Lokführer-Streik : Bahn fährt bis Samstag mit Notfahrplan.

Mit der Ausweitung des Streiks bei der Deutschen Bahn auf Züge im Personenverkehr droht in weiten Teilen Deutschlands Stillstand auf der Schiene. Millionen Pendler und Reisende müssen mit massiven Behinderungen rechnen.

Der Streik begann am Mittwoch mit bundesweiten Blockaden im Güterverkehr. Am Donnerstag von 2 Uhr an wollte die Lokführergewerkschaft GDL zusätzlich den gesamten Personenverkehr in den Streik einbeziehen. Bei den Autovermietungen stieg bereits die Nachfrage nach Fahrzeugen.

Die Bahn kündigte an, die Folgen des massivsten Streiks in ihrer Unternehmensgeschichte mildern zu wollen. Eingesetzt werden sollen mehr als 1000 zusätzliche Servicekräfte und fast 500 Ersatzbusse. Die Bundesregierung wies die Gewerkschaft auf ihre "hohe Verantwortung" hin und stärkte Bahnchef Hartmut Mehdorn in dem Tarifstreit demonstrativ den Rücken. Wirtschaftsverbände warnten vor Schäden über die Bahn hinaus. Die meisten Unternehmen hatten sich allerdings auf die bereits angekündigten Streiks vorbereitet, Lager aufgefüllt oder eine Notversorgung auf anderen Wegen sichergestellt. Im Brüsseler Werk des Autoherstellers Audi wurde die Frühschicht an diesem Donnerstag abgesagt, weil Züge mit Teilen große Verspätung hatten.

Vollständige Blockade

Die auf 62 Stunden bis Samstagfrüh um 2 Uhr angelegte Streikwelle hatte am Mittwochmittag im Güterverkehr begonnen. Sie führte laut Bahn bereits nach wenigen Stunden vor allem im Osten zu "erheblichen Einschränkungen". Bis 18:00 Uhr hätten sich 350 Lokführer an dem Ausstand beteiligt. Die Bahn rechnete damit, dass es über Nacht in Ostdeutschland wie in der Vorwoche zu einer fast vollständigen Blockade kommen würde. Im Güterverkehr hatte die GDL schon vergangene Woche 42 Stunden lang gestreikt. Um Staus auf den Schienen zu vermeiden, verhängte die Bahn einen Annahmestopp für Transporte in die neuen Länder. Produktionsausfälle bei Kunden wurden nicht ausgeschlossen. Die wichtigsten Züge sollten aber rollen.

Der GDL-Landeschef von Nordrhein-Westfalen, Frank Schmidt, rechnete mit deutlich stärkeren folgen des Streiks im Güterverkehr als vorige Woche. Deutliche Auswirkungen erwartet die GDL aber erst nach der ersten Nacht. In den Grenzregionen zu Frankreich ist ein Ausweichen auf das Nachbarland auch nicht möglich, da die Bahner dort ebenfalls im Ausstand sind. Ihr Streik richtet sich gegen die Reformpolitik von Nicolas Sarkozy.

Bei Personenzügen rechnete die Deutsche Bahn mit unterschiedlichen Störungen je nach Region. Bundesweit sollen nach dem Notfahrplan bis zu 50 Prozent der Nahverkehrszüge rollen, wie Vorstandsmitglied Karl-Friedrich Rausch sagte. Dabei werde die Lage für Fahrgäste im Westen generell besser sein als im Osten. In Bayern soll zum Beispiel die Hälfte des Nahverkehrsangebots aufrechterhalten werden, in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern dagegen nur zehn Prozent der Leistungen. Im Fernverkehr sollen zwei Drittel der Züge trotz Streiks fahren, vor allem ICE. Etliche Intercity-Züge fallen dagegen aus.

Keine Annäherung

In der Sache gab es zwischen den beiden Tarifparteien keine Annäherung. Der Bahn-Vorstand forderte die GDL abermals auf, an den Verhandlungstisch zu kommen und über vorliegende Angebote zu reden. Die GDL will einen eigenständigen Tarifvertrag für das Fahrpersonal und bis zu 31 Prozent mehr Geld. Die Bahn lehnt das ab. Die größeren Gewerkschaften Transnet und GDBA forderten die GDL erneut zur Kooperation auf. Die GDL vertritt nach eigenen Angaben rund drei Viertel der insgesamt 20 000 Lokführer.

Die Bundesregierung wies darauf hin, dass der Ausstand weit gefährlichere Folgen haben könne als sich derzeit abzeichne. Der stellvertretende Regierungssprecher Thomas Steg appellierte an Bahn und GDL, "die Eskalation nicht weiter zu treiben, sondern Vernunft walten zu lassen, an den Verhandlungstisch zurückzukehren und in dieser Situation nach einer Lösung in Verhandlungen zu suchen". Die Regierung stärkte Bahnchef Mehdorn nochmals den Rücken. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) habe vergangene Woche deutlich gemacht, dass Mehdorn das Vertrauen der Regierung genieße. "Daran hat sich nichts geändert, und daran wird sich nichts ändern", sagte Steg. Es wird erwartet, dass der Tarifstreit auch in einer Sondersitzung des Bahn-Aufsichtsrats an diesem Donnerstag zur Sprache kommt. Die Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung forderte im Interview der Deutschen Welle, dass sich die Bundesregierung in den Tarifkonflikt einmischen müsse.

Die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft forderten die GDL zu Verhandlungen auf. "Ein Streik einer kleinen Berufsgruppe von dieser Dauer ist verantwortungslos", kritisierte der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt warnte vor einer "Gefahr für Wachstum und Beschäftigung". Ausfälle auf der Schiene könnten nur begrenzt mit Lkw-Transporten ausgeglichen werden, hieß es beim Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung. (mit dpa)