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Rot vor Scham

Peinliche Situationen bringen unser Immunsystem auf Trab
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Eine rote, pochende Schwellung an unserem Körper bedeutet für gewöhnlich, dass das Gewebe sich mit einer Entzündung gegen schädliche Reize oder Eindringlinge wehrt. Nach neuesten Ergebnissen reagieren wir auch dann mit einer entzündlichen Immunantwort, wenn ein peinliches soziales Erlebnis uns vor Scham rot anlaufen lässt.

Scham ist eine Emotion, die vor allen Dingen dann auftritt, wenn Menschen durch ein Missgeschick oder eine Schwäche die Aufmerksamkeit eines Publikums auf sich ziehen und sich kritisch bewertet fühlen. Die peinliche Empfindung lässt uns dumm, tollpatschig und minderwertig vorkommen und weckt den Wunsch, im Erdboden zu versinken, um uns der öffentlichen Schmach zu entziehen. Die Erinnerung, bloßgestellt worden zu sein, kann uns noch nach Jahrzehnten wie Salzsäure im Gedächtnis brennen.

Dass Scham etwas mit einer entzündlichen Immunreaktion zu tun haben könnte, suggerieren zunächst Tierversuche. Wenn sozial untergeordnete Tiere mit einem überlegenen Artgenossen zusammengepfercht werden, nehmen sie eine unterwürfige Demutshaltung an. In ihrem Blut kursieren dann plötzlich hohe Konzentrationen von „proinflammatorischen Zytokinen“, erklärt die Psychologin Sally Dickerson von der Universität von Los Angeles. Das sind Botenstoffe der Immunzellen, die wie das Interleukin-1 und der Tumor-Nekrose-Faktor alpha Entzündungen anfachen und die Abwehrkräfte regulieren. Diese Stoffe verursachen auch das Krankheitsverhalten, die Schlappheit und das miese Gefühl, das uns bei Infektionen die Lebensenergie raubt.

Um zu testen, ob auch die Scham den Zytokinmotor anwirft, bat die Forscherin eine Gruppe von Probanden, sich in einem Aufsatz ein peinliches Erlebnis aus ihrem Leben von der Seele zu schreiben. Dies konnte zum Beispiel ein peinlicher romantischer Fauxpas gewesen sein oder eine Situation, „in der Sie Ihren eigenen Erwartungen oder denen eines anderen nicht gerecht wurden“. Wie die anschließende Untersuchung der Speichelproben zeigte, rief die schamvolle Erinnerung bei den Teilnehmern eine deutliche Immunantwort hervor. Diese ließ sich besonders am Tumor-Nekrose-Faktor alpha dingfest machen. Probanden, die besonders heftige Scham empfanden, schütteten größere Mengen dieses Stoffes aus. Ausschließlich die Scham, nicht aber andere negative Emotionen wie etwa Schuld, Niedergeschlagenheit oder Angst, ging mit dieser Immunantwort einher.

Die geheime Querverbindung zwischen Scham und Entzündung hat vermutlich etwas mit dem lähmenden Charakter zu tun, vermutet die Psychologin. Aktiviert werden jene Botenstoffe, die üblicherweise nach einer Infektion dafür sorgen, dass das Individuum kürzer tritt und sich zurückzieht, damit der Organismus sich auf die Abwehr der eingedrungenen Keime konzentrieren kann.

Aber auch eine soziale Bloßstellung weckt den Wunsch, sich zu „verkriechen“ und sich der ungeliebten Aufmerksamkeit zu entziehen. Und seit einigen Jahren mehren sich die Anzeichen, dass auch das Krankheitsbild der Depression durch eine übermäßige Entzündungsreaktion ausgelöst werden kann.

Die Neigung, im Leben ständig starke Scham zu empfinden, kann unangenehme Folgen haben, fand die Psychologin in einer neun Jahre währenden Studie an HIV-infizierten Männern. Bei jenen, die fortdauernd übersensibel auf abwertende Bemerkungen ihrer Umwelt reagierten, schritt die Aids-Erkrankung rascher voran und sie hatten eine geringere Lebenserwartung.
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