Literatur : Wut und Demut

Genie der Freundschaft: Nicolas Borns Briefe erzählen von einer versunkenen Literatenrepublik.

Gregor Dotzauer

Schon 1969 hatte er vom großen gesellschaftlichen Umbruch die Nase voll. „Ich nehme immer deutlicher konterrevolutionäre Züge an“, erklärte er seinem Freund Friedrich Christian Delius nur halbironisch. Wenn Nicolas Born bis zu seinem Krebstod zehn Jahre später ein Linker blieb, der Politik und Poesie frei von Agitprop, Formelkrampf und Begriffshuberei verbinden wollte, dann aus purer Not, nicht aus Leidenschaft. Der Kampf gegen die Atomwirtschaft, den er zuletzt führte, war für ihn eine menschheitliche Überlebensfrage. „Das einzige Feststehende“, schrieb er Martin Grzimek, „ist (ich muss immer ,Vielleicht’ dazwischenfügen) das fassungslose Interesse an menschlichen Verhältnissen und menschlichem Verhalten, die riesenwüchsige Determinante Vernichtung, Geschichtsvernichtung, Vernichtungsgeschichte.“ Dafür suchte er eine Sprache, die „ohne Stilpose“ und „ohne subjektivistisches Aufheulen“ auskommen würde, wie er sie für seinen letzten, im Libanon angesiedelten Roman „Die Fälschung“ zu finden hoffte, und er träumte von einer Literatur, die trotz ihres Realitätsgehalts nicht an Fakten und Bedeutungen erstickt.

Wer Nicolas Borns Briefe liest, betritt eine versunkene Welt. Die Äonen, die seitdem vergangen sind, umfassen, nach Jahren gezählt, nicht einmal ein halbes Menschenleben. Doch die literarische Öffentlichkeit, die man sich dabei vergegenwärtigen muss, ist etwas für Archäologen. Nach allem, was die sechziger und siebziger Jahre in diesen Briefen von sich preisgeben, war die Epoche insgesamt nicht glücklicher und nicht weniger beschädigt als die Gegenwart – und das literarische Westberlin, gemessen an der heutigen Schriftsteller- und Veranstaltungsdichte in der vereinigten Hauptstadt, eine Wüste, allerdings mit prächtigen Oasen. Walter Höllerers Literarisches Colloquium am Wannsee, K. P. Herbachs 1967 entstandener Buchhändlerkeller in der Friedenauer Görresstraße, das legendäre „Bundeseck“ am benachbarten Friedrich-Wilhelm-Platz oder das Haus in der Dickhardtstraße, das Born, sein Freund Hans Christoph Buch und der Luchterhand-Lektor Klaus Roehler ab 1971 bewohnten: Zwischen Privathaushalt, Kneipe und literarischer Institution spielte sich eine kollektive Auseinandersetzung mit dem Sinn und Unsinn des Schreibens ab, deren Ernsthaftigkeit sich noch in den witzigsten und rotzigsten Briefen spiegelt.

Das Befremdlichste aus heutiger Sicht ist, wie sehr Born Literatur als Korrektiv gegenüber den Zumutungen der „Megamaschine“ (Lewis Mumford) verstand. Die Wut, die ihn packte, wenn er Begriffen wie Lebensqualität und Umweltfreundlichkeit begegnete, in denen sich für ihn „die Verödung der Empfindungs- und der Wahrnehmungsfähigkeit“ ausdrückte, ist einer fatalistischen Duldsamkeit gewichen. Nicht, dass Born Literatur als den zuständigen Reparaturbetrieb für alltägliche Sprachdefekte, Schlampereien und Euphemismen betrachtete, doch er beurteilte sie danach, inwieweit sie fähig war, durch ihr reines Vorhandensein Widerworte gegen die Floskelflut aufzubieten und die Würde des Geschriebenen gegenüber dem bewusstlos Dahingesagten zu verteidigen.

Diese Haltung wirkt umso vergangener, als die meisten Adressaten seiner Briefe – von Friedrich Christian Delius bis zu Jürgen Theobaldy, von Michael Krüger bis zu Jürgen Manthey, von Günter Grass bis zu Peter Rühmkorf – nach wie vor prominente Akteure einer literarischen Öffentlichkeit sind. Man könnte sie unverändert wähnen, wenn nicht jede Zeile das Gegenteil beweisen würde.

Nie zum Beispiel gab es mehr Begegnungen zwischen Jung und Alt, nie mehr institutionalisierte Anleitung des Nachwuchses durch die Erfahreneren als heute. Ja die Professionalisierung der schriftstellerischen Ausbildung schließt an die frühen Erfahrungen mit den Werkstätten an, die das Literarische Colloquium zum ersten Mal 1963 mit dem Lehrgang „Prosaschreiben“ einrichtete: Neben Born nahmen daran unter anderem Buch, Hermann Peter Piwitt und Hubert Fichte teil. Die bewundernde Distanz aber, die etwa aus den Briefen des 22-jährigen Chemigrafen Born an den Hagener Dichter Ernst Meister spricht, die geradezu schmerzhafte Unterwürfigkeit, mit der er ihm einige Gedichte zur Beurteilung vorlegt und um Gespräche bettelt – diese Haltung eines Schülers gegenüber seinem Meister hat sich verflüchtigt.

