Der Tagesspiegel : Letzter Dreh im Niemandsland

Die öde Weite des Tagebaus Meuro ist noch einmal Kulisse für einen Film – dann wird die Grube geflutet

Sandra Dassler

Meuro - Jeden Morgen um fünf kommen Erika Steinberg die Worte von Freunden und Kollegen ihrer Heimatstadt Köln in den Sinn. „Erika, was willst du denn in Dunkeldeutschland?“ Morgens um fünf ist es verdammt dunkel auf den Straßen der Lausitz. Aber was heißt hier Straßen? Zu Erika Steinbergs Arbeitsplatz führt nur eine provisorisch aufgeschüttete Schotterpiste. Wenn die Scheinwerfer in der Mondlandschaft einen kleinen roten Pfeil erfassen, muss das Auto abbiegen. Und es wird der 53-jährigen Rheinländerin immer ein wenig unheimlich, wenn plötzlich die grauen Fassaden einer Geisterstadt auftauchen, die den einen an ein Wüstencamp und den anderen an zerstörte Häuser im Kosovo erinnern.

Lange haben der Filmregisseur Roland Lang und seine Crew nach einem Niemandsland gesucht – an der Ostseeküste, in den Bergen, sogar in Marokko. Am Ende machte der Tagebau Meuro als Drehort für den Spielfilm „La Isla Bonita – Armee der Stille“ das Rennen: Eine Landschaft, die nach Ansicht des Regisseurs so surrealistisch, traumhaft und entfremdet ist wie die Seelenlandschaft jener mediengeprägten Generation, deren Porträt Roland Lang in dem Film zeichnen möchte. „Der Tagebau ist der ideale Drehort“, sagt der Regisseur: „Keiner wird wissen, wo dieses Niemandsland liegt – auf dem Mond, in den Bergen oder in der Steppe.“

„La Isla Bonita“ erzählt die Geschichte von sieben jungen Leuten, die auf der Flucht vor ihrem langweiligen Alltag eine ausschweifende Party in einer verfallenen Kulissenstadt auf einer Insel besuchen – und im Gegensatz zu den anderen Gästen auch nach dem Fest dort bleiben. Der Besitzer der Insel und Veranstalter der Party ist ein reicher, kranker, alter Zyniker, der früher Seifenopern produziert hat. Er bietet den jungen Leuten an, in der Kulissenstadt zu wohnen. Schon nach kurzer Zeit beschleicht sie freilich das Gefühl, Teil eines bösen, voyeuristischen Spiels zu sein – das für zwei Menschen tödlich endet.

Manchmal wird das Drehbuch der speziellen Umgebung angepasst. So haben die Filmleute unweit ihrer Kulissenstadt einen roten See entdeckt. Der wird nun integriert. Schwieriger ist das mit den Wildgänsen, die derzeit ständig über dem teilweise sumpfigen Gelände des Tagebaus kreisen. Nicht nur, dass die sensiblen Mikrofone sofort auf die schrillen Schreie der Vögel reagieren. Es macht sich auch schlecht, wenn Bilder derselben Szene mal Gänse enthalten, ein andermal wieder nicht.

„La Isla Bonita“ ist eine Produktion der Filmakademie Baden-Württemberg, größtenteils von Studenten gemacht, der Film darf nur wenig kosten. Die sieben Hauptdarsteller arbeiten unentgeltlich. Auch die etwa 200 Komparsen, die für die wilden Partyszenen demnächst in Berlin und Dresden gecastet werden sollen, erhalten keine Gage.

Dafür erleben sie aber einen Drehort, der auch für viele in der Crew ungewöhnlich ist: mit Maske und Catering in Containern, Dixi-Klos und einem Boden, der bei Regen sofort zur Schlammwüste mutiert. Wenn Letzteres geschieht, helfen die Männer von der BUL – der Bergbausanierung und Landschaftsgestaltung. Sie sind rund um die Uhr erreichbar. Sie holen Schotter heran, setzen die Gebäude und die in die Kulissenstadt integrierten Container um und passen auf, dass sich keiner verirrt.

In wenigen Wochen wird damit begonnen, den Tagebau Meuro zu fluten – dort, wo jetzt die Kameraleute immer neue Einstellungen proben, befindet sich dann der Grund des Ilsesees. Das Gelände hier ist tückisch. Erdrutsche sind nicht auszuschließen, deshalb dürfen sich die Filmleute auch nicht auf eigene Faust vom Dreh entfernen.

Für die sieben jungen Schauspieler ist das alles skurril. Stefan Konarske beispielsweise denkt mit Schaudern an den November. Dann steht der 26-Jährige abends als Orestes auf der Bühne des Deutschen Theaters Berlin und muss – nachdem er dort seine Mutter Klytaimnestra erdrosselt hat – in den zwei Autostunden entfernten Tagebau Meuro fahren, wo die Nachtszenen gedreht werden.

Da hilft nur der Gedanke an Erika Steinbergs Zaubertrunk – heiße Schokolade mit einem Schuss Amaretto. Die Kölnerin besorgt das Catering beim Dreh und hat in „Dunkeldeutschland“, so erzählt sie, schon viele total nette Menschen getroffen, die ihr bei der Versorgung der 40 bis 60 Leute umfassenden Crew helfen. Eine Bäckersfrau stellt frischen Kuchen zum halben Preis zur Verfügung, Werner Vorwerk, der Besitzer des Hotels Marga in Senftenberg, die Übernachtungsplätze für fünf Euro. „Die jungen Leute haben doch kein Geld“, sagt er: „Und wenn hier in der Region schon mal was los ist, muss man es doch einfach unterstützen.“

Ein wenig hofft Werner Vorwerk wohl auch, dass sein Hotel etwas vom Glanz des, wie er sagt, „einzigen großen Stars“ des Films profitiert. Der kommt erst zu den letzten Drehtagen von seiner Insel vor Frankreich herüber: Dieter Hallervorden spielt den reichen, alten Mann. Ebenfalls ohne Gage.

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