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Serie Evolution

Darwin: „Es ist, als ob man einen Mord gesteht“

Wie Charles Darwin zu seiner entscheidenden Erkenntnis findet – und warum er sie lange Zeit geheim hält
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Über den vielleicht entscheidenden Moment in seinem Denken berichtete Charles Darwin in seiner Autobiografie: „Fünfzehn Monate nachdem ich meine Untersuchungen systematisch angefangen hatte, las ich zufällig zur Unterhaltung Malthus’ ‚Essay über die Bevölkerung‘, und da ich hinreichend darauf vorbereitet war, den überall stattfindenden Kampf um die Existenz zu würdigen, kam mir sofort der Gedanke, dass unter solchen Umständen günstige Abänderungen dazu neigen, erhalten zu werden, und ungünstige, zerstört zu werden. Das Resultat hiervon würde die Bildung neuer Arten sein. Hier hatte ich nun endlich eine Theorie, mit der ich arbeiten konnte.“

Nach der Rückkehr im Oktober 1836 von der Weltreise mit der „Beagle“ hatte Darwin unablässig in seinen Notizbüchern Überlegungen gesammelt. Der Lektüre jenes Aufsatzes des britischen Nationalökonomen Thomas Robert Malthus verdankte er im September 1838 dann die Idee einer in der Natur waltenden Auslese. Malthus hatte auf das Verhältnis zwischen der Zunahme der Bevölkerung und der Produktion von Nahrungsmitteln aufmerksam gemacht. „Man kann daher ruhig behaupten, dass die Bevölkerung sich, wenn sie nicht in Grenzen gehalten wird, alle 25 Jahre verdoppelt oder in geometrischem Verhältnis wächst“, schrieb Malthus. Da die Produktion der Nahrung sich nicht gleichfalls derart schnell steigern lasse, sei ein Konkurrenz- und Verdrängungswettbewerb die Folge, bei dem Hungersnöte, Krankheiten und Kriege die Menschen dezimierten.

Darwin übertrug Malthus’ Überlegungen vom Menschen auf die Natur. Aus zahllosen Beobachtungen wusste er, dass Tiere stets mehr Nachkommen zeugen, als die Umwelt dauerhaft ernähren kann und als selbst zur Fortpflanzung kommen. Einmal errechnete er, dass beispielsweise eine einzige Seewalze (verwandt mit Seeigeln und Seesternen) etwa 600 000 Eier legt; nur die natürliche Massenvernichtung kann verhindern, dass allein diese einzelne Tierart den gesamten Ozean überschwemmt. Tatsächlich werden bei jeder Art überzählige Nachkommen etwa durch Feinde, Hunger, Kälte oder andere natürliche Umstände getötet. Es muss also, so überlegte Darwin weiter, so etwas wie eine natürliche Auslese oder Selektion geben. Wer aber unter den vielen Nachkommen überlebt?

Hier nun hatte Darwin die entscheidende Idee: Es überlebt stets, wer am besten an seine jeweilige Umwelt angepasst ist. Unter unendlich vielen Varianten, die die Natur (wir wissen heute: dank genetischer Mutationen) bereitstellt, werden jene ausgewählt, die am geeignetsten sind zu überleben. Dabei reicht oft ein winzig kleiner Vorteil, irgendein leicht variierendes Merkmal hier oder eine Verhaltenseigenart dort, die dann an die Nachkommen weitergegeben werden.

Bei Tieren wie auch bei Pflanzen tobt also ein Konkurrenzkampf, der innerhalb und auch zwischen Arten stattfindet. „All nature is at war“ („Die gesamte Natur befindet sich im Krieg“), nannte Darwin anfangs diesen allgegenwärtigen Kampf ums Dasein. Bereits damals – und auch schon bei Malthus nachzulesen – wird der Begriff „struggle for existence“ vielfach verwendet. Nicht Darwin hat ihn also geprägt, vielmehr hat er nur noch einen Schritt weitergedacht. Denn unter dieser Konkurrenzsituation, der Tiere und Pflanzen in der Natur ausgesetzt sind, werden „vorteilhafte Abwandlungen eher dazu neigen, erhalten zu bleiben, und unvorteilhafte, zerstört zu werden“. Darwin übernimmt dafür später den Ausdruck „survival of the fittest“ – das Überleben der Bestangepassten.

Dieses Schlagwort stammt indes vom britischen Sozialphilosophen Herbert Spencer; Darwin übernimmt es unglücklicherweise in einer späteren Auflage seiner Bücher. Dass sich angeblich nur der Stärkere durchsetzt (beim Menschen gar der Rücksichtsloseste), wird so zu einer Ansicht, die später fälschlicherweise Darwin unterstellt wird. Dabei ging es Darwin um einen allgegenwärtigen Mechanismus in der Natur, nicht um Moral.