Darin zeigt sich weniger der Verlust eines romantischen Dichterbildes, auf das schon Born keinen Wert mehr legte, als ein Mangel an Demut vor künstlerischer Leistung, die im Handwerklichen wurzelt, darin jedoch bei weitem nicht aufgeht. Unbedingtheit, Ganzkörpereinsatz, der Abstraktion entrissene und erfundenen Wortgespinsten eingehauchte Erfahrung: Alles, womit Born rang und vielleicht in seinen Gedichten am eindrücklichsten umsetzte, wirkt in den normalitätsgesättigten, didaktisch handlich gemachten Zusammenhängen, in denen literarisches Schreiben heute unterrichtet wird, wie selbstzerstörerischer Irrsinn. Die liebevolle, in der Sache aber unnachgiebige Zuneigung, mit der Born ein gutes Dutzend Jahre nach den ersten Treffen mit Meister jüngere Autoren wie Bodo Morshäuser und Norbert Wehr selber an die Hand nahm und auf die Unfertigkeit ihrer Versuche hinwies, lässt einen jedenfalls auf die Idee kommen, dass die vielversprechendsten Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur im Zweifel die Autodidakten sind.

Was die Darstellung der biografischen Hintergründe betrifft, kann man sich keine ausführlichere, einfühlsamere und informativere Darstellung wünschen, als die Herausgeberin der Briefe, Borns jüngste Tochter Katharina, sie in ihrem gut 50-seitigen Nachwort leistet. Ihr persönlicher Ton ergänzt aufs schönste ihre philologische Korrektheit, die nur im Anmerkungsapparat manchmal zu einer auch das allzu Bekannte erklärenden Überkorrektheit neigt. Das ganze Buch ist auch ein Liebesdienst an ihrem früh verlorenen Vater. Als Born 1979 im Alter von 41 Jahren starb, war sie gerade sechs Jahre alt.

Ihr Vater, stellt die Tochter fest, sei „kein großer Briefeschreiber“ gewesen. Im Hinblick auf die ewigen Schuldgefühle, die er mangels Produktivität gegenüber seinen Briefpartnern hegte, mag das zutreffen. (Er war allerdings auch nicht unbegabt darin, bei ihnen Schuldgefühle zu erzeugen.) Es mag weiterhin darin zutreffen, dass ihm der Brief – anders als dem ihm freundschaftlich verbundenen Konkurrenten Rolf Dieter Brinkmann – als Kunstform von Herzen egal war: Selbst wo er poetologische Überlegungen und politische Bekenntnisse enthält, war er dem jeweiligen Gegenüber, nicht der Nachwelt zugedacht. Der Brief diente Born offenbar nicht einmal zum Warmschreiben. Wenn man ihre Größe allein an den Freundschaftsbekundungen messen könnte, die er seinen Partnern zukommen ließ, dann wäre diese Auswahl, die im zweiten Teil auch vier Korrespondenzen versammelt, schon Beweis genug für einen großen Briefeschreiber.

Der Reiz der Lektüre hat nicht zuletzt mit dem langsamen Medium selbst zu tun: den mechanischen Widerständen der Schreibmaschine, dem Gang zum Briefkasten, dem Warten auf den Postboten. Es ist ein kulturkonservatives Vorurteil, dass die Email dem Brief in punkto Gehalt unterlegen sei: Alles, was sich dem Papier anvertrauen lässt, kann man auch durch den elektronischen Raum jagen. Doch jedes Medium bildet seine eigenen Verkehrsformen aus, und so verträgt der Brief Ehrerbietung und Höflichkeit besser und setzt Frechheit und Spontaneität allein durch die Beförderungswege Grenzen. Das um ein Lebenszeichen bettelnde Heulen und Zähneklappern, das Born dem Schriftsteller-Ehepaar Kunert in Ostberlin und dem Hanspeter Krüger in Westberlin 1969/70 aus Iowa City zukommen lässt, ist heute schlechterdings undenkbar.

Die beiden spannendsten Briefwechsel sind zweifellos die mit Hermann Peter Piwitt und Peter Handke: der eine ein aufgekratztes, kumpelhaftes, auf Augen- und Schnapsglashöhe augetragenes Weltschmerz-Sparring, der andere ein hinreißend empfindsamer, den Ausbruch und die Verletzung schließlich nicht scheuender Dialog um Frauen, die Melancholien der eigenen Wahrnehmung und das gemeinsame Prosaideal, das Handke auf der Höhe seiner Selbstreflexion zeigt. Der Kontrast zwischen Piwitt und Handke illustriert exemplarisch, wie sehr sich Born dem Duktus seines Partners anzuschmiegen vermochte. Was Handke einmal zu der Bemerkung bringt: „Gerade habe ich auf meinen Brief geschaut, halb schauend, halb lesend, und gedacht, er sei von Dir an mich.“ Das muss kein Ziel von Korrespondenz sein. Als Ergebnis ist es ein Traum

Nicolas Born: Briefe 1959 – 1979. Hg. von Katharina Born. Wallstein Verlag, Göttingen 2007. 633 Seiten, 34 €. – Die Herausgeberin stellt die Ausgabe am 27.6. in der Akademie der Künste (Robert-Koch-Platz, 18.30 Uhr) vor und am 29.6. um 20 Uhr im Berliner Literaturhaus.