Männer und Frauen : Quod Eros demonstrandum

Seine Kunden zahlen viel Geld, damit er ihren Verdacht bestätigt: Mein Partner betrügt mich. Wie ein Detektiv auf den entscheidenden Beweis lauert.

Ulrike Thiele
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Auf der Lauer: Detektiv Jörg Behm.Foto: Mike Wolff

Es ist kurz vor Mitternacht, als Jörg Behm plötzlich angespannt wirkt. Er schaut von seiner Zeitschrift auf, blickt durch die Lobby und fixiert eine blonde Frau, die gerade das Leipziger Hotel betreten hat. Der Klang ihrer Schuhabsätze hallt ihr hinterher, klick klack, klick klack. Während sie die Treppen hinauf in die erste Etage nimmt, legt Behm sein Magazin aus den Händen und erhebt sich aus dem braunen Ledersessel, in dem er zwei Stunden lang gewartet hat. Scheinbar in großer Ruhe, so als wäre er ein Hotelgast auf dem Weg in sein Zimmer, folgt er der Frau durch die mit schweren Teppichen ausgelegten Gänge. Als sie stehen bleibt und an einer Tür klopft, läuft er einfach an ihr vorbei.

Denn die Frau will in Zimmer Nummer 145 – und mehr braucht Behm gar nicht zu wissen. Was auch immer jetzt hinter dieser Tür geschieht, es sollte nicht geschehen, jedenfalls nicht, wenn es nach Behms Auftraggeberin geht. Die ist die Ehefrau des Mannes, der vor ein paar Stunden Nummer 145 bezogen hat und nun Besuch von der hochhackigen Schönen bekommt. Behm, den Privatdetektiv, hat die Ehefrau gebucht, weil sie schon ahnte, dass ihr Mann eine Affäre hat.

Zwar leiden Frauen einer Studie des Berliner Psychologen Jens Asendorpf zufolge stärker unter Eifersucht, weil sie schon allein die emotionale, nichtsexuelle Untreue des Partners hart trifft. Aber eine andere Untersuchung von Ende 2008 zeigt, dass die Geschlechter so unterschiedlich dann doch wieder nicht sind: Nur 43 Prozent der Männer und 37 Prozent der Frauen würden demnach einen Seitensprung verzeihen. Kein Wunder, dass viele bei einem Verdacht unbedingt wissen wollen, ob der Partner fremdgegangen ist – manche gehen dann sogar so weit und engagieren einen Privatermittler wie Jörg Behm.

„Die kommen zu mir und wollen unbedingt einen Beweis. Die lassen erst locker, wenn sie ihn haben“, erzählt der 52-Jährige. Er sitzt in seinem Büro, im Keller eines gelb gestrichenen Einfamilienhaus in Pankow. Seinen Kunden sei es am Anfang meist noch sichtlich unangenehm, einen Detektiv damit zu beauftragen, den Partner zu beschatten, sagt er. Sie klingeln an seiner Haustür, sehen mit Unbehagen um sich und hoffen, dass bald jemand öffnet. Behm führt sie dann in sein Kellerbüro, bietet ihnen einen gemütlichen Sessel an, stellt eine Tasse Kaffee vor sie auf den Couchtisch und lässt sie erzählen. In dieser Wohnzimmeratmosphäre schöpfen die meisten Kunden Vertrauen zu dem großen, sportlichen Mann mit der Halbglatze und der sonnengebräunten Haut.

„Ich komme mir dann manchmal vor wie ein Ehetherapeut“, sagt Behm mit spöttischem Unterton. Gelernt hat er in den 19 Jahren, in denen er seine „Agentur für Beweissicherung“ betreibt, vor allem eins: Dass die Beziehung eines Kunden in dem Moment, in dem sie oder er (es sind etwa so viele Männer wie Frauen) zu ihm kommt, meist schon unwiederbringlich kaputt ist – egal, was sich bei den Recherchen herausstellt. „Wenn das Vertrauen weg ist, ist es doch zu spät“, sagt er. Schließlich hintergeht man seinen Partner nicht nur mit einem Seitensprung, sondern auch, wenn man einen Schnüffler auf ihn ansetzt.

