Der Tagesspiegel : Lothar Bisky im Gespräch: "Ich suche den Weg zurück zu mir"

Ein kluger Kopf schrieb über Sie[der gr&ouml]

Lothar Bisky, einst Rektor der Filmhochschule Babelsberg, hatte lange mit sich gerungen, ehe er 1989 in die Politik ging. Am 4. November sprach er bei der großen Demonstration auf dem Alexanderplatz, später wurde er Vorsitzender der PDS. Heute hält er seine damalige Entscheidung für falsch. Die Politik, sagt er, hat ihn stark verändert, zu stark. Er sei sarkastisch geworden, bitter - und krank. Im Interview mit dem Tagesspiegel spricht Bisky erstmals offen über seine Gemütslage.

Ein kluger Kopf schrieb über Sie, der größte Irrtum Ihres Lebens sei es gewesen, dass Sie 1989 in die Politik gegangen seien. Ist es so?

Da ist etwas dran. Ich habe viel darüber nachgedacht. In ihrer Absolutheit stimmt die These jedoch nicht: Ich hatte damals keine andere Wahl.

Aber Sie hätten doch Rektor der Babelsberger Filmhochschule bleiben können?

Ich wäre es gern geblieben. Aber dann wäre die Hochschule geschlossen worden. Ein Rektor mit PDS-Parteibuch durfte damals nicht sein, übrigens gibt es bis heute in Ostdeutschland keinen. Aber ich bin eben nicht mit wehenden Fahnen in die Politik gegangen, ich habe unheimlich gelitten, es sollte ja auch nur für eine bestimmte Zeit sein. Aber es war eine bewußte Entscheidung, denn ich wollte verändern.

Würden Sie diese Entscheidung heute noch einmal treffen?

Die ehrliche Antwort: Nein.

Ihre eigentliche Liebe gehört dem Film: Gibt es einen Streifen, den Sie gern machen würden?

Ja, den "Simplizissimus". Es gibt ein Drehbuch von Franz Fühmann, das bereits Heiner Carow verfilmen wollte, ein guter Freund, der leider starb, ohne nach der Wende noch einen Film drehen zu können. Es könnte ein toller Film zum Thema Krieg-Frieden werden.

Das ZDF hatte Ihnen das Angebot gemacht, anlässlich des 10. Jahrestages der deutschen Einheit einen kleinen Film zu drehen, dies aber aus Angst vor einem negativen Echo wieder zurückgezogen. Hat Sie das getroffen?

Ja, es hat mich getroffen. Ich hatte mich richtig darauf gefreut, weil ich ein Portrait über Hans-Otto Bräutigam drehen wollte, der viel für die Einheit getan hat. Das zeigt, dass wir trotz der schönen Reden zum Tag der Einheit von Normalität noch entfernt sind.

Es heißt, Sie seien ein "Gefühlssozialist". Was ist das eigentlich?

Jemand, der den Sozialismus nicht nur als theoretischen Ansatz nimmt, der nicht aus drei wahren Sätzen fünf logische Schlussfolgerungen ableitet, sondern der mit Emotionen, mit Herzblut soziale Gerechtigkeit will. Ich würde mich auch so charakterisieren.

Ihnen fehlen Politiker-Eigenschaften wie Sendungsbewusstsein, Selbstüberzeugtheit, Skrupellosigkeit. Wie konnten Sie trotzdem so lange im politischen Haifischbecken durchhalten?

Mich hat die Wut angetrieben, über Ungerechtigkeiten der deutschen Vereinigung, aber auch über die große Heuchelei im Osten nach der Wende. Aber das nimmt ab, mit dieser Motivation kann man nicht ewig Politik machen.

Sind Sie besonders verletzlich?

Ich bin wahrscheinlich verletzlicher, als alle annehmen, vor allem in meiner eigenen Partei. Die denken nämlich immer, der ist cool, ein Elefant. Angriffe politischer Gegner kann ich aushalten, ich bin ja auch ein Stellvertreter für den Osten. Aber ich kann schmerzliche Hiebe aus den eigenen Reihen nicht einfach wegstecken, auch wenn man das glaubt. Aber die Legende Bisky soll leben.

Die Wunden sitzen tief?

Es reicht, auf weitere kann ich verzichten. Nehmen wir diese Schnoddrigkeit, mit der manche feststellen, dass ich die PDS nach Godesberg führen will. Es wird gegen jede Vernunft behauptet, ich sei ein Revisionist, eine Art Verräter. Das tut doppelt weh. Nicht nur, weil es dumm ist, sondern weil auch in der PDS Feindbilder offenbar gebraucht werden. Damit habe ich meine Probleme.

