Sie hören Techno und tragen Tattoos: Die „Jesus Freaks“ sind Jugendkultur und Religionsgemeinschaft in einem. Es gibt konservative und liberalere Mitglieder – wie in anderen Gemeinschaften auch.
Sonntagnachmittag in Berlin in einer typischen Ecke in Prenzlauer Berg: Zwei Punks sitzen auf der Straße, Kleinfamilien ziehen vorbei und Fahrräder stehen, rollen, liegen, wohin der Blick auch fällt. In der kleinen Open-Doors-Gemeinde in der Zelterstraße ist schon mächtig was los, während die Sonne durch große Fenster in die kleinen spartanisch eingerichteten Räume scheint. Während andere junge Menschen um diese Zeit den Ausgehrausch vom Vorabend ausschlafen und andere Kirchgänger längst mit ihrer Familie am Kaffeetisch sitzen, treffen sich hier die „Jesus Freaks“ zum Gottesdienst. Sie nennen ihn „Godi“. Oder „Jesus-Abhäng-Nachmittag“.
Titus spielt Gitarre und singt von Jesus. Seine Lieder klingen wie Rocksongs
Ein Holzkreuz an der Wand, die Stühle in ordentlichen Reihen, eigentlich sieht alles aus wie in einer typischen Gemeinde. Doch die Jesus Freaks passen den Raum schnell ihren eigenen Vorstellungen an: Stühle und Rednerpult werden zur Seite geräumt. Und auch mit ihrem Erscheinungsbild unterscheiden sich die Anhänger der freichristlichen Bewegung von den Gemeindemitgliedern anderer religiöser Gruppen. Man sieht glatzköpfige Männer mit modisch getrimmten Bärten, großflächigen Tattoos, Piercings. Zwischendurch laufen kleine Kinder umher. Die Stimmung erinnert an eine entspannte Familienfeier.
Während Johannes, 24, und einige andere in der kleinen Küche selbst gemachte Pizza vorbereiten, hängt sich Titus seine Gitarre um und spielt sich warm. Auf dem Korpus der Gitarre steht ein einziges Wort: Jesus. Davon handeln auch die Texte, doch die Melodien erinnern eher an Rock als an die Kirche.
Vielleicht ist es die Sehnsucht nach einer modernen, zeitgenössischen Form von Religion, die die Jungs und Mädchen zu den Jesus Freaks treibt. Woran soll man noch glauben, wenn nichts um einen herum mehr sicher scheint? In Zeiten der Krise und Unsicherheit suchen sie nach Orientierung, nach Halt. „God is a DJ“ lautet der Titel eines großen Hits der sogenannten Nullerjahre. Darin heißt es: „This is my church / this is where I heal my hurts.“ Religion als das, was man selbst draus macht.
Jeder packt selbstverständlich mit an bei den Freaks, es geht schließlich um Gemeinschaft und Jesus. Das meint zumindest Frauke. Seit 2001 ist sie dabei, sitzt inzwischen im geistlichen Vorstand und bringt ihre Tochter zu den Gottesdiensten mit. Dennoch ist die Fluktuation in der Gruppe recht hoch. Das liege vor allem an der unruhigen Stadt Berlin, erklärt die 28-Jährige. Viele ziehen weg, andere zieht es irgendwann in eine „gediegenere“ Gemeinde, jeden Sonntag tauchen neue Gesichter auf.
Der Gottesdienst fängt mit Verspätung an, doch daran stört sich niemand. Titus nimmt die Gitarre wieder in die Hand, die Liedtexte werden zum Mitsingen per Projektor an die Wand geworfen. Die Freaks setzen oder legen sich auf den Boden, einige bleiben stehen. Andere werden später tanzen. Ganz für sich. Wie in Trance. Manche singen laut, andere hören nur zu, den Kopf auf den Knien. Weit weg lauschen sie den Songs, die alle von Jesus handeln – in Rockmanier.
Dann ist Lisa dran, die Gastpredigerin von „Jugend mit einer Mission“. „Ich gehe davon aus, dass ihr eure Bibeln nicht dabei habt“, sagt sie scherzend, „aber keine Angst, ich frage euch nicht ab.“ Die Freaks lachen, die Atmosphäre ist entspannt. Ihre Predigt handelt vom Durchhalten, von Disziplin. Kein Thema, das man hier unbedingt erwarten würde. Lisa spricht davon, wie man immer wieder versucht ist, wegzulaufen. Sie sieht sich um. Viele ihrer heutigen Zuhörer hatten es nicht immer einfach in ihrem Leben.
