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Vom Bäcker zum Lehrer

Auch für Ruheständler gibt es Arbeit. Welche Berufe gesucht sind – und wo man Stellenangebote findet
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Deutschland ade. Der Berliner Bäcker und Konditor Martin Portmann backt heute in Bolivien und aller Welt. Foto: Privat
Als Martin Portmann sein Bäckerei- und Konditoreigeschäft am Innsbrucker Platz im Alter von 55 Jahren aufgab, sollte dies nicht das Ende seiner Berufstätigkeit bedeuten. „Für mich war klar, dass ich auch im Ruhestand weiterarbeiten möchte“, sagt der heute 59-Jährige. Er meldete sich beim Senior Experten Service (SES) an, einem Service, der Ruheständlern Jobs im In- und Ausland vermittelt.

Anfangs war er skeptisch, war sich nicht sicher, ob seine Fähigkeiten gebraucht werden. Doch schon bald bekam er die erste Anfrage: 14 Tage sollte er Hotelköchen in Sri Lanka vermitteln, wie man nach dem Geschmack der europäischen Gäste backt. Doch das war nur die erste Reise. Vier weitere Einsätze folgten. In Bolivien backte er Pumpernickel mit Weizenmehl, in Kasachstan erfand er für einen Großproduzenten von Dauerbackwaren einen salzigen Blätterteigkeks, beim Käsekuchen nahm er statt Quark eben haltbaren Frischkäse.

Für viele Senioren sind solche Projekte interessant. Sie suchen nach Arbeit, wollen ihre Kenntnisse und Fähigkeiten weitergeben. Und: Es gibt tatsächlich vielfältige Möglichkeiten dazu – für ehemalige Manager ebenso wie für Handwerker oder Fachkräfte aus dem sozialen Bereich. Doch wie findet man einen Job?

Viele Senioren kommen über ihren einstigen Arbeitgeber an Jobs, übernehmen Urlaubsvertretungen oder beraten das Unternehmen. „Meist handelt es sich um individuelle Absprachen und auf die Person und ihre Qualitäten zugeschnittene Arrangements“, erklärt Jürgen Deller. Er ist Professor am Institut für Wirtschaftspsychologie der Leuphana Universität Lüneburg und forscht zu Menschen, die im Ruhestand noch arbeiten. Der Übergang zwischen ehrenamtlicher und bezahlter Arbeit von Senioren sei fließend. Besonders Selbstständige bleiben seiner Erfahrung nach aktiv. Nur ein geringer Teil arbeite wegen des Geldes weiter.

Auch beim SES wird ehrenamtlich gearbeitet. Ein Projekt dauert in der Regel zwischen drei Wochen und sechs Monaten. Die Firmen zahlen aber die Kosten für Reise, Unterbringung und ein kleines Taschengeld.

Auf der Website des SES können Suchende sich registrieren. Außerdem sind die aktuellen Einsätze ausgeschrieben. Im ersten Halbjahr 2009 gab es knapp 700, davon fast die Hälfte in Asien und im europäischen Ausland, etwa 19 Prozent in Deutschland. „Im Ausland sind besonders handwerkliche und kaufmännische Fähigkeiten gefragt, im Inland eher beratende, organisatorische Erfahrung, zum Beispiel im Management“, weiß Sprecherin Julia Haun.

Eine Altersgrenze gibt es nicht, der älteste SES-Entsandte war 82. Aber meist gilt: Je „frischer“ die Berufserfahrung ist, desto besser. „Gelegentlich gibt es aber auch Anfragen nach Experten, die sich mit einer in Deutschland veralteten Technik auskennen, weil etwa eine Textilfirma in Afrika eine gebrauchte Maschine gekauft hat, die den Mitarbeitern erklärt werden muss“, sagt Julia Haun. Dem Klima in anderen Ländern muss man sich gesundheitlich gewachsen fühlen. Nicht selten schließen sich an die Auslandsreisen Folgeeinsätze an, um die Entwicklungen des Unternehmens nachhaltig zu begleiten. Gutes Englisch ist hilfreich, bei einigen Einsätzen wird den Senior Experten ein Dolmetscher an die Seite gestellt.

