LKW-Überholverbot : Auf der rechten Spur

Jeder kennt das: Ein Laster blockiert beim Überholen im Schneckentempo die linke Spur. Das kostet Zeit, Nerven und Geld. Bald könnte es Überholverbote für die Brummis auf Autobahnen geben. Würde der Verkehr dadurch zügiger fließen?

Jeder, der schon mal in einem Pkw auf der Autobahn gesessen hat, kennt das: Ein schwerer Laster blockiert bei dem Versuch, im Schneckentempo einen anderen Lkw zu überholen, die linke Fahrspur. Oder es ist dichter Berufsverkehr - und die großen Lastwagen verursachen beim Einfädeln in die verbliebene Fahrspur einen langen Stau. Das alles kostet Nerven. Aber auch viel Zeit und Geld. Pünktlich zum Beginn der Hauptreisezeit hat Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) jetzt Vorschläge gemacht, mit denen er die täglichen Probleme auf den Autobahnen lösen will.

Wie sehen Tiefensees Vorschläge im Einzelnen aus?
Der Verkehrsminister will für weniger Staus auf Deutschlands Autobahnen sorgen und dadurch eine Reduzierung des Spritverbrauchs erreichen. Tiefensee fordert ein generelles Überholverbot für Laster. Lkw sollen demnach nur noch auf der rechten Spur fahren dürfen. "Alle anderen Spuren gehören den Autos", sagt Tiefensee. Zu Stoßzeiten sollen in Ballungsräumen daneben die Standstreifen als zusätzliche Spuren freigegeben werden. Tiefensees zweiter Vorschlag sieht eine gestaffelte Lkw-Maut vor: Will ein Lastwagenfahrer zwischen 6 und 9 Uhr morgens zum Beispiel auf die Autobahn rund um das stark befahrene Frankfurter Kreuz auffahren, muss er mehr bezahlen als der Fahrer, der die Autobahn zwischen 9 und 15 Uhr nutzt. Damit soll das Verkehrsaufkommen zu den Stoßzeiten reduziert - und die Zahl der Staus verringert werden. Als weitere Maßnahme sieht Tiefensees Plan vor, Straßenarbeiten auf Autobahnen zügiger abzuschließen. Auf allen Baustellen müsse 24 Stunden lang gearbeitet werden. Aufträge für Baustellen sollen Tiefensees Plänen zufolge künftig nur noch an Firmen vergeben werden, die diese Bedingung erfüllen.

Was können die Maßnahmen bringen?
Nach Angaben des Bundesverkehrsministeriums herrscht auf 2500 der insgesamt 12 200 Kilometer Autobahn in Deutschland akute Staugefahr. Im Stop-and-go-Verkehr verpuffen auf diesen Strecken täglich unzählige Liter Kraftstoff, die die Autofahrer finanziell belasten und extrem klimaschädlich sind. Außerdem gelten diese Abschnitte als besonders unfallträchtig. Tiefensee erwartet, dass durch die Umsetzung seiner Pläne der Verkehrsfluss verbessert und dadurch Fahrer und Umwelt geschont würden. Eine Studie der Universiät Bochum aus dem Jahr 2007 legt diese Schlussfolgerung nahe. Die Experten schreiben darin, ein Überholverbot könne zu einer Verbesserung des Verkehrs beitragen und die Sicherheit erhöhen. Auch ein Praxisbeispiel aus Nordrhein-Westfalen belegt das: Seitdem dort auf 32 Prozent der Straßen ein Überholverbot für Lkw gilt, werden deutlich weniger Unfälle registriert, heißt es aus dem NRW-Verkehrsministerium.

Welche Reaktionen gibt es?
Angesichts der aktuellen Rekordpreise für Benzin und Diesel klingen die Worte des Ministers für Autofahrer äußerst verlockend. Doch Tiefensee erntet nicht nur Lob für seine Vorschläge. Die Hauptbetroffenen, die Spediteure, halten die Pläne sogar für sinnlos. Ihrer Meinung nach würden die Maßnahmen zu keiner Entlastung führen und im Gegenzug die beförderten Waren verteuern. "Durch die Umsetzung der Pläne würden noch mehr Staus produziert", meint Heiner Rogge, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Speditions- und Logistikverbands (DSLV). Sollten Laster nur noch auf einer Fahrspur fahren dürfen, würde der langsamste Lkw das Tempo aller nachfolgenden bestimmen. "Das führt zusätzlich zu höheren Transportkosten", kritisiert er.
Die Forderung nach einer Staffelung der Maut lehnt der DSLV ebenfalls ab. "Ein Spediteur fährt dann, wenn der Kunde seine Ware verlangt, und nicht dann, wenn es günstig ist", sagt Rogge. Stattdessen fordert der Verband, die Mauteinnahmen in den Ausbau der Straßen und für bessere Verkehrsleitsysteme einzusetzen. Bisher werden laut Verkehrsministerium nur 1300 Kilometer der gesamten Autobahnen Deutschlands durch solche modernen, elektronischen Anlagen geregelt.
Für die Grünen und den Verkehrsclub Deutschland gehen die Pläne des Ministers dagegen nicht weit genug. Zum Spritsparen und zur Stauvermeidung sei ein generelles Tempolimit der einfachste Weg. Damit könnte zudem die Zahl der Verkehrstoten begrenzt werden, sagte Grünen-Fraktionschef Fritz Kuhn. Der Autoclub Europa stellt sich dagegen hinter Tiefensees Pläne. Nur so könne das Verkehrswachstum auf der Straße abgefangen werden.

Wie schnell können Tiefensees Pläne umgesetzt werden?
Tiefensee zufolge soll ein Teil seines eiligen "Pakets zur Staubekämpfung" noch in diesem Sommer umgesetzt werden. Allerdings ist die Ausgestaltung des von ihm vorgeschlagenen Verbots ebenso Ländersache wie die Vergabe von Straßenarbeiten auf Autobahnen. Immerhin sandte NRW-Verkehrsminister Oliver Wittke (CDU) am Montag bereits ein positives Signal in Tiefensees Richtung. Inhaltlich sei er "vollkommen d'accord" mit den Vorschlägen des Bundesministers. Die Länderminister hätten bereits entsprechende Beschlüsse gefasst. Auch bei der Mautdifferenzierung nach Tageszeiten signalisierte Wittke Zustimmung. Einen Haken hat die Sache aber: Die gestaffelte Maut kann erst dann eingeführt werden, wenn die Quote der elektronischen Abrechnungsgeräte in den Lkw (On-Board-Units) bei 100 Prozent liegt. Das ist zurzeit aber noch nicht der Fall. Demnach bleibt von allen Maßnahmen, die Tiefensee noch im Juli dem Bundeskabinett vorschlagen will, die Ausweitung von Überholverboten für Lkw als schnell realisierbare Steuerung als einzige übrig.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben