Der Tagesspiegel : Lernen wie ein Prinz in der Mini-Dorfschule

Stefan Jacobs

Märkisch Buchholz. Wehe, jemand sagt Dorf. Märkisch Buchholz ist eine Stadt. Bei knapp 800 Einwohnern ist das gewagt - aber amtlich. Und Märkisch Buchholz hat eine städtische Schule, die Franz-Fühmann-Grundschule. Der gelblich-braune Backsteinbau von 1906 steht idyllisch zwischen Tannen und kahlen Eichen. In dem Gebäude unterrichten sechs Lehrerinnen insgesamt 86 Kinder. Im nächsten Jahr dürften es nur noch 67 sein, weil der Geburtenknick aus der Wendezeit allmählich die Klassenzimmer leert. In die vierte Klasse gehen nur zwölf Schüler, während es in der fünften noch 19 und in der sechsten 24 sind. Im September wird die Talsohle erreicht sein: fünf Erstklässler - wenn keiner vorher wegzieht. Aber die Schule könnte ein Grund sein, in Märkisch Buchholz zu bleiben.

"Genau genommen machen wir hier Prinzenunterricht", sagt Schulleiterin Christiane Kolander. Zu Privatlehrerinnen ihrer Schüler werden die Pädagoginnen aber nicht, weil - zunächst bis zur vierten Klasse - je zwei Jahrgänge gemeinsam unterrichtet werden. Dieses Modell der "Kleinen Grundschule" hat das Potsdamer Bildungsministerium wegen der sinkenden Schülerzahlen bislang an 46 Orten genehmigt. Es braucht ein besonderes Konzept, weil es die Erstklässler ablenken würde, wenn den Zweitklässlern im selben Raum etwas an der Tafel erklärt wird. "Frontalunterricht läuft hier nicht gut", sagt Kolander. Was sie meint, ist im Raum nebenan zubesichtigen. Dort haben die Jüngsten gerade Deutsch bei Frau Rudolph. Die Lehrerin hockt bei einem Mädchen in der hinteren Reihe, während ringsum eine merkwürdig stille Geschäftigkeit herrscht: Ständig sind Kinder unterwegs zu Regalen und Schubkästen, um sich Bücher und Arbeitsblätter zu holen.

Erste und zweite Klasse bekommen unterschiedliche Aufgaben zu denselben Themen. Die haben sich die Lehrerinnen im Voraus überlegt; vor kurzem etwa standen "Trolle, Geister und Gespenster" auf dem Lehrplan: Im Deutschunterricht mussten die Kinder Gruselgeschichten erfinden und "Das Schulgespenst" lesen, in Mathe mit Null rechnen, in Musik das Heulen des Windes üben und ein Gespensterlied singen, in Sachkunde haben sie das Verhalten bei Gewitter gelernt und im Kunstunterricht Gesichter geschminkt. Außerdem erzählen die an eine Wäscheleine geklammerten Bilder von der Gespensterwoche. Als es unruhig wird in der Klasse, gehen alle in den Nachbarraum, singen ein Lied und lassen sich von Angelina aus der Zweiten eine Geschichte erzählen. Sie wählen immer Angelina, weil die am schönsten erzählen kann. Anschließend wird gelernt, bis die Doppelstunde vorbei ist. Das heißt, bis Frau Rudolph Schluss macht, eine Klingel gibt es nicht.

Auf dem Flur wartet schon eine Mutter, um den Ranzen ihrer Tochter abzuholen. Die nächste Stunde ist Sport, und zur Turnhalle müssen die Kinder quer durch den Ort wandern. Die Halle ist zwar neu, aber der Weg war schon so weit, als die Mutter 1977 hier eingeschult wurde. Auch der Weg zu den Toiletten ist geblieben: zu einer Baracke, quer über den Hof. Und der ist unbefestigt, so dass sich an Tagen wie diesem eine Schlammspur durchs Schulhaus zieht, die in jeder Pause dicker wird. "Höchste Zeit, dass sich hier mal was ändert", seufzt die Mutter.

Einmal hätte sich fast etwas geändert. 1989, als noch 194 Kinder in die Schule gingen, hatten Eltern sich beim Volksbildungsministerium über deren Zustand beschwert - und prompt einen Neubau versprochen bekommen. Nur verschwand kurz vor Baubeginn die DDR und mit ihr auch das Versprechen. So haben sie nach der Wende nur neue Fenster, Lampen und Heizungsventile bekommen. Und, worauf die Schulleiterin stolz ist, ein paar Computer, mit denen sowohl die Lehrerinnen als auch die Schüler umgehen können.

Ansonsten falle Märkisch Buchholz irgendwie immer von der Prioritätenliste, nach der das Geld verteilt wird, sagt Kolander. Immerhin habe das Bildungsministerium ihre Lehrpläne für die nächsten vier Jahre schon abgenickt, so dass eine Schließung vorläufig kein Thema sei. Das Ministerium hat den Slogan "Kurze Wege für kurze Beine" erfunden. Die Kinder aus den Nachbardörfern müssen trotzdem schon um halb sieben in den Bus steigen. "Der Weg hierher ist schon weit. Aber nach der sechsten Klasse sind sie dann richtig, nun ja, gekniffen", sagt Kolander. Denn ringsum gibt es selbst für Brandenburger Verhältnisse sehr viel Wald und sehr wenige Menschen. Märkisch Buchholz eben. Die nächsten Gymnasien sind in Lübben und Königs Wusterhausen, also je 25 Kilometer entfernt. Dort wird es mit dem Prinzenunterricht vorbei sein.

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