Auch als Berater sind Senioren gefragt. Wolfgang Schroth war 27 Jahre lang Vertriebsleiter eines mittelständischen Unternehmens. Die Firma ging pleite, der Diplom-Ingenieur mit 61 in Rente. Heute gibt er sein Wissen über Unternehmensführung, Personalführung und Finanzplanung als Berater des Berliner Beratungsdienstes (bbd) an junge Existenzgründer weiter. Er prüft Businesspläne und berät Unternehmen auch über die Gründungsphase hinaus.

Seine Arbeitswoche teilt er sich selbst ein. Manchmal sind es vier bis acht Beratungsstunden, manchmal zwei Wochen am Stück. „Unsere jahrzehntelange Erfahrung hebt uns von anderen Unternehmensberatern ab“, sagt er. Um bei Gesetzesänderungen oder Steuerrecht auf dem Laufenden zu bleiben, schulen sich die bbd-Berater gegenseitig oder ziehen externe Spezialisten zu Rate. Ruheständler mit betriebswirtschaftlichem Know-how sind immer willkommen.

Ein ähnliches Angebot hat der Senior Coaching Service. Er hilft Existenzgründern, ihr Unternehmen erfolgreich an den Markt zu bringen. Mitmachen kann, wer über praktische Erfahrung in der Führung von Firmen verfügt. Informieren kann man sich beim Institut für Gründung und Innovation der Universität Potsdam. (Internet: www.ceip.de).

Viele kombinieren den Wunsch, die Gesellschaft auch im Alter mitzugestalten, mit der Möglichkeit, etwas Geld zu verdienen, sagt Ursula Lenz von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (Bagso). Sie arbeiten dann meist auf 400 Euro-Basis. Viele Modelle verbinden aber auch Ehrenamt und bezahlte Tätigkeit. Zum Beispiel indem zwei Tage pro Woche bezahlt, aber vier gearbeitet werden, erklärt Lenz. Einsatzbereiche sind oft dort, wo höfliches Auftreten wichtig ist, an der Pforte eines Krankenhauses oder Altenheims oder in einer Telefonzentrale. Ausgeschrieben werden die Jobs oft in regulären Stellenmärkten, zum Beispiel in Tageszeitungen.

„Die Nachfrage nach erfahrenen Mitarbeitern wird steigen“, prognostiziert der Seniorenforscher Deller. Schon heute seien viele Stellen nicht zu besetzen und Fachkräfte gesucht. Zugleich sind viele Rentner gesundheitlich fit und sehr gut ausgebildet. Auf die künftigen Rentnergenerationen werde das noch stärker zutreffen. „Um sie jedoch weiter ins Arbeitsleben einzubinden, bedarf es flexibler Arbeitszeitmodelle, von denen auch jüngere profitieren könnten.“

Den Bäcker Portmann zieht es nun wieder ins Ausland. Zurzeit bewirbt er sich über den SES in Bulgarien. „Es ist eine große Genugtuung, helfen zu können und mit kleinen Ideen Denkanstöße zu geben“, sagt er.

Senior Experten Service: www.ses-bonn.de

Berliner Beratungsdienst e.V.: www.bbdev.de

Netzwerk für Fach- und Führungskräfte im Ruhestand: www.erfahrung-deutschland.de

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 04.10.2009)
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Kommentare [ 2 ] Kommentar hinzufügen »

Comment
von spraykanal spraykanal ist gerade offline | 7.10.2009 9:50 Uhr
Lückenhafte Darstellung
Wer vier Tage arbeitet und zwei dafür berechnet, das ist nach deutschem bekannt sein ein Schwarzarbeiter, der dem Staat das Vermögen schuldig ist. Wer Unternehmensberatungen in Angriff nimmt, die zu keinem Erfolg führen, das ist ein Betrüger und wer dafür Geld noch kassiert, das ist ein Verbrecher.
Leider gibt es in Deutschland zu viel Systemlücken, um den Sachbestand immer eindeutig beschreiben zu können.
Comment
von wahrheitler wahrheitler ist gerade offline | 14.10.2009 0:21 Uhr
Nicht wenns ehrenamtlich ist!
Und was sind die Leute, die nicht arbeiten und trotzdem Geld kriegen? Rentner? oder Schmarotzer? oder schlauere? oder Studenten? oder Ausbeuter (des Staates)?
Da sind mir Ehrenamtler viel lieber

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