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Zwangsversteigerung

Das Tempodrom – Erfolgsgeschichte und Bauskandal

Elf Tage vor der Zwangsversteigerung wird noch fieberhaft über einen Verkauf des Veranstaltungstempels verhandelt. Das Tempodrom boomt. Warum soll es dann trotzdem zur Zwangsversteigerung kommen?
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Elf Tage vor der Zwangsversteigerung wird noch fieberhaft über einen Verkauf des Veranstaltungstempels verhandelt. Foto: Thilo Rückeis
Das Tempodrom – das ist einerseits die Geschichte eines Bauskandals und anderseits eines erfolgreichen Wellness- und Veranstaltungstempels. Im vergangenen Jahr kamen mehr als 300 000 Besucher zu 200 Konzerten, Partys und Firmenfeiern in den Betonbau mit dem zackigen Dach. Das erinnert an die Zeltkuppel des alten Tempodroms im Tiergarten, das im Westen Berlins vor dem Fall der Mauer eine erfolgreiche Spielstätte der Alternativkultur war. Das „neue Tempodrom“ ist ähnlich beliebt, wenn auch bei einem eher gesetzten Publikum. Trotzdem soll der Freizeit- und Veranstaltungsort in elf Tagen versteigert werden.

Selbst wenn es so kommen sollte, geht die Show am Anhalter Bahnhof weiter. Davon ist Jessica Paul, die Sprecherin des Hauses, überzeugt: „Alle Konzerte und Veranstaltungen gehen in diesem Jahr so wie immer über die Bühne“, sagte sie auf Anfrage. Und die Buchungen liefen ähnlich gut wie im vergangenen Jahr. Allerdings habe die Meldung der Zwangsversteigerung so manchen Besucher verunsichert. Viele wüssten nicht, dass ein Verkauf des Hauses bestehende Verträge nicht bricht.

Und was steht in diesem Jahr auf dem Programm? Noch mehr Konzerte, darunter von den Altrockern Status Quo und dem Gitarrenvirtuosen Paco de Lucia. Woody Allen ist gebucht – womit der Filmemacher und Gelegenheitsmusiker auftritt, weiß Paul bisher noch nicht. Roncalli kehrt Ende des Jahres mit dem Weihnachtszirkus zurück, zum siebten Mal. Ebenfalls Dauergast im Winter: „Holiday on Ice“. Weitere Höhepunkte wie Deutschrocker Peter Maffay vor knapp einer Woche werde es auch geben. Doch darüber redet man noch nicht, denn die Verträge sind noch nicht unterzeichnet.

Das Tempodrom boomt also. Warum soll es dann trotzdem zur Zwangsversteigerung kommen? Beim Tempodrom schweigt man sich aus, und auch Insolvenzverwalter Udo Feser mochte sich nicht äußern. In Interessentenkreisen heißt es dazu: weil der erfolgreiche Betrieb niemals die horrenden Kosten für den Bau des Feier- und Wellnesstempels einspielen kann. Gewaltige 33 Millionen Euro flossen in den Bau der zwei Bühnen, des Restaurants, Cafés und der Wasserbecken sowie Saunen im Liquidrom, das auch auf dem 10 000 Quadratmeter großen Grundstück steht. Ursprünglich sollte für die Hälfte der Kosten gebaut werden. Und die Summe ist fast zehn Mal so hoch wie der „Verkehrswert“, den das Amtsgericht angibt: 3,17 Millionen Euro.

Lässt man die Baukosten außer Acht, gibt der Verkehrswert einen Hinweis darauf, wie erfolgreich das Konzert- und Veranstaltungsprogramm ist. Denn ein Käufer verlangt Zinsen für seine Investition. Die Zinsen sind bei dieser Investition die Pachtzahlungen der Betreiber. Mehrere 100 000 Euro dürften das sein, denn mindestens zehn Prozent des Verkehrswertes verlangen Interessenten in der Regel. In Fall des Tempodroms wird der Preis zusätzlich nach unten gedrückt, weil nur das Gebäude ohne Grundstück verkauft wird. Das Bauland stellte Berlin nur per „Erbpacht“ bereit – nach 99 Jahre geht es zurück ans Land.