Das Thema ist ernst, doch die Stimmung ist locker. Lisa spricht auf Englisch. Als die Übersetzerin „stoned“ mit gesteinigt übersetzt, geht ein Kichern durch die Reihen. Doch die Freaks hören zu, das zählt. Nach der Predigt herrscht Stille, Gedenken, Gebet. Dann folgt Organisatorisches: Während die freiwilligen Köche die Pizza aus der Küche tragen, erzählt Hannes (25) von den Fortschritten in der Kindl-Brauerei in Neukölln, wo die Freaks in Zukunft ihren Gottesdienst abhalten wollen. Zurzeit sind die Räume noch eine reine Baustelle, doch das soll sich auch mit Hilfe von Freaks aus anderen Städten bald ändern.
Loveparade mal anders: Die Freaks halten regelmäßige Festivals ab
Die Jesus Freaks gibt es nicht nur in Berlin. Gegründet wurde der deutsche Ableger der internationalen Freaks 1991 von Martin Dreyer in Hamburg. Schnell gab es Gruppen in anderen Städten. Einer Schätzung zufolge gehören deutschlandweit etwa 2000 Mitglieder den Freaks an. Einmal im Jahr treffen sie sich beim Freakstock Festival in der Nähe von Kassel. Sie feiern ihren Glauben. Und das Leben. Die Musik dazu liefern verschiedene DJs. Sie spielen Drum’n’Bass und Techno. Es ist eine Mischung aus Loveparade und Passionsspiel.
„Wir machen hier in Berlin aber unser Ding“, sagt Frauke. Verpflichtet sei man nur dem Sechs-Punkte-Plan der Nationalen Jesus Freaks, der vor allem eines beinhaltet: Den Glauben an Jesus. Doch die Bewegung hat auch negative Schlagzeilen gemacht. Die Freaks würden konservatives Gedankengut in ein modernes Gewand stecken, heißt einer der Vorwürfe. Kritiker machen sich über möglichen Gruppenzwang durch emotionalen Druck und die Ablehnung von Homosexualität und Abtreibung Sorgen.
Es fällt schwer, an Zwang zu denken, während bei Pizza und Bier über die „stoned“-Übersetzung gelacht wird. Es scheint konservative und liberalere Mitglieder zu geben – wie in anderen Gemeinschaften auch. Themen wie Sex vor der Ehe und Homosexualität werden auch intern äußerst kontrovers diskutiert, erklärt Frauke.
Eigentlich sind die Jesus Freaks wie jede andere Gemeinde. Nur lässiger und ein bisschen unkonventioneller. Ihre Taufe habe sie im Stadtbad Neukölln gehabt, erzählt Frauke. Es gehe ihnen vor allem um Menschen am Rande der Gesellschaft. Deshalb verteilen sie Essen am Kottbusser Tor und suchen Kontakt zu Menschen, die es schwierig haben.
Doch nicht alle Jesus Freaks sind abgewrackt oder arm. Nach dem Treffen unterhält sich ein junger Theologiestudent mit einer Software-Entwicklerin, die leicht beschämt von ihrer ersten eigenen Visitenkarte erzählt. „Man muss kein Freak sein, um ein Jesus Freak zu werden. Jeder kann hier mitmachen“, sagt Frauke. Nur an Jesus sollte man schon glauben.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 10.09.2009)
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Dass sie ihr eigenes Süppchen kochen - wie akula sagt - das liegt wohl auch daran, dass in den großen Kirchen ihre Art, den Glauben an Jesus Christus zu leben, nur schwer umzusetzen ist. Klar, es gibt auch in der evangelischen und katholischen Kirche lebendige Gottesdienste und die Möglichkeit, manches selbst und anders als traditionell zu gestalten. Aber das führt ein Nischendasein und daher kann ich - obwohl ich selbst überzeugte Katholikin bin - die Jesus-Freaks gut verstehen.
Vor einigen Jahren gab es mal einen gemeinsamen Gottesdienst der Jesus-Freaks mit einer katholischen Gemeinde. So etwas würde ich mir viel häufiger wünschen.
Wie geistig arm muss ein Mensch sein, wenn er eine Religion, einen "Glauben" benötigt?
Wie geistig arm muss ein Mensch sein, der keine Religion, keinen "Glauben" benötigt, dass er seine Mitmenschen, die anders sind als er, verspottet?
Das es Trancezustände gibt, wusste die Menschheit schon seit Jahrtausenden, dass man dann Dinge "sieht" und "erlebt", wie sie einem vorgekaut wurden auch. Aber lasst euch nicht stören, man ist ja tolerant.
