Der Tagesspiegel : Lob der Zurückhaltung

Sandra Dassler

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Warschau ist weit – diese drei Worte haben in Polen die Jahrhunderte überdauert. Auch heute noch bekommen deutsche Kommunalpolitiker an Oder und Neiße die drei Worte von ihren polnischen Amtskollegen zu hören – nicht selten hinter vorgehaltener Hand. Letztes Beispiel dafür war der Ausbruch der Vogelgrippe im Naturpark „Unteres Odertal“ vor wenigen Monaten. Während in Warschau erwogen wurde, die Grenze zu Deutschland zu schließen, hielten die polnischen Behörden in den westlichen Woiwodschaften den Ball flach: Man habe die Regierung überzeugen können, dass eine Grenzschließung nicht notwendig sei.

Nun also geht es um die Pläne, ein polnisches Atomkraftwerk gleich hinter der Grenze zu bauen. Natürlich schreckt diese Nachricht auf und lässt so manche Emotion aufkommen. Umso erfreulicher ist, dass die meisten Brandenburger Politiker einen kühlen Kopf bewahren. Gerade weil die Beziehungen zwischen Warschau und Berlin momentan nicht gerade berauschend sind, ist die Zurückhaltung aus Potsdam wohltuend – und klug. Das Land und vor allem die Grenzregionen haben in den vergangenen Jahren so viele Kontakte ins Nachbarland geknüpft, so viele gemeinsame Projekte auf den Weg gebracht und so viel Vertrauen aufgebaut, dass es mehr als fahrlässig wäre, dies alles wegen unausgegorener Pläne aufs Spiel zu setzen.

Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) hat seine Bedenken gegen den Reaktor klar geäußert. Das war gut so. Noch besser ist, dass sich die Landesregierung nicht von Scharfmachern zu verbalem Säbelrasseln verleiten lässt. Völlig zu Recht mahnte Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) zur Zurückhaltung. Die Regierungen in Warschau kommen und gehen. Die Menschen auf beiden Seiten von Oder und Neiße bleiben. Vielleicht demonstrieren sie ja demnächst gemeinsam gegen die Pläne zum Kraftwerksbau. Oder sorgen gemeinsam dafür, dass die Auflagen so streng sind und so genau eingehalten werden, dass eine größtmögliche Sicherheit gegeben ist.

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