Diese komplizierte Konstruktion erschwert die Verhandlungen über den Verkauf des Hauses. Ein weiterer Grund ist in Senatskreisen zu hören: „Niemand will mehr das Wort ,Tempodrom‘ in den Mund nehmen, keiner eine Entscheidung fällen.“ Dass die Druckwelle nach der Kostenexplosion einen mächtigen SPD– Politiker und Bausenator wie Peter Strieder aus seinen Ämtern fegte, macht bis heute Eindruck. Dabei war Vorsatz nach Überzeugung der Gerichte nicht im Spiel. Aber der Schaden für das Land bleibt: Für 12,7 Millionen Euro bürgt Berlin bei den Banken. Ein großer Teil dieser Millionen ist wohl verloren.

Wie groß der Schaden am Ende sein wird, zeigt sich am 17. Februar im Amtsgericht Tempelhof-Kreuzberg – wenn das Tempodrom nicht vorher verkauft wird. Auch das ist nicht ausgeschlossen. Darüber wird weiter mit Hochdruck verhandelt. Kommt es zum Abschluss, platzt die Zwangsversteigerung.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 06.02.2010)
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Kommentare [ 4 ] Kommentar hinzufügen »

Comment
von L.Waldmann L.Waldmann ist gerade offline | 6.2.2010 16:15 Uhr
Kein Vorsatz?
"Dabei war Vorsatz nach Überzeugung der Gerichte nicht im Spiel." Das fragt man sich, wie ein Senator unvorsätzlich zweistellige Millionenbeträge zur Zahlung anweisen lassen kann?
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von joz joz ist gerade offline | 6.2.2010 18:06 Uhr
Utopisch!
Mal unterstellt, die tatsächliche Jahresmiete für das Objekt beträgt rd. T-EUR 300, wobei das Tempodrom ja augenscheinlich gut frequentiert ist. Dann liegen die Kosten bei dem 110-fachen der Jahresmiete. Ein unvorstellbare Zahl! Und selbst die damals genannten Plankosten war schon utopisch. Aus Kapitalanlegergesichtpunkten ist der jetzt zu hörende Verkehrswert von EUR 3,1 Mio ein durchaus realistischer Wert (mehr sollte also auch ein Neubau kaum kosten!). Neben den hier haarstreubenden Fehlern aller Beteiligten ist auch festzuhalten, dass ein solch architektonisch anspruchsvoller(?) Bau eben nicht wirtschaftlich zu betreiben ist. Dazu braucht es einen reinen Zweckbau oder der Bauherr heißt z.B. Bill Gates, dem es egal sein kann, was der Bau letztendlich kostet.
Insgesamt ist die ganze Sache ein ungeheurer Skandal, der leider zu keinen richtigen Konsequenzen (in der Politik) geführt hat. Verantwortung ist in Politik und Wirtschaft nach wie vor ein Fremdwort.
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von Crumble Crumble ist gerade offline | 7.2.2010 13:47 Uhr
Der eigentliche Skandal...
ist die Tatsache, dass das alte Tempodrom seinen Zeltplatz in Regierungsnähe aus fadenscheinigen Gründen aufzugeben gezwungen wurde. Was wurde damals nicht alles ins Feld geführt, um den weiteren Betrieb des ebenso erfolgreichen wie attraktiven Veranstaltungsortes zu unterbinden. Nur um dann kurz nach der Schließung ein anderes Zelt (das Tipi am Kanzleramt) an quasi gleichem Ort Quartier beziehen zu lassen, das meines Wissens auch in der nächsten Spielsaison wieder seine Pforten öffnen darf. Mir stellt sich bei solchen Schachereien die immer selbe Frage: qui bono? Wem hat der ganze Spaß genützt, wer hat sich im Laufe der immer teurer werdenden Genehmigungs- und Baumaßnahmen die Taschen vollstopfen können? Doch nicht etwa ein paar verbliebene 'Leistungsträger' aus altem West-Berliner Baufilz-Bestand?
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von lankwitze lankwitze ist gerade offline | 7.2.2010 13:56 Uhr
Der eigentliche Skandal ist,
daß die Veranstaltungslokalität "Tempodrom" am Kanzleramt die jahrelang erfolgreich gewesen ist, von unseren Politikern weggemobt wurde. "Ein unwürdiger Platz" neben deutschlands Hochpolitik. Jetzt steht da wieder ein Zeltbau und veranstaltet "Kleinkunst". Irene Mössinger ist aber um ihre Million erleichter und bezieht jetzt ALGII.
Immer wenn Politiker ihre schmierigen Finger im Spiel haben, wird Geld in großem Maßstab vernichtet. Der Steuerzahler begleicht die Differenz und der Politganove kassiert seine Pension!

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