Der Tagesspiegel : Letzte Ruhestörung

Auf der Suche nach Schmuck buddeln Grabräuber in den Wäldern bei Halbe die Leichen von Soldaten aus. Manche bringen sie dann zur Pfarrerin

Sandra Dassler

Halbe. Erdmute Labes hat drei Leichen in der Waschküche. Sie liegen geordnet in Särgen aus Pappe: rechts der Schädel, links Becken- und Schulterknochen, dazwischen die Gliedmaßen. Die Särge sind 70 Zentimeter lang und etwa 30 Zentimeter hoch. Das reicht für die Gebeine eines Menschen.

Die Knochen sind nicht weiß wie im Gruselfilm, sondern von einem irgendwie beruhigenden Braun. Sie riechen auch nicht nach Verwesung, sondern nach fruchtbarer Walderde. „Reichlich gedüngt“ seien die Wälder rings um das rund 50 Kilometer südöstlich von Berlin gelegene Dorf Halbe, sagt Erdmute Labes. Die 60-Jährige ist Pfarrerin im nahen Märkisch Buchholz. Manchmal kommen Räuber in ihr Haus. Das stört sie nicht, denn diese Männer nehmen es nicht von den Lebenden. Sie interessieren sich ausschließlich für die Toten: für jene Soldaten und Zivilisten, die 1945 bei einem der letzten Gemetzel des Zweiten Weltkrieges getötet wurden, in der Kesselschlacht von Halbe.

Die Leichenfledderer suchen in den Wäldern ringsum nach Goldzähnen und Eheringen, nach Waffen und Munition oder nach militärischen Utensilien: Koppelschlösser, Helme, Schulterstücke von Soldatenuniformen, Wehrmachtstagebücher. Viele lassen die ausgeraubten Skelette einfach liegen. Manche bringen sie zum Pfarrhaus nach Märkisch Buchholz. Einige wissen schon, wo der Schlüssel zur Waschküche hängt. Andere stellen die in Plastiktüten verstauten Gebeine einfach vor die Tür. Ein paar rufen sogar vorher an: „Wir bringen wieder was.“ Erdmute Labes fragt niemals nach. Als Pfarrerin muss sie bei der Polizei keine Angaben machen. Deshalb vertrauen ihr die Grabräuber, die sonst hart bestraft werden könnten.

Als die gebürtige Berlinerin Erdmute Labes 1982 die Pfarrstelle in Märkisch Buchholz antrat, wusste sie, dass sie sich auch um den Soldatenfriedhof von Halbe kümmern muss. 24 000 deutsche Soldaten sind hier begraben. 16 000 dürften in den Wäldern ringsum liegen. Grabräuber wittern reiche Beute. Obwohl kaum Goldzähne und Eheringe zu holen sind, denn fast alle Soldaten starben blutjung. Wenn Erdmute Labes daran denkt, wird sie immer noch wütend: „Viele Gymnasiasten des Jahrgangs 1929 erhielt Hitler im letzten Kriegsjahr quasi als Geburtstagsgeschenk. 16-jährige Kinder wurden völlig sinnlos in den Tod geschickt.“

Die Pfarrerin hat in den Dörfern ringsum viele Geschichten gehört. Von Männern, die nach 58 Jahren noch vor sich sehen, wie Panzer ihre Kameraden überrollten. Von Frauen, die noch immer den Gestank der Leichen in der Nase haben. Der Frühling 1945 war warm, die Angst vor Seuchen groß. Deshalb mussten die Toten möglichst schnell unter die Erde. Also warf man sie mitsamt Waffen, Munition, Goldzähnen und Eheringen in die Massengräber – und mit ihren Erkennungsmarken. So eine Marke brachte Anfang der 90er Jahre bei Sammlern 4000 Mark. Aus diesem Grund blieben viele Gefallene namenlos.