Mit der natürlichen Auslese hat Darwin einen Mechanismus entdeckt, der Arten verändert und neue entstehen lässt. Die Erklärung der Evolution ist gefunden, Darwins Reise zur Erkenntnis ist beinahe am Ziel.

Doch es wird noch Jahre dauern, bis er mit dieser Idee der Evolution durch natürliche Selektion an die Öffentlichkeit geht. Darwin jubiliert nicht. Vielmehr lässt er seine neue Idee und den Gedanken einer natürlichen Auslese reifen. Statt gleich seine Theorie in einem Guss zu Papier zu bringen, setzt er in aller Ruhe seine geologischen Arbeiten fort.

Erst im Sommer 1842, den Darwin mit seiner jungen Familie auf dem väterlichen Landsitz in Shrewsbury verbringt, findet er wieder die Ruhe und Zeit, eine erste 37-seitige Skizze seiner Theorie von der „Transmutation“ der Arten zu Papier zu bringen. Sie stellt ein Destillat all jener Gedanken dar, die er bis dahin in Notizen festgehalten hat. Der Bleistiftentwurf ist mithin eines der wichtigsten Dokumente Darwins; denn es bildet die erste und wichtigste Grundlage seines fast zwei Jahrzehnte später erscheinenden epochalen Werkes „Über die Entstehung der Arten“.

Diesen ersten Entwurf arbeitet Darwin dann beständig aus, bis er zwei Jahre später schließlich einen 230 Manuskriptseiten langen Essay daraus entwickelt hat. Doch statt diesen zu publizieren, legt Darwin ihn zu seinen Papieren. Nur im Fall seines vorzeitigen Todes soll der Aufsatz publiziert werden.

Darwin schreckt davor zurück, seine Ideen preiszugeben. Zu ketzerisch kommt ihm selbst diese Theorie wider die göttliche Schöpfung und die Konstanz der Arten vor. „Es ist, als ob man einen Mord gesteht“, bekennt er im Januar 1844 in einem Brief an seinen Freund, den Botaniker Joseph Hooker, den er als einen der wenigen ins Vertrauen zieht und in seine Gedanken über das „fürchterliche Geheimnis“ einweiht.

Ihm schreibt er: „Ich glaube, ich habe das Prinzip gefunden, durch das sich Arten ihren jeweiligen Zwecken anpassen.“ Längst ist Darwin überzeugt, dass alle Lebewesen aus einer gemeinsamen Wurzel stammen und dass dieser Prozess durch natürliche Auslese vorangetrieben wird. Auf seiner zweiten Reise zur Erkenntnis hat Charles Darwin die wichtigste Etappe zurückgelegt; seine Theorie ist gefunden.

Der Autor ist Evolutionsbiologe am Museum für Naturkunde in Berlin. Vor kurzem erschien seine Darwin-Biografie „Es ist, als ob man einen Mord gesteht“ (Herder Verlag, 272 Seiten, 17,95 Euro).



(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 03.02.2009)
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Kommentare [ 3 ] Kommentar hinzufügen »

Comment
von reinhard_a reinhard_a ist gerade offline | 3.2.2009 19:36 Uhr
"das Überleben der Bestangepassten" das ist nur die halbe Wahrheit!
Denn genauso macht der Mensch sich die (Um-)Welt passend.
Vom Hausbau, Kleidung, Straßen,... der Mensch macht sich die Umgebung passend.

Und auch seine Mitmenschen. Durch Höflichkeit, Gewalt, Freundschaft... versucht er, dass andere Menschen sich ihm anpassen, ihm geneigt werden.
Comment
von der-abgehakte der-abgehakte ist gerade offline | 4.2.2009 17:37 Uhr
DAS IST JA ECHT .....
... schlimm wie schon seit zig Jahren diesem Schwätzer Darwin hinterhergelaufen wird.
Die einfältigen "Wissenschaftler" halten sich als "JA" sager in ihrer Position und kassieren Höchste Löhne für den Quatsch den sie von sich geben und der dann in BIO- Logie gelehrt wird.

Herzliches Beileid den Darwinisten
Comment
von der-abgehakte der-abgehakte ist gerade offline | 4.2.2009 23:48 Uhr
Hallo Reinhard_a...
... dein Beitrag gefällt mir und das ist richtig.
Ausserdem ist die tatsache dass der eine stärker ist, noch lange ein Nachweis für seine Entstehung.

Der eine Mensch ist hinter dem Bankschalter "stark"... der andere im Dschungel weil er den Unterschied zwischen Gift,- und Heilkräutern kennt.
VG G.

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