LESUNGAnna Katharina Hahn liest aus ihrem Roman „Kürzere Tage“ : Stuttgarter Bürgerhöllen

Gerrit BartelsD

Anna Katharina Hahns Debütroman „Kürzere Tage“ hat das richtige Tempo und das richtige Timing. So wie die zwei Protagonistinnen aus dem Stuttgarter Bildungsbürgertum sich ständig beäugen und sich langsam, aber sicher auch irgendwie kennenlernen, so hat man als Leser bald genug von beiden: von ihren Zweifeln an ihrem Leben, ihrem Familienidyll mit Mann und Kindern.

Die eine, Judith, ist tablettensüchtig, kocht aber schön biologisch und hat ihre Jungs im Griff. Die andere, Leonie, hat ein schlechtes Gewissen ihren Kindern gegenüber, weil sie gern berufstätig ist, ihr Mann aber noch berufstätiger, und das auch gern. Da schaut sie rüber ins hell erleuchtete Heim von Judith und „hat das Gefühl, ein Bilderbuch aufzuschlagen, in dem alles so ist, wie es sein soll“.

Das dem nicht so ist, vermittelt Hahn erschreckend gut und peinsam genau – so genau, dass ihre Milieustudie das zerebrale Brechzentrum anzutriggern beginnt. In genau diesem Moment aber wechselt Hahn abermals die Perspektiven: In Form des aus einer kaputten Familie stammenden Schülers Marco und der Trümmerfrau Luise beackert sie ein neues gesellschaftliches Feld, das Stuttgart von unten und das des kleinen Bürgertums. Und siehe da: Das funktioniert genauso gut, auch hier findet Hahn die richtige Sprache, ohne etwa im Fall von Marco in peinlichen Jugendslang zu verfallen. Berlin-Prenzlauer Berg mit seinem Nebeneinander von proletarischen Alteingesessenen (nördlich vom S-Bahn-Ring) und mittelalten Neubürgern ist überall – und nach der Lektüre von Hahns feinem Gesellschaftsroman fühlt man sich in Prenzlauer Berg doppelt wohl. Gerrit Bartels

Volksbühne, Kantine,

Sa 4.4., 21 Uhr, 5 €

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