Wie sollte denn die PDS sein?

Ich wollte, dass die PDS als demokratische, sozialistische Partei - sie hatte die einmalige Chance, wieder von vorn zu beginnen - selbst eine solidarische und demokratische Gesellschaft vorlebt. Stattdessen haben wir, kaum sind wir aus der Schmuddelecke raus, nichts Wichtigeres zu tun, als aufeinander einzudreschen.

Fassen Sie das auch als persönliche Niederlage auf?

Ja, das ist meine schwerste Enttäuschung, sogar mehr: Eine strategische Niederlage. Das quält mich, weil ich kein Mittel gegen Rechthaberei und Arroganz gefunden habe.

Warum haben Sie nicht schärfer Front dagegen gemacht?

Als ich einmal in Ruhe nachdenken konnte, habe ich einen Aufsatz über denunziatorische Kommunikation der Linken geschrieben, die auch ein Urgrund des Stalinismus war. Ich habe ihn nicht veröffentlicht, weil ich die Partei nicht belasten wollte. Bis heute neigen die Linken dazu, erst die Partner niederzumachen ohne deren Argumente anzuhören. Ich habe mich immer dagegen gewehrt.

Was ist der Grund für das Denunziantentum?

Vielleicht ist es leichter, als dem Gegner ernsthaft ins Gesicht zu schauen. Auch das alte Sendungsbewusstsein der Linken, das zu Verzerrungen geführt hat, mag nachwirken. Der Glaube, Hüter der Wahrheit zu sein, dieses Messianische, nahezu Religiöse, das in der Bewegung immer war. Das ist gefährlich, wenn man daran glaubt. Ich halte es übrigens für genauso gefährlich, wie Menschenrechte mit Kriegen durchsetzen zu wollen.

Haben Sie als Harmoniemensch nicht doch zu viel Rücksicht genommen?

Es gab Vernunftgründe. Sicher, ich bin kein Polarisierer, aber harmoniesüchtig bin ich seit langem nicht mehr.

Sie haben sich selbst einmal als "finale Mülltonne der PDS" bezeichnet, weil alle Probleme bei Ihnen abgeladen wurden. Fühlen Sie sich jetzt befreit?

Ja, die Tonne ist voll. Da passt nichts mehr rein: Lothar Bisky ist nicht mehr die letzte Instanz der PDS.

Aus Ihrem Umfeld ist zu hören, dass Sie inzwischen von Selbstzweifeln geplagt seien, ob die Aufgabe des Bundesvorsitzes richtig war.

Ich habe mit meinem Entschluss keine Probleme. Aber ich mache mir Gedanken über die weitere Entwicklung der PDS, immerhin ein Teil meines Lebens. Und manche Dinge, die ich beobachte, die mir zu Ohren kommen, die ich analysiere, machen mich im Moment nicht zum heitersten Menschen.

Was macht Sie besorgt?

Zum Beispiel, wie die Partei mit Münster umgeht. Dass da von Siegern und Unterlegenen geredet wird, allein schon diese typisch deutschen Wendungen. Mich machen auch Töne besorgt, dass sich einige mit Blick auf den Cottbuser Parteitag zu einem zweiten Münster ermutigt fühlen. Ich möchte keine Spaltung der Partei. Aber ich glaube, dass ein zweites Münster das Ende der PDS wäre.

Sie haben die PDS zusammengehalten, sich selbst als "Integrations-Opa" gesehen. Befürchten Sie, dass Flügelkämpfe, innere Streitigkeiten und Personalquerelen erst richtig ausbrechen?

Ja, ich sehe diese Gefahr. Manche sehen Integration als verächtlich an, wollen unentwegt polemisieren und polarisieren. Man kann auch so lange polarisieren, bis keine Mannschaft mehr da ist. Und ich ahne ungefähr, was die Mitgliedschaft aushält und was nicht. Sie hat bisher sehr viel aushalten müssen, die Schmerzgrenze ist erreicht.

Stünden Sie wieder als Parteichef zur Verfügung, wenn die PDS in Existenznot kommen und Sie rufen sollte?

Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Regierungschefs, Minister und Parteivorsitzende sollten nach meiner Überzeugung nicht länger als acht Jahre ihr Amt ausüben. Im übrigen habe ich meine drei großen Ziele erreicht.

