Der Tagesspiegel : Lockt sie heraus!

-

ClausDieter Steyer über Brandenburg als Ausflugsland und Erfahrungen unserer Radpartie-Serie

ANGEMARKT

Von wegen Großstadtmuffel! Werden die Berliner erst einmal an die Hand genommen und an die manchmal nicht auf Anhieb erkennbaren Schönheiten im Umland geführt, öffnen sie ihr Herz und auch ihr Portemonnaie. Dann brauchen Gastwirte, Bootsverleiher, Hoteliers, Pächter von Freibädern und andere vom Tourismus lebende Unternehmer nicht mehr zu jammern. Das hört sich zwar wie eine schon mindestens 80 Jahre alte Binsenweisheit an. Aber gerade in der Umgebung Berlins wurde die Werbung um die Gäste aus der Nachbarschaft lange Zeit vernachlässigt. Man vertraute einfach auf die vermeintliche Bekanntheit der Ausflugsziele, ohne die Konkurrenz in der Großstadt selbst und in weiter entfernt liegenden Regionen zu berücksichtigen.

Die Folgen sind bekannt. Viele Tourismusbetriebe leiden unter einer dramatischen Flaute, die einfach auf die „große wirtschaftliche Rezession“ geschoben wird. Dass es auch anders geht, zeigte nicht zuletzt die am vergangenen Wochenende abgeschlossene Tagesspiegel-Serie mit sechs Vorschlägen für eine Radpartie ins Grüne. Die Resonanz überraschte selbst kühnste Optimisten. Noch am Erscheinungstag der jeweiligen Geschichten und Routenpläne in der Zeitung machten sich Radfahrer mit der praktischen Karte in der Hand auf eine Entdeckungstour ins Brandenburgische.

Viele an den einzelnen Strecken gelegene Gasthäuser, Biergärten, Museen, Kirchen oder Strandbäder erlebten einen Ansturm von Gästen. Die Freude verteilte sich auf beide Seiten. Den zusätzlichen Einnahmen stand die vom Tagesspiegel beabsichtigte Entdeckerlust der Ausflügler gegenüber.

Wer die Radtouristen nach ihren Erfahrungen befragte, erhielt oft ähnliche Antworten: So reizvoll hatten sie sich die Umgebung gar nicht vorgestellt. Das galt größtenteils auch für die Gaumenfreuden in den Restaurants, die Wege, die Seen, die Wälder oder die reizvollen Zentren der Kleinstädte wie Werder, Bernau, Erkner und Strausberg.

Viele Familien erzählten zwar auch früher von ihren regelmäßigen Radtouren, aber die beschränkten sich oft auf die Zeit kurz nach der Wende und auf die damals für gut befundenen Strecken. Nun wagten sie sich erstmals wieder auf unbekanntes Terrain vor und bereuten es nicht. Selbst die vorgeschlagene Anreise mit der S-Bahn oder der Regionalbahn, vor der Rad-Neulinge oft zurückschreckten, erhielt gute Noten. Gerade dies sollte der Tourismus-Branche im Umland Mut machen. Bei maßgeschneiderten Angeboten lassen sich die Gäste erfahrungsgemäß nicht zweimal bitten und gern aus Berlin herauslocken. Dann strömen sie zu den Seen, den Kultursommern in alten Klöstern und Kirchen oder auf die Ausflugsschiffe.

Ganz ohne materielle und ideelle Unterstützung werden die oft nur aus einer Hand voll Mitarbeitern bestehenden Klein-Betriebe allerdings nicht auskommen können. Geld aus der Mittelstandsförderung des Wirtschaftsministeriums wäre hier gut angelegt. Kämen dann noch einige Kurse für Marketing und Gastfreundlichkeit dazu, dürfte sich der Erfolg bald einstellen. Fehlt nur noch die Sicherheit. Ein paar Saufköpfe und Randalierer, die – wie zuletzt am Himmelfahrtstag – ohne Grund einfach losprügeln, beschädigen das Image des Umlandes weit stärker als schlechte Werbung und mufflige Kellner.

0 Kommentare

Neuester Kommentar