Literatur-Nobelpreis : Le Clézio glaubt nicht an Veränderung durch Literatur

Der französische Schriftsteller Le Clézio macht sich keine Illusionen über die Wirkung seiner Bücher - gesellschaftliche Veränderungen könne Literatur nicht herbeiführen. Dem Internet traut der Literatur-Nobelpreisträger da schon mehr zu.

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In drei Tagen erhält Jean Marie Le Clézio den Literatur-Nobelpreis. -Foto: dpa

StockholmJean Marie Le Clézio, Träger des diesjährigen Literatur-Nobelpreises aus Frankreich, hat ein pessimistisches Verhältnis zur Rolle der Literatur bei gesellschaftlichen Veränderungen, hält sie aber für lebenswichtig. Bei der traditionellen Nobelvorlesung drei Tage vor der feierlichen Preiszeremonie sagte der 68-jährige Franzose am Sonntag in Stockholm: "Der Schriftsteller besitzt schon seit einiger Zeit nicht mehr die Überheblichkeit zu glauben, dass er die Welt verändert und mit seinen Kurzgeschichten, seinen Romanen ein bessere Lebensmodell schafft. Heute will er nur noch Zeuge sein."

Auch diese Rolle sah Le Clézio beim Vortrag im alten Börsensaal der schwedischen Hauptstadt als nur in den besten Augenblicken erfüllbar: "Der Schriftsteller will Zeuge sein, dabei ist er die meiste Zeit nur ein einfacher Voyeur." Als Titel hatte der Autor von über dreißig Büchern "Im Wald der Paradoxe" nach einem Satz des von ihm verehrten Schweden Stig Dagerman gewählt: "Er, der eigentlich  nur für jene schreiben möchte, die Hunger leiden, muss entdecken, dass nur diejenigen, die genug zu essen haben, die Muße haben, seineExistenz wahrzunehmen."

Le Clézio sagte, er teile Pessimismus und Unbehagen des Schweden mehr als die "engagierte Analyse" des italienischen Philosophen Antonio Gramsci oder das "ernüchterte Setzen auf den freien Willen" seines Landsmannes Jean-Paul Sarte. In seiner von leisen und mitunter wehmütigen Erinnerungen an die Kindheit und Aufenthalte in fremden Kulturen durchsetzten Vorlesung meint  er weiter, dass er trotz alledem Literatur für noch notwendiger halte "als zur Zeit von Byron und Victor Hugo". Schriftsteller seien Hüter der Sprache, weshalb man nicht auf sie verzichten könne: "Die Sprache ist die hervorragendste Erfindung der Menschheit. Sie geht allem voraus, hat an allem teil."

Kritisch setzte sich Le Clézio mit Computern und Internet auseinander, obwohl sie als Verbreiter von Nachrichten Konflikten vorbeugen könnten: "Wenn es damals schon das Internet gegeben hätte, könnte es sein, dass Hitler es nicht geschafft hätte, seine kriminelle Verschwörung anzuzetteln." Andererseits schaffe der armen Menschen weitgehend verwehrte Zugang zum Internet eine "neue Elite".

Literarisches Gemüt erweckt durch Wald

Als bildlichen Ausdruck für die von unauflöslichen Widersprüchen geprägte Suche von Literaten nach gültigem Ausdruck kam Le Clézio immer wieder auf Bewegung in einem dichten Wald zurück. Dieser habe er bei Indianern in Zentralamerika "eine seiner stärksten
literarischen Gemütsbewegungen" zu verdanken. Der Franzose widmete seinen Nobelpreis einer indianischen Erzählerin namens Elvira, weil sie "etwas Einfaches, Wahres" ausgedrückt habe, das nur in der Sprache existiere: "Eine Haltung, manchmal eine List, ein rauer Tanz, oder lange Momente des Schweigens. Die Sprache des Spotts, die Einwürfe, die Verwünschungen und sogleich die Sprache des Paradieses."

Le Clézio bekommt den mit zehn Millionen Kronen (950.000 Euro) dotierten Nobelpreis am Mittwoch von Schwedens König Carl XVI. Gustaf überreicht. (bvdw/dpa)