Der Tagesspiegel : Letzte Chance Uckermark

In Frostenwalde werden jugendliche Straftäter aus Berlin und Brandenburg betreut – ganz ohne Mauern. Ein Konzept, das viele kriminelle Karrieren stoppt

Sandra Dassler

Wenn Hans-Joachim Sommer einen Anruf aus Berlin erhält, setzt er sich ins Auto und fährt in die 130 Kilometer entfernte Hauptstadt. Meist kommt der Anruf von einem Staatsanwalt oder einem Richter, der gerade entschieden hat, einen jugendlichen Gewalttäter in die Uckermark statt in die Untersuchungshaft zu schicken.

Rainer, ein schlaksiger Junge aus Kreuzberg, erinnert sich, wie ihn Herr Sommer abholte: „Der war anders als die Erwachsenen, mit denen ich sonst zu tun hatte.“ Vor allem aber erinnert sich der 16-Jährige an den Schock, als er aus dem Auto stieg: „Ich habe immer in der Großstadt gelebt und plötzlich steh’ ich da mitten im Wald.“ Tatsächlich wirkt das kleine Bungalowdorf Frostenwalde bei Schwedt wie eine Idylle: Frisch gestrichene Häuschen stehen unter hohen alten Laubbäumen, rote Geranien auf schmalen Fensterbänken und praktische Möbel in kleinen Zimmern, die tipptopp aufgeräumt sind.

Die 32 Jugendlichen, die hier nach strengem Tagesablauf leben, sind wahrhaftig keine Kleinkriminellen. Rainer aus Kreuzberg hat mit 13 Jahren begonnen zu stehlen. Irgendwann setzte er auch seine Fäuste ein, aus Diebstahl wurde Raub. Mit 14 schlug er Menschen krankenhausreif, mit 15 stand er zweimal wegen Körperverletzung vor Gericht. Als er seine Raubzüge in der Bewährungszeit fortsetzte und erwischt wurde, kam nur noch das Gefängnis in Frage.

Oder eben Frostenwalde, das vor zehn Jahren gegründet wurde, um straffälligen 14- bis 17-Jährigen die U-Haft zu ersparen. Objektleiter Hans-Joachim Sommer weiß, was an dieser Stelle für Fragen kommen. Er pariert sie mit zwei nüchternen Fakten: Nach einer U-Haft bleibt nur ein Drittel der jungen Kriminellen „sauber“. Aber zwei Drittel der Mädchen und Jungen, die in Frostenwalde waren, schafften es, danach straffrei zu leben. Zwei Drittel von mehr als 500 Jugendlichen, die sich bislang hier aufhielten. Das hat selbst Bayerns Innenminister Beckstein bei einem Besuch nachdenklich gestimmt.

Frostenwalde ist eine Einrichtung der EJF-Lazarusgesellschaft und wird größtenteils durch das Potsdamer Justizministerium finanziert. 24 Plätze sind für Brandenburg reserviert, acht stehen für andere Bundesländer bereit. Seitdem es in Berlin ein Sonderdezernat der Staatsanwaltschaft für jugendliche Serientäter gibt, sind die acht Plätze meist mit Hauptstädtern belegt. „Wir arbeiten gut mit Berliner Behörden zusammen“, sagt Sommer. Berlins Justizsprecher Michael Grunwald gibt das Kompliment zurück: „Wir sind sehr zufrieden, könnten noch mehr Plätze in Frostenwalde gebrauchen.“ Dem schließt sich der Vorsitzender des Innenausschusses im Berliner Abgeordnetenhaus, Peter Trapp (CDU), an: „Wenn es 300 jugendliche Serientäter in Berlin gibt, muss der Bedarf höher sein. Hätten wir mehr von diesen Plätzen, könnten wir manche kriminelle Karriere vermeiden.“

Trapp denkt dabei natürlich auch an den kleinen Christian, der in Zehlendorf von dem 16-jährigen Ken M. getötet wurde. Nach der ersten Sprach- und Hilflosigkeit, meint Trapp, werden nach solchen schlimmen Taten immer dieselben, durchaus verständlichen, Forderungen laut: Wegschließen! Schärfere Gesetze! Schluss mit liberalen Erziehungskonzepten. „2003 hatten wir die gleiche Diskussion“, sagt Trapp. „Damals ging es um den jugendlichen Serientäter Mahmoud und den Schulhofschläger Sawis.“

Wäre Frostenwalde für Ken M. in Frage gekommen? „Wir hätten ihn aufgenommen, wenn der Richter so entschieden hätte und ein Platz frei gewesen wäre“, sagt Hans-Joachim Sommer. In Frostenwalde sind viele Gewalttäter. Und obwohl es keine Mauern gibt, laufen die wenigsten weg. Sie wissen, dass sie hier eine letzte Chance erhalten. In Frostenwalde können sie ihren Schulabschluss machen und manchmal sogar eine Lehre beginnen. Rainer, der Großstadtjunge aus Kreuzberg, hat hier gärtnern gelernt. „Auch denken“, sagt er: „Die Betreuer hier nehmen uns ernst, sie leben mit uns und sie haben mir klar gemacht, dass ich die Verantwortung für mich trage. Wenn ich rauskomme, nutze ich meine Chance.“ Einfach wird das nicht. Jetzt ist Rainer weit weg von Berlin mit den Versuchungen, der Anonymität, den falschen Freunden. Wenn die Nachbetreuung nicht greift, kehren dort manche in die Clique zurück. Es tut immer weh, wenn in Frostenwalde die Nachricht eintrifft, dass ein Jugendlicher wieder abgerutscht ist. Hingegen gilt das „Nichts wieder von ihm gehört“ als Erfolgsmeldung.

Oft bedauern die Betreuer, dass die Jugendlichen nur vier bis fünf Monate bis zur Hauptverhandlung in Frostenwalde bleiben können. Und noch öfter fragen sie sich, warum mancher der Jungkriminellen nicht früher „entdeckt“ wurde.

Nur wenige Kilometer von Frostenwalde entfernt leben acht Berliner Mädchen und Jungen zwischen 10 und 13 Jahren auf einem großen Bauernhof – der „Insel“. Sie haben Straftaten begangen, sind aber noch nicht strafmündig. Je jünger die Kinder sind, umso größer sind die Erfolgsaussichten, kriminelle Karrieren zu verhindern, sagt EFJ-Sprecherin Julie von Stülpnagel. Aber die besondere pädagogische Betreuung kommt wesentlich teurer, als die Mädchen und Jungen in ein „normales“ Kinderheim zu stecken. Und auch die Jugendämter, die darüber entscheiden, müssen Kosten sparen.

Bei Peter war das zum Glück kein Hinderungsgrund. Er kam als Elfjähriger auf die Insel, war in Friedrichshain schon in der Kita aufgefallen. Er log, stahl, türmte aus Kinderheimen und weigerte sich, einen Schulraum auch nur zu betreten. „Wir haben ihn ein halbes Jahr im Freien unterrichtet“, sagt „Insel“-Leiterin Helga Kriese: „Bei der Gartenarbeit sprachen wir über die Schreibweise von Pfefferminze und beim Mauern über Mischungsverhältnisse und wie man die berechnet. Da ist dem Jungen klar geworden, dass man Schule auch zu was gebrauchen kann.“ Irgendwann hat sich Peter zu den anderen in den Klassenraum gesetzt. Inzwischen bereitet er sich aufs Abi vor.

(Alle Namen der Kinder und Jugendlichen wurden geändert)

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