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„Dem Akademikermangel vorbeugen“

Studentenberg: Hochschulberater Hans Weiler erklärt, wie Deutschland von den USA lernen könnte
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Die Geburtenrate in Deutschland ist so niedrig wie noch nie. Die deutsche Bevölkerung kann von jetzt 82 Millionen auf 67 Millionen bis zum Jahr 2050 sinken. Gleichzeitig drängen in den Jahren 2008 bis 2020 die letzten geburtenstarken Jahrgänge von den Schulen in die Hochschulen. Was sollte Deutschland tun?

Zum Ersten muss man den noch vorhandenen Anstieg potenzieller Studenten so gut wie möglich nutzen. Es geht um eine historische Chance. Jetzt gilt es, der demografischen Mangelsituation der künftigen Jahre vorzubeugen und noch einmal für einen kräftigen Schub an Hochqualifizierten zu sorgen. Das hilft dem Arbeitsmarkt von morgen. Zum Zweiten sollte man in Vorwegnahme der künftigen Mangelsituation alles tun, um aus einer reduzierten Bevölkerung ein Höchstmaß an Kompetenz zu erwirtschaften. Diese Anstrengung muss durch die gesamte Ausbildungshierarchie gehen: Zuerst müssen mehr junge Menschen zu einem Schulabschluss gebracht werden, der sie für eine weiterführende Ausbildung qualifiziert. Diese Ausbildung muss auf hohe Qualität zielen, aber nicht unbedingt an der Universität erfolgen. Nur mit einer solchen massiven Anstrengung wird Deutschland im internationalen Wettbewerb überleben können.

Sollte Deutschland seine Anstrengungen um ausländische Studenten verstärken?

Das Dritte ist die gezielte Einwerbung von hoch qualifizierten ausländischen Studierenden. Da sind in Deutschland erhebliche Fehler gemacht worden. Man hat die Türen zu weit geöffnet mit der Folge, dass die Studienabbruchsquoten von ausländischen Studierenden zum Teil katastrophal sind – noch erheblich höher als bei den Deutschen. Hier bedarf es einer neuen Strategie, die sich eindeutig auf Höchstqualifizierte aus dem Ausland konzentriert und diesen sinnvolle Bleibemöglichkeiten nach dem Studium eröffnet. Genau auf diese Weise ist Silicon Valley in den USA entstanden.

In Deutschland wird gerade über die Föderalismusreform beraten. Trägt die derzeitige Fassung der Reform zur Lösung der anstehenden Probleme bei?

Ich habe da meine Zweifel, obwohl ich mich nicht in innerdeutsche Auseinandersetzungen einmischen möchte. Deutschland steht vor einer doppelten Herausforderung. Die Kapazität der Hochschulen zur Ausbildung hoch qualifizierter Arbeitskräfte muss erheblich und dauerhaft erweitert werden. Die andere Herausforderung liegt darin, die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Forschung zu sichern. Hier ist durch die Exzellenzinitiative ein erster, aber insgesamt eher bescheidener Schritt getan worden