Behm hat aber keine moralischen Bedenken, was seinen Job angeht. Ebenso wenig wie er glaubt, etwas besonders Gutes zu tun. „Warum jemand fremdgeht, geht mich nichts an“, sagt er. Und: „Loyal bin ich nur meinen Kunden gegenüber. Die wollen Klarheit und ich bin froh, wenn ich sie ihnen geben kann.“

Privatdetektiv sei er wegen des „Jagdfiebers“ geworden. Und das merkt man ihm auch an. Es zeigt sich in seiner schnellen, etwas hastigen Art zu sprechen, daran, dass er immer wirkt, als hätte er keine Zeit. Behm studierte Kriminalistik, war in der DDR bei der Kripo – „reine Schreibtischarbeit“, wie er betont – und machte sich dann nach der Wende selbstständig. „Detektiv zu sein war ein Kindheitstraum von mir.“

Behms Handy klingelt, er muss zu einem Auftrag. „Nichts mit Eifersucht, es geht um eine wirtschaftliche Sache“, erklärt er, während er Telefon, Kamera und ein paar Unterlagen zusammenpackt und in sein Auto steigt. Detektivarbeit besteht vor allem aus Herumfahren und Warten. Ab und zu wird ein Foto gemacht oder ein Video gedreht.

Fälle, bei denen es um eine Affäre geht, machen natürlich nur einen geringen Teil der Arbeit aus, die meisten Aufträge kommen aus der Wirtschaft. Aber die privaten Geschichten sind es, an die sich Detektive noch lange erinnern – selbst der betont professionelle Behm.

Da ist zum Beispiel der Fall von Astrid Celik. Er beschäftigte Jörg Behm über zehn Jahre.

Die 69-jährige Celik wohnt heute in einer Einzimmerwohnung in Schöneberg, in der sich die Ordnung widerspiegelt, die sie sich für ihr Leben wohl immer gewünscht hat. Die Einrichtung hat sie sich vor ein paar Jahren neu gekauft, nachdem die Scheidung von ihrem Mann endlich durch war. An den Wänden hängen ein gesticktes Bild und ein Spiegel mit Goldrahmen. Eine weiße Decke auf dem Tisch und ein paar Topfpflanzen sind sorgfältig an ihren Platz gerückt. Astrid Celik, die ihren richtigen Namen lieber nicht nennt, war elf Jahre lang glücklich mit ihrem Mann verheiratet, sagt sie. „Er war immer der liebste Mensch der Welt.“

Getroffen hatte sie den neun Jahre jüngeren Metin Celik im Bus, er lud sie zum Essen ein, sie verliebten sich und heirateten schließlich. Für Astrid Celik war es die zweite Ehe. Anders als ihr erster Mann sei Metin ein aufmerksamer und liebevoller Mensch gewesen. Er holte sie stets von der Arbeit ab, sorgte für sie, sie verstanden sich gut. „Diese elf Jahre waren die schönsten meines Lebens“, sagt Astrid Celik, die mit ihren rotbraunen, halblangen Haaren und ihrem runden Gesicht, in dem kaum Falten zu finden sind, jung wirkt. Ihre braunen Augen hat sie mit blauem Lidschatten und einem Kajalstift betont.

Celik holt ihr Hochzeitsfoto hervor. Ein schönes Paar ist darauf zu sehen, sie trägt ein farbiges Kleid, er einen schwarzen Anzug. Beide halten sich an den Händen, die Gesichter einander zugewandt. Harmonisch sieht das aus. Beinahe jedes Jahr besuchten sie Metins Familie in seinem Heimatdorf in der Türkei. Dort wollten sie gemeinsam hinziehen, sobald Astrids Tochter aus erster Ehe erwachsen war. Ihr Geld wollten sie dort mit einer Tankstelle verdienen, für die Metin jahrelang gespart hatte. Doch dann kam alles anders.

„Plötzlich veränderte sich mein Mann beinahe von einem Tag auf den anderen“, sagt Astrid Celik. Er wurde jähzornig, fuhr sie immer öfter genervt an, forderte von ihr, sie solle ihn in Ruhe lassen. „Mir war klar, irgendwas stimmt da nicht.“ Er flog nun häufig ohne sie in die Türkei. Wenn sie ihn dort anrief, wimmelte er sie ab oder ging nicht ans Telefon. „Er war nicht mehr der Mann, den ich geheiratet hatte“, sagt sie und auch heute – mehr als zehn Jahre danach – merkt man ihr an, wie sehr diese Verwandlung sie damals mitgenommen haben muss. Das Paar stritt sich immer häufiger und Astrid Celik wollte endlich herausfinden, was los war. Als ihr Mann wieder in die Türkei reiste, beauftragte sie Jörg Behm damit, hinterherzureisen.