PS: Warum ist Scientology noch nicht als Kirche zugelassen? Viel mehr Quatsch propagieren die auch nicht. Und Ausbeutung kann die "legalisierte" Kirche auch ganz gut.
Es gibt keinen einzigen Tagesspiegel-Artikel zum Thema Christentum, der nicht von höhnischen Kommentaren der ach so toleranten Ungläubigen begleitet wurde.
Außerdem steht man als "Ungläubiger" ja nun auf der untersten Stufe eures Denkens. Wer hier wen "verhöhnt" ist die Frage. Und wer dafür mehr Aufmerksamkeiten erhält. Aber is ja gut, ich lass ihnen das, als Katholiken könnt ich sie ja fragen: "Wieviel Ablass kostet mich denn das?". Außerdem wart ich bis zum Totenbett mit meinem Bekenntnis, weil ja jeder Bekehrte mehr zählt als....bla, bla, ich weiß. Ich wünsch ihnen einfach einen schönen Tag noch.
Atheistische Sozialisten sind von Humanität, Menschenfreundlichkeit und Hilfsbereitschaft ungefähr soweit entfernt wie Alpha centauri von unserem Sonnensystem. Die meisten sind Heisse-Luft-Theoretisierer, welche aber für gewöhnlich keinen Finger krumm machen, wenns um praktische Hilfe geht. Die (im wahrsten Sinne) Sozialarbeit (Armenspeisungen, Kleiderkammern, Alten- und Krankenversorgung etc.) darf dann wieder ruhig die 'doofe' Kirche machen. Und, ganz wichtig : Toleranz ist ihnen ein Gräuel.
MfG Pianosolo
MfG,
Marcel
Kommentar aber auch sehr gut an dieser Stelle.
Die Freaks haben wenigstens was im Hirn und denken nach. Und sie haben Spass am feiern.
Ich find's jedenfalls lustig.
Niemand sollte sich täuschen lassen: Das sind keine liberalen Gruppen, sondern christliche Fundamentalisten in einem pseudo weltoffenen Gewand.
@creaturiv...
nur, wenn jemand eine andere überzeugung hat, als du ist er noch lange nicht intolerant. intolerant ist doch viel mehr der, dessen engstirnigkeit eine differenzierte betrachtungsweise nicht zulässt und dessen welt sich mehr um sich selber dreht als um alles andere.
die jesusfreaks beschäftigen sich mit menschen am rande der gesellschaft. junkies, bettler, abschaum der gesellschaft in den augen der meisten... nach dem vorbild von jesus, der den ausgestoßenen seiner zeit sein leben und handeln gewidmet hat. mit seinen ideen zum thema nächstenliebe hat er die welt geprägt wie kein anderer. die etablierten einer gesellschaft zu tolerieren ist leicht. die problemfälle zu akzeptieren und ihnen zu helfen ist nicht so selbstverständlich.
das wort "religionsrassismus" finde ich im übrigen äußerst amüsant. wie sollte ich deine intoleranz gegenüber andersdenkenden nennen? oder dein möglicherweise fehlendes interesse für den rand unserer gesellschaft? ich würde es jedenfalls nicht "aufgeklärt" nennen.
In diesem Sinne wünsche ich einen schönen Sonntag.
weder Sozialist noch Konservativer.
Wo könnte man denn mich einordnen?
Ich fühle mich in dieser Diskussion
irgendwie fehl am Platze.
Hilfe!!!! :-)
Geht es den Leuten besser, ist mehr Spielraum für Individualität und zum Nachdenken mit eigenem Willen und freiem Handeln.
Das ist eine Erklärung für sich bildende Religionsgemeinschaften, das Bedürfnis nach Geborgenheit und gegenseitigem Zuspruch, eine andere.
Da gibt es sicher noch mehr, nur sollte jeder für sich entscheiden, wo er seine Seele "verkauft".
Hier ein paar Ausnahmen:
1. Mitteleuropäische Christen die sich wegen etwas Kritik in einem Kommentar als unterdrückte Minderheit sehen. Warum fragen wir nicht die Homosexuellen im arabischen Raum? Die bekennenden Atheisten in der Pilitik der USA?
2. Leute die ihren Glauben einer Generalüberholung unterziehen um gezielt die Jüngsten anzusprechen. Wenn man so gute Argumente hat kann man doch auch unter jenen missionieren, die bereits genug gesehen und gehört haben um sich eine eigene Meinung zu bilden.
Immer wieder wird versucht werden, das menschliche Hirn zu zernebeln.
"Modern und zeitgenössisch" ist das weder heute, noch ist es das jemals gewesen.