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Islam

Der Urtext des Koran

Potsdamer Forscher gehen den antiken Spuren im Islam nach. Aus frühen koranischen Handschriften lässt sich etwas über die Menschen und die Geisteswelt in den Kindertagen der Weltreligion erfahren.
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Heiliges Buch. Der Koran gilt als Mitschrift der Gespräche Muhammads mit seiner Urgemeinde. - Foto: Collection Roger-Violett
Anfang des 7. Jahrhunderts versammelte Muhammad seine Anhänger in Mekka und Medina um sich. Auf seinen Botschaften begründete sich eine neue Weltreligion, der Islam. Der Koran, die Heilige Schrift der Muslime, ist historisch eine Mitschrift der Gespräche Muhammads zu seiner Urgemeinde. Aus frühen koranischen Handschriften lässt sich etwas über die Menschen und die Geisteswelt in den Kindertagen der Weltreligion erfahren. Eben das versucht derzeit in Potsdam die Arbeitsstelle „Corpus Coranicum“ der Berlin Brandenburgischen Akademie. Betrachtet wird hier der vorkanonische Koran, die ältesten Handschriften. Die Fragen der Forscher richten sich an die Zuhörer in der spätantiken Welt: Wer waren sie? Wie haben sich ihnen die neuen Ideen vermittelt? Wie hat sich der neue Diskurs in ihre Gedankenwelt eingeschrieben?

Die Urgemeinde war um 610 kein unbeschriebenes Blatt. Man teilte eine Welterfahrung, zu der Judentum und Christentum gehörten. Im Umfeld des Propheten gab es Vorstellungen von einem Gott oder von Jesus, man hatte gehört von Abraham und Moses, hatte Begriffe von Gesetz oder Jüngstem Gericht. Um ein neues Paradigma aufzustellen, musste sich der neue Text „an den Traditionen abarbeiten“, sagt die Islamwissenschaftlerin Angelika Neuwirth, die das Projekt leitet. Wer neue Ideen in die Welt trägt und verstanden werden will, muss das Vorwissen seines Auditoriums berücksichtigen.

„Wir wollen ein kulturelles Lexikon der ersten Hörer ausloten“, beschreibt Nicolai Sinai, einer der beiden Arbeitsstellenleiter, die Tätigkeit. Dazu gehört zunächst einmal das Zusammentragen von noch vorhandenen ältesten Koranmanuskripten. Sie werden in einer digitalen Datenbank dokumentiert, begleitet von einer Umschrift in ein einheitliches arabisches Zeichensystem und einer Übersetzung ins Deutsche.

Parallel dazu beschäftigt man sich mit dem Kontext der Koranhandschriften. Die Wissenschaftler wollen den einzelnen Versen aus den Suren des Korans christlich-jüdische Texttraditionen, sogenannte „Intertexte“, zur Seite stellen. Die arabischen, griechischen oder hebräischen Texte sind sich strukturell in ihrer Form, im Reim oder den auftauchenden Begriffen ähnlich. Das dokumentiert, welche Vorstellungen präsent waren und wie sich die theologische Richtung verändert. So taucht zum Beispiel der Name Jesus im Koran als Relikt jüdisch-christlicher Tradition auf, aber er wird dort verhandelt als Sohn der Maria (Isa ibn Mariara) und nicht mehr als Sohn Gottes, wie ihn die spätantike Welt kannte.

In einem dritten Schritt wird der Text der Koranfrühschriften von den Mitarbeitern des Corpus Coranicum historisch-kritisch kommentiert. Es geht dabei nicht um einen Kommentar zu Glaubensinhalten, sondern um Form, grammatikalische Besonderheiten, literarische Gestalt der einzelnen Koranverse, um Chronologie oder konkrete Bezüge.

Dieser Umgang mit dem Koran ist eine Methode, mit der in der europäischen Welt längst schon an biblische Frühtexte oder jüdische Texttraditionen herangegangen wird. Der Koran aber wurde hierzulande bislang hauptsächlich als „Text der Muslime“ gelesen. Indem man den vorkanonischen Koran nun auch als Text seiner Zeit lese, wolle man ihn „in Europa unterbringen“, sagt der Philologe Michael Marx. „Eine Abgrenzung des Korans und seiner Geschichte von den Wurzeln europäischer Geschichte macht keinen Sinn.“

Für islamische Koranforscher sei dies nicht so problematisch, wie es auf den ersten Blick erscheine, betonen die Wissenschaftler. „Hier passiert nichts völlig Neues“, sagt Nicolai Sinai. Weil ihre Forschung Glaubensinhalte nicht berühre und weil sie etwa bei der Dokumentation der Lesartenlektüre auf die Expertise islamischer Kollegen angewiesen seien, gäbe es im Gegenteil sogar Anknüpfungspunkte zur klassischen islamischen Kommentarliteratur. Das bereits in Marokko, Beirut, Istanbul oder im Iran auf Konferenzen vorgestellte Vorhaben sei dort bisher wohlwollend bis neutral aufgenommen worden. Bettina Mittelstraß

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 08.11.2007)
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