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Im Dunkelfeld der Wissenschaft

Nach dem Führerprinzip: Die DFG stellt sich ihrer Geschichte in der NS-Zeit – und darüber hinaus
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„Was wir heute an menschlicher Kultur, an Ergebnissen von Kunst, Wissenschaft und Technik vor uns sehen, ist nahezu ausschließlich schöpferisches Produkt des Ariers“, heißt es in Hitlers „Mein Kampf“. Was der Landsberger Häftling Mitte der 20er Jahre zu Protokoll gab, sollte ein Jahrzehnt später Richtschnur deutscher Wissenschaftler werden. In aller Welt sollte nun die Suche nach dem verlorenen Großreich des Urgermanentums beginnen, dessen Ausdehnung sich von Island bis zu den Azoren, von Zentralasien bis nach Südamerika erstreckt haben sollte. Eine zentrale Rolle spielt hierbei die Organisation „Ahnenerbe“, „wissenschaftlicher“ Arm der SS und damit die institutionalisierte Form des völkischen Dilettantismus, den deutsche Hochschullehrer vor 1933 noch gegeißelt hatten.

Die Untermauerung der Fantasien von der „Weltstellung unseres Volkes“ geht Hand in Hand mit Planungen zur Besiedelung des europäischen Ostens nach dem Sieg des Deutschen Reiches über die Sowjetunion. In welchem Maße die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) sich an dem völkischen Großvorhaben und an Forschung zu menschenverachtenden Zwecken beteiligte, ist Gegenstand eines gigantischen Forschungsprojekts, das DFG-Präsident Ernst-Ludwig Winnacker im Jahr 2000 ins Leben rief. Jetzt steht das von den Historikern Ulrich Herbert (Freiburg) und Rüdiger vom Bruch (Berlin) geleitete Projekt vor der Vollendung: Zwei von 24 Arbeiten zur Geschichte der „DFG 1920-1970“ sind soeben erschienen, die meisten übrigen erscheinen in Bälde. Die Forscher stützen sich dabei auf Archivmaterial der Bundesarchive Koblenz und Berlin-Lichterfelde sowie der DFG-Geschäftsstelle in Bonn. Das Themenspektrum des Mammutprojekts reicht dabei von Untersuchungen zu Indogermanistik und Volkskunde über Tropenmedizin, Krebsforschung und „Vierjahresplan-Chemie“ bis hin zur Erforschung effizienterer Methoden der Stallmiststapelung.

Tatsächlich ist die Agrarwissenschaft „eines der letzten Dunkelfelder der deutschen Forschungslandschaft“, so der Freiburger Historiker Willi Oberkrome. Was heute kurios erscheinen mag, ist von zentraler Bedeutung für die Expansionspläne des NS-Regimes. Von der „Germanisierung des Ostens“ erwartet man sich eine „Neubildung des deutschen Bauerntums“, das als „Bedingung“ der deutschen „Volksfreiheit“ die „Nahrungsfreiheit“ gewähren soll. Der von der SS forcierte biologisch-dynamische Anbau spielte dabei eine Nebenrolle. Prägender ist die mit Nachdruck betriebene Rationalisierung der Landwirtschaft, die „Aufrüstung des Dorfes“. Wie die Recherchen der Historikerin Isabel Heinemann ergaben, investierte die „nach dem Führerprinzip strukturierte DFG“ nicht weniger als eine halbe Million Reichsmark in die Forschungen des Berliner Agrarwissenschaftlers Konrad Meyer, der im Juni 1942 dem selbst ernannten „Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums“, Heinrich Himmler, seine Resultate vorlegt. Meyers „Generalplan Ost“ ist seither zum Inbegriff menschenverachtender „Raumplanung“ geworden, ging es doch um die Etablierung der deutschen Hegemonie in Osteuropa unter dem Diktat „völkischer Erneuerung und Aufartung“. Nicht der „politisch radikalisierte Rand der Disziplinen“ habe also die rassistische Aggression der SS in Form eines „Generalsiedlungsplans“ legitimiert, sondern die wissenschaftlichen Hilfstruppen kamen „aus der Mitte der ,seriösen‘ Forschung“, sagt Heinemann.

Mehr als „Schurkenforschung“ wolle man betreiben, so begründet man den Ansatz, ein halbes Jahrhundert DFG-Geschichte und nicht nur die zwölf Jahre unter der NS-Herrschaft erforschen zu wollen. Wie die Forschungen der DFG-Wissenschaftler zeigen, ist die nach 1945 von deutschen Hochschullehrern demonstrierte Distanz zur NS-Vergangenheit bis in die späten sechziger Jahre hinein häufig eher rhetorischer als inhaltlicher Art. So kratzt man von einem „Tasterzirkel“, den man zur „Rassenbestimmung“ durch Kopfvermessung benutzt hatte, schlicht den belasteten Namen des Frankfurter „Instituts für Erbbiologie und Rassenhygiene“ ab, um ihn weiterverwenden zu können. Und auch Konrad Meyer, der Vater des „Generalplan Ost“, forscht weiter mit Unterstützung der DFG: Das rassistische Großraumdenken ersetzt er nach dem Krieg durch Fragen der Entwicklung europäischer Regionen und des Naturschutzes.

Bei allen interessanten wie deprimierenden Details, die die DFG-Studien zutage fördern, bleiben doch Fragen offen: Wie kam es zu der eilfertigen Ausrichtung der Wissenschaften an den politischen Zielen der neuen Machthaber? Wie konnte sich die kollegiale Solidarität unter den Wissenschaftlern binnen kürzester Frist gegenüber den als „jüdisch“ stigmatisierten Kollegen in Luft auflösen?

Die Antwort ist vermutlich recht einfach: Der neue, rassistische Regierungskurs ab 1933 eröffnete Nichtjuden im akademischen Betrieb neue Karriere-Chancen. Allzu gerne entledigten diese sich einer Konkurrenz, die sich durch Kompetenz und internationales Renommee auszeichnete. Auch wenn die Wissenschaft des Deutschen Reiches damit ihre weltweite Konkurrenzfähigkeit aufgab. Die wissenschaftliche Elite Deutschlands erwies sich damit als nicht weniger korrumpierbar wie die ökonomische und andere Bereiche der Gesellschaft.

Bislang erschienen: Beiträge zur Geschichte der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Band 1: Wissenschaft, Planung, Vertreibung. Neuordnungskonzepte und Umsiedlungspolitik im 20. Jahrhundert. Band 2: Man, Medicine and the State. The Human Body as an Object of Government Sponsored Research, 1920-1970 (beides Stuttgart 2006).

Informationen im Internet:

http://projekte.geschichte.uni-freiburg.de/DFG-Geschichte/
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