Politischer Einfluss - auch für Menschen ohne Religion: In Berlin hat sich erstmals ein Dachverband für Konfessionslose gegründet.
Um 16 Uhr 35 war es soweit: In Berlin haben am Sonntagnachmittag elf weltliche Verbände den Koordinierungsrat säkularer Organisationen (Korso) gegründet. Der Dachverband versteht sich als „Interessenvertretung der Konfessionslosen“. „Wir wollen die Gleichstellung von religiösen und nichtreligiösen Menschen erreichen“, sagt der stellvertretende Vorsitzende Carsten Frerk.
Der Koordinierungsrat kritisiert den Einfluss der Kirchen auf die Politik und sieht darin einen „eklatanten Verstoß gegen das Verfassungsgebot des weltanschaulich neutralen Staates“. „Konfessionslose werden dagegen von der Bundesregierung einfach ignoriert“, klagt Michael-Schmidt-Salomon, Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung. Die Stiftung ist einer der elf Verbände, die sich nun im Korso zusammengetan haben.
Mit der Neugründung wollen die Verbände ihr politisches Gewicht erhöhen. „Wir möchten ein Gesprächspartner für die Politik in säkularen Fragen werden“, sagt Otto Frieder Wolf, Professor für Philosophie an der Freien Universität Berlin und Vorsitzender des neuen Rates. Mehr als ein Drittel der Deutschen sei konfessionsfrei. Im Gegensatz zu den Kirchen werde ihre Meinung in der Politik aber nicht gesondert berücksichtigt.
Viele Jahrzehnte waren die Verbände, die sich nun zusammengetan haben, zerstritten. Erst in den letzten Jahren näherten sie sich an. „Letztendlich haben wir unsere Satzungen übereinander gelegt und festgestellt, dass sie sehr ähnlich sind“, sagt Horst Groschopp, Vorsitzender des Humanistischen Verbandes Deutschlands, des mitgliederstärksten Verbandes im Korso.
Über Monate hinweg war hinter den Kulissen über die Gründung verhandelt worden. Vor allem die Frage ob es ein „Zentralrat der Konfessionslosen“, unabhängig von den bestehenden Verbandsstrukturen werden sollte, war ein Streitpunkt. Nun haben sich die Verbände auf das Modell eines Dachverbandes geeinigt.
In seiner Grundsatzerklärung fordert der Rat, dass analog zur Islamkonferenz noch 2009 eine „Konfessionsfreien-Konferenz“ von der Bundesregierung einberufen werden soll, auf der über die Forderungen des Rates diskutiert werden könne. Der Katalog ist lang: Eigene Vertretungen in Ethik- und Rundfunkräten, ein integratives Pflichtfach zur Wertevermittlung nach dem Modell des Ethikunterrichts in Berlin, Gleichbehandlung in den öffentlich-rechtlichen Medien, besonders bei Sendezeiten, volle rechtliche Gültigkeit für Patientenverfügungen und die Einführung nichtreligiöser Feiertage.
Finanziell ist der Koordinierungsrat vorerst schlecht gestellt. Für jedes stimmberechtigte Mitglied soll der jeweilige Verband zunächst 100 Euro bereit stellen. Das ergibt 2500 Euro als Startkapital. „Es geht ja nicht allein um Geld“, sagt Wolf. Auch sein Mitstreiter Carsten Frerk zieht erst einmal eine positive Bilanz: „Wir haben es jetzt erst einmal geschafft uns in aller Unterschiedlichkeit gemeinsam zu organisieren.“ Jetzt fange die Arbeit an.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 18.11.2008)
Kommentare [ 3 ] Kommentar hinzufügen »
Da behauptet diese Vereinigung ethische Ratschläge etc. geben zu wollen und ein Stimme im Rundfunkrat zu beanspruchen, wenn sie mich als Konfessionslosen aber überhaupt nicht vertreten lassen will?
Einfach ein Drittel der Bevölkerung sich zu zu zählen, ohne nach deren MItgliedschaft oder irgendwelche Beiträge zu fragen, ist ja noch schlimmer als der Anspruch der Kirchen. Die lassen einen wenigstens die Wahl der Mitgliedschaft oder den Austritt.
Da geht es um Interessenvertretung ohne die zu Vertretenden überhaupt zu befragen oder zu versammeln.
Es gibt Bevölkerungsanalysen, die das Zugehörigkeitsgefühl von Menschen zur christlichen Religion, anderen Religionen auch unabhängig von deren Mitgliedschaft in einer Kirche herausgefunden haben. Siehe dazu z.B. mal nach bei Allbach. Daraus ergibt sich auch, wie viele Menschen in diesem Land sich keiner Religion zugehörig fühlen. Das ist insgesamt mehr als die Hälfte unserer Bevölkerung. Diese Mehrheit der nichtreligiösen Menschen hat aber in vielerlei Beziehung überhaupt keine Stimme. Warum z.B. sollen Kirchenvertreter in Rundfunkräten über das Programm bestimmen, während kein Vertreter aus dem säkulären Bereich stellvertretend für all die Menschen, die nicht religiös sind, ein Gegengewicht darstellen darf? Ein Kirchenvertreter wird sich z.B. naturgemäß nicht dafür einsetzen, dass mal über den christlich-ideologischen Anteil des Judenhasses im Weltkrieg berichtet wird (notwendige Aufarbeitung der Geschichte). Er wird keine Sendung für den Aufruf zur Gleichberechtigung von Homosexuellen befürworten. Er wird keiner Sendung zustimmen, in der Befürworter der Sterbehilfe zu Wort kommen. Ebenfalls wird er nicht Befürworter der Stammzellforschung und Befürworter einer Abschaffung von Fortpflanzungsverboten bei ungewollt Kinderlosen, die reproduktionsmedizinische Hilfe brauchen, zu Wort kommen lassen wollen. All diese Themen sind in der Vergangenheit in der Tat in den Medien recht stiefmütterlich davon gekommen. Vertreter von Weltanschauungsgemeinschaften in Rundfunkräten könnten gerade diese wichtigen Themen, die von den Kirchen blockiert oder einseitig behandelt werden und bei denen die christlichen Kirchen Selbstbestimmungsrechte von Menschen in unserem Land - auch von Menschen, die gar nicht ihrer Glaubensgemeinschaft angehören! - einschränken, jetzt in der Medienlandschaft etablieren. Um das zu wollen, muss ich nicht Mitglied der Weltanschauungsgemeinschaft sein.