Die da wären?

Die PDS ist auf allen parlamentarischen Ebenen vertreten, bis hin zum Europaparlament. Sie wird in der bundesdeutschen Gesellschaft akzeptiert. Und sie hat ein demokratisches, sozialistisches Profil bekommen. Natürlich ist alles zu relativieren, muss dies stets aufs Neue bewiesen werden.

Wir bemerken in jüngster Zeit Veränderungen an Ihnen: Mal sind Sie auffallend sarkastisch, mal auffallend euphorisch, manche Äußerungen klingen resigniert, traurig. Wenn es nicht der Abschied ist, was quält Sie dann?

Ich suche den Weg zurück zu mir, zu meiner Identität. Möglicherweise ist das schwieriger als gedacht. Ich habe in den zehn Jahren viel wegstecken und mir auch Mühe geben müssen, mich nicht vollkommen instrumentalisieren zu lassen. Auch wenn ich mich nicht verändern wollte, stelle ich doch manchmal fest: Du bist nicht mehr Bisky, Du bist nur ein Instrument. Es mag sein, dass ich bisweilen sarkastisch und bitter bin. Die zehn Jahre haben Spuren hinterlassen.

Hat der Politiker Lothar Bisky über den Kulturwissenschaftler Lothar Bisky die Oberhand gewonnen?

Nein, zum Glück nicht. Solange ich diese Gefahr erkenne, kann ich dagegenhalten. Ich kann noch selbst Auto fahren, mit normalen Leuten reden. Aber ich habe die Angst, dass es anders werden könnte. Man macht sich auch Gedanken: Hast Du Dich gewehrt? Hast Du etwas falsch gemacht? Es ist eine seltsame Gemütslage.

Ihre Reden im Brandenburger Landtag haben nicht mehr das Feuer wie vor einigen Jahren. Hat die Politik Sie müde gemacht?

Natürlich ist Lothar Bisky manchmal müde, wenn er wenig schläft. Und natürlich ist da auch eine gewisse Verunsicherung. Natürlich ist man teilweise überfordert, durch den Stress, das Pensum, die Termin-Hektik. Ich habe mich zeitweise übernommen. Jetzt bin ich soweit und gebe massenhaft Absagen: Damit verärgere ich viele. Aber ich habe begriffen, ich muss das machen.

Zum Schutz Ihrer Gesundheit?

Ja. Das Herz ist zwar in Ordnung, was selbst die Ärzte nicht glauben wollten, nach 14 Jahren Aggression gegen den eigenen Körper mit täglich ein bis zwei Schachteln Karo. Aber ich habe andere Beschwerden, die reparabel sind. Eine stressbedingte Gastritis, einen nervösen Magen. Das schlaucht.

Sie wirken manchmal, als ob Sie neben sich selbst stehen? Nehmen Sie Medikamente?

Ich musste starke Medikamente nehmen, weil ich nach einem kleinen Unfall Schmerzen hatte. Das hat mich zurückgeworfen. Jetzt bin ich in dem Zustand, wo ich gar nichts mehr nehme. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es alles nur schlimmer macht. Es gab Zeiten, wo ich mal einen getrunken habe, zwar immer im Rahmen, aber wenn es zusammenkommt, sind die Wirkungen böse. Ich habe mit dem Rauchen aufgehört, trinke keinen Alkohol mehr.

Zerreibt die Politik die Politiker?

Ja, aber die Frage ist, ob man rechtzeitig herauskommt, ob man sich selbst findet. Das werfe ich nicht der Politik vor, das muss ich mit mir selbst ausmachen. Wenn man etwas nicht aushält, muss man die Schlussfolgerungen ziehen. Ich denke, ich bin bis an den Rand des Erträglichen gegangen. Jetzt ist der Punkt erreicht, wo Politik, würde ich sie wie bisher betreiben, mich körperlich krank machen würde. Ich hoffe, es gerade noch rechtzeitig entdeckt zu haben. Politik - ja, aber in der richtigen Dosis.

Sie bleiben Fraktionschef in Brandenburg, wann wollen Sie Ihre Karriere beenden?

Ich habe ein Mandat als Abgeordneter bis 2004. Dann bin ich frei in meiner Entscheidung. Ich werde mich noch nicht festlegen. Auf jeden Fall beginnt 2004 der deutliche Rückzug. Ich war nie süchtig nach Politik und bin es jetzt erst recht nicht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben