit dem von Gunther von Hagens eigens entwickelten Verfahren – der Plastination – präpariert werden.

Schon jetzt kann man Ganzkörperplastinate von Menschen und Tieren von Freitag bis Sonntag im sogenannten Plastinarium besichtigen. Das zog seit seiner Eröffnung Mitte November 2006 knapp 30 000 Besucher an. Laura Bude arbeitet seit dem 1. Januar 2007 hier – wie viele andere der 25 Kursteilnehmer, die zwischen 20 und 60 Jahre alt sind.

„Morgens gibt es erst zwei Stunden Theorie“, sagt die Sprecherin des Plastinariums, Nadine Diwersi: „Das ist für viele schwer. Es geht um Anatomie, es muss Latein gepaukt werden.“ Die Schüler haben zuvor als Schneider oder Maurer gearbeitet, keiner hat medizinische Vorkenntnisse. Nach der Theorie geht es für sechs Stunden an die Sezier- und Präparationstische. Dass der Kurs auch Ostern stattfand, erklärt Diwersi mit dem vollen Terminkalender von Hagens. „Er hat wenig Zeit, will aber seine Leute selbst und gut ausbilden.“ Welche Berufsbezeichnung die Lehrlinge tragen sollen, ist unklar. „Leichenpräparator“ höre sich negativ an, sagt Nadine Diwersi: „Leichenästhet klingt besser.“

Den künftigen „Leichenästheten“ winkt angeblich ein Bruttogehalt von 1825 Euro. Das liegt über dem Durchschnitt in der Region – wieder etwas, mit dem sich von Hagens schmückt. 73 Arbeitsplätze hat er bislang geschaffen, der Bürgermeister von Guben ist voll des Lobes: Endlich mal ein Investor, der halte, was er verspricht. Auch die Bauarbeiten in der ehemaligen Fabrik „Gubener Wolle“ gingen voran. Überhaupt seien viele Kritiker verstummt. Das erzählt auch Nadine Diwersi. Früher hätten manche bei einer Begegnung mit von Hagens immer gesagt: „Wir beten für Ihre Seele.“ Jetzt mache sich „der Gunther schon Sorgen, weil niemand mehr für ihn betet“.

Einer der Kritiker ist der Pfarrer Siegfried Domke. Für ihn bleibt das Plastinarium eine menschenverachtende Leichenfabrik. Er freut sich, dass das Land Schulklassen den Besuch des Plastinariums verbietet: „Die haben dort mit viel mehr Besuchern gerechnet“, sagt er. Nadine Diwersi widerspricht: Allein Ostern seien mehr als anderthalbtausend Menschen da gewesen. Manch einer habe sogar einen Besuch in Berlin unterbrochen, um nach Guben zu fahren.

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