[Kommentare: 1]

Joseph Weizenbaum

Ketzer der Informatik

Der Computerpionier Joseph Weizenbaum ist tot.
Anzeige
Bild vergrößern
Ich war Student, Anfang zwanzig, als ich Joseph Weizenbaum traf. Das war in Boston, am Harvard Square, ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen. Ich stand in einem Buchladen und erschrak, als ich ihn erkannte. Da war er, mit seinem zurückgekämmten, silbrigen Haar, dem Schnurrbart, ein bisschen an Einstein erinnernd. Ich weiß nicht, woher ich den Mut nahm, aber ohne groß zu überlegen, sprach ich ihn an.

Er war furchtbar nett. Gutmütig, interessiert. Er freute sich so sehr, Deutsch sprechen zu können, dass er mich spontan zum Kaffee einlud!

Es war mir peinlich, dass ich just bei seinem Erzfeind studierte: Marvin Minsky, einem Pionier der Künstlichen Intelligenz, KI. Minsky träumte davon, den menschlichen Geist auf einer Festplatte zu speichern – eine Fantasie, die Weizenbaum als größenwahnsinnig empfand. Für ihn litten KI-Forscher mit ihrem Drang, künstliche Wesen herzustellen, an „Uterusneid“. Ich erzählte es trotzdem. Wieder überraschte er mich: Er entgegnete, er hätte erst kürzlich einen Vortrag von Minsky besucht und sei tief beeindruckt gewesen.

So war er. Ein Zwitterwesen. Einer, der seine „Feinde“ liebte. Ein Computerexperte, der die moderne Technik zugleich bewunderte und hinterfragte.

Schlagartig berühmt wurde er mit „Eliza“. Eliza war ein Sprachprogramm, mit dem man sich auf primitive Weise „unterhalten“ konnte. Wenn man zum Beispiel eintippte „Ich fühle mich heute nicht so gut“, antwortete Eliza mit einem Satz wie „Sie fühlen sich heute nicht so gut – wollen Sie das näher erläutern?“ Wie so mancher Psychotherapeut. Zu seiner großen Überraschung stellte Weizenbaum fest, dass viele Leute Eliza intimste Details aus ihrem Leben erzählten. KI-Forscher meinten, Eliza würde schon bald den menschlichen Psychologen ersetzen – eine Vorstellung, die Weizenbaum abstieß und die ihn zu seinem eigentlichen Lebensthema führte: die zunehmende Macht der Computer in unserer Gesellschaft kritisch zu beleuchten.

Das tat er zum Beispiel in seinem Buch „Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft“ (1976). Er tat es, in dem er Stellung nahm zu gesellschaftlichen Fragen. Als eine Schulsenatorin stolz verkündete, dass dank Computer Kinder nicht mehr im Meer herumlaufen müssten, sondern alle Infos übers Netz beziehen könnten, ärgerte er sich: „Wir haben eine künstliche Welt geschaffen, in der es kein echtes Erleben mehr gibt.“

Weizenbaum war der Sohn einer jüdischen Familie. Er wurde in Berlin geboren, floh 1936 vor den Nazis und emigrierte in die USA, wo er lange am Massachusetts Institute of Technology, MIT, arbeitete. 1996 kehrte er nach Berlin zurück, in die Nähe des Elternhauses. Am Mittwoch ist Weizenbaum im Alter von 85 Jahren an Krebs gestorben. 

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 07.03.2008)
Sie interessieren sich für dieses Thema und wollen keinen Artikel im Tagesspiegel dazu verpassen? » Informieren | » Login

Aus anderen Ressorts

Bundesregierung:

Bafögsätze sollen steigen
Die Bundesregierung will zum 1. Oktober 2010 das BAföG erhöhen. Gleichzeitig soll ein nationales Stipendiensystem für besonders leistungsstarke Studenten eingeführt werden.

Umweltschutz:

Entsorgungsfragen

Untersuchungsausschuss:

Spreedreieck-Affäre: Strieder rechnet mit Nachfolgern ab
Ex-Bausenator Strieder will beim Spreedreieck frühzeitig gewarnt haben. Nachbarn des Areals klagen erneut.

Kommentare [ 1 ] Kommentar hinzufügen »

Comment
von maulaufmacher maulaufmacher ist gerade offline | 7.3.2008 8:15 Uhr
Netter Text
Was war denn bitte an Weizenbaums Ansichten ketzerisch?

Kommentar hinzufügen Neue Community-Funktionen Richtlinien


Sie können noch Zeichen schreiben.
Kommentare werden nicht sofort angezeigt. Beachten Sie hierzu unsere Richtlinien.

Um diesen Beitrag absenden zu können, müssen Sie eingeloggt sein.

Benutzername  
Passwort  
     
Sie haben noch keinen eigenen Account? Dann bitte
Geben Sie bitte folgende Daten ein, um sich zu registrieren und Ihren Kommentar zu speichern.
Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet, und nicht ohne Ihre Zustimmung an Dritte weitergegeben werden!

gewünschter Benutzername:
gewünschtes Passwort:
Wiederholung Passwort:
Email:


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wie viel ist 8 + 2 = 


Anzeige
Weitere Themen

Prüfung ohne Blackout Lesezeichen hinzufügen

Vivien Leue (dpa)
mehr...

Besser nicht verzweifeln Lesezeichen hinzufügen

Vivien Leue (dpa)
Was gegen Zukunftsangst hilft mehr...

Richtiges Netzwerken im Internet Lesezeichen hinzufügen

Andreas Heimann (dpa)
mehr...

Keine Bange vor der Lücke Lesezeichen hinzufügen

Ein Lebenslauf muss nicht geradlinig sein mehr...
Fotostrecken

Im Osten geht die Sonne auf ... (16 Bilder)

Erzählwettbewerb - Das Finale (18 Bilder)

Phoenix (8 Bilder)

Independent Games (14 Bilder)

Weihnachtskalender (24 Bilder)

Die Codes der Straße (10 Bilder)