Behm nimmt nicht jeden Auftrag an. Manche lehnt er ab oder gibt sie auf, weil er die Kunden nicht ernst nehmen kann: „Es gibt wirklich krankhaft eifersüchtige Menschen, die geben keine Ruhe, auch wenn da nichts ist.“ Bei anderen Fällen sieht er kein „berechtigtes Interesse“ – dieses aber ist Voraussetzung dafür, dass ein Detektiv tätig werden darf. „Ein berechtigtes Interesse ist zum Beispiel, wenn der betrogene Partner Unterhaltsansprüche geltend machen will“, erklärt Hans Sturhan, Geschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Detektive (BDD), in dem auch Behm organisiert ist. Der Verband fordert von seinen Mitgliedern, dass sie zwischen den rechtlichen Ansprüchen der Auftraggeber und den Rechten der Beobachteten abwägen.

Ein „berechtigtes Interesse“ nachzuweisen ist im Einzelfall allerdings schwierig, denn wer weiß schon, ob es am Ende überhaupt zu einer Scheidung oder einem Unterhaltsstreit kommt. Behm sagt, er lege Wert darauf, dass es sich um eine echte Partnerschaft handelt und nicht etwa nur um eine flüchtige Bekanntschaft aus der Diskothek. „Man kann nicht einfach mal jemanden beobachten, bloß weil der Partner das will“, erklärt er. Seine Kunden müssten ihm außerdem glaubhaft machen, dass es Anzeichen für die Untreue gibt.

In Astrid Celiks Fall waren alle Kriterien erfüllt. Also machte sich Behm damals auf in die Türkei, eine türkische Kollegin aus Berlin war als Dolmetscherin mit dabei. Beide quartierten sich im Heimatdorf von Astrid Celiks Mann Metin ein. Dort begegnete man den beiden Fremden aus Deutschland mit großer Gastfreundschaft und Offenheit.

Mehr noch: Metin lud die Reisenden, die ihren Auftrag natürlich verschwiegen, in sein Elternhaus ein und erzählte offen und ohne Scheu von seiner türkischen Frau, die er ein Jahr zuvor in einer Moschee geheiratet hatte. Auch dass er noch eine andere Ehefrau in Deutschland hatte, verschwieg er nicht. Mit ihr sei er aber nicht mehr glücklich, lieber wolle er in der Türkei bleiben und mit seiner türkischen Frau leben.

Die Fotos, die Behm damals gemacht hat, zeigen Metin, seine zweite Ehefrau und die Dolmetscherin lächelnd auf einer Holzveranda. Als der Detektiv mit den Beweisfotos und einem sechsseitigen Bericht zurück nach Deutschland kam und ihn Astrid Celik vorlegte, beschloss die, kurzen Prozess zu machen.

„Als er wieder vor meiner Tür stand, schmiss ich ihn raus“, sagt sie. Sie zeigte ihren Ehemann wegen seiner Doppelehe auch in der Türkei an, recht bekam sie jedoch nicht. Die Scheidung zog sich dann über elf Jahre hin, es ging auch um Geld. Behm musste vor Gericht erscheinen und aussagen, was er über Metin in der Türkei herausgefunden hatte.

Astrid Celik war Behm so dankbar, dass sie ihn später noch ab und zu anrief. Für die 10 000 D-Mark, die sie dem Detektiv zahlte, musste sie damals lange sparen. Aber das sei es ihr wert gewesen, sagt sie heute, denn „im Endeffekt fühlte ich mich bestätigt und war froh, dass ich endlich Klarheit hatte“. Und das ist es wohl, was die meisten wollen, die einen Privatdetektiv engagieren, der dem Partner hinterherspioniert: Klarheit.

Während Jörg Behm durch Berlin fährt, fällt ihm an jeder Straßenecke, jeder Ampel eine Anekdote ein. Zum Beispiel die von dem untreuen Mann, der sich so geschickt versteckte, dass Behm ihn fast nicht zu fassen bekam. „Einmal musste ich mich sogar im Auto auf den Boden kauern, weil der alle parkenden Fahrzeuge ablief, um zu schauen, ob ihn jemand beobachtet“, erinnert sich der Detektiv lachend. Am Ende konnte Behm aber ein Foto von dem Mann und seiner Geliebten machen.

Und dann erzählt Jörg Behm noch vom Auftrag eines Kollegen, der diesen auf eine zweiwöchige Reise nach Gran Canaria führte – und ausnahmsweise ein Happy End hatte. „Die Frau wollte nach einem Streit einfach Abstand von ihrem Ehemann gewinnen, der aber sehr misstrauisch war“, sagt Behm. Der Einsatz auf der Urlaubsinsel kostete den Mann rund 8000 Euro – der Beweis für die Treue seiner Frau war es ihm wert.

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