Zum morgigen Volkstrauertag wollen heute – wie jedes Jahr seit der Wende – Neonazis in Halbe aufmarschieren. Auch die Grabräuber kamen erst mit der Vereinigung. „Vorher hat zwar der eine oder andere Waldarbeiter mal einen Toten gefunden, aber er konnte nur mit den Wertsachen etwas anfangen“, erzählt die Pfarrerin. „Nach der Wende ging es richtig los. Die meisten professionellen Leichenfledderer stammen aus dem Ruhrgebiet, Niederbayern und Schleswig-Holstein.“

Natürlich ahnen die Einheimischen, was die Fremden treiben, die mit komischen Sonden im Rucksack durch die Wälder streifen. Die Sonden reichen zwei Meter tief in die Erde. Wenn sie anschlagen, erkennen Profis schon am Klang, ob sie einen Stahlhelm oder ein blechernes Essgeschirr aufgespürt haben.

Sonst sucht niemand mehr gezielt nach Leichen. Aber Straßenbauarbeiter stoßen immer wieder auf Gräber. So wurden vor zwei Jahren 139 Skelette an einer Böschung der A13 ausgegraben. Nach solchen Funden erhalten Frauen in ganz Deutschland Briefe, die mit den Worten beginnen: „Wir bedauern, Ihnen erst jetzt mitteilen zu können, dass ihr damaliger Ehemann . . . in der Kesselschlacht bei Halbe gefallen ist.“

Zu DDR-Zeiten war Besuch auf dem Friedhof in Halbe selten. An einem Novembersonntag 1987 rief eine ältere Frau aus Hannover im Pfarrhaus an: „Ich stehe mit einem Tagesvisum für Ost-Berlin am Bahnhof Friedrichstraße“, sagte sie, „aber alle Taxifahrer weigern sich, mich nach Halbe zu bringen.“ Nach dem Gottesdienst holte Erdmute Labes mit ihrem Trabi die Frau aus Berlin ab. Ein klarer Gesetzesbruch, aber sie wurden nicht kontrolliert. Lange stand die Besucherin schweigend am Grab. Dann sagte sie: „Heute hätten wir Goldene Hochzeit gehabt.“

Die Pfarrerin spricht nicht nur von Deutschen. Sie zeigt Schulklassen auch die Gräber der russischen Zwangsarbeiter, die in der Psychiatrischen Klinik im nahen Teupitz schuften mussten. Für die Sowjets, die ihre im Kessel gefallenen Soldaten – es waren wohl ebenfalls mindestens 40 000 – zumeist in Seelow bestatteten, galten die Zwangsarbeiter lange als Verräter. Also brachte man die sterblichen Überreste der Russen und Ukrainer 1954 von Teupitz nach Halbe. Auch Kinder waren darunter, das jüngste drei Monate alt. Wie die deutschen Toten werden sie für immer in Halbe bleiben. Kriegsopfer haben ewiges Ruherecht. Auch die Leichen in Erdmute Labes Waschküche kommen bald wieder unter die Erde: Die Pfarrerin spricht ein paar Worte, ein Trompeter bläst zum endgültigen Abschied.

Trauer braucht einen Ort, sagt Erdmute Labes. Auch alte Männer kommen oft auf den weitläufigen Friedhof. Sie laufen schweigend an den endlosen Grabreihen entlang. Manchmal verschnaufen sie auf einer Bank, manchmal weinen sie. Wenn die Pfarrerin oder eine Mitarbeiterin des Soldatenfriedhofs das bemerken, nähern sie sich vorsichtig, fragen, ob sie helfen können. Die Männer erzählen dann meist von ihrem Leben, das sich dem Ende zuneigt. Von Verwandten, die keine Zeit mehr für sie haben. Von körperlichen Beschwerden und von ihrer Angst vor dem Sterben. Und fast jeder sagt: „Für viele meiner Altersgefährten war hier im Kessel von Halbe alles zu Ende – mit 16, 18 oder 20 Jahren. Ich hatte wenigstens ein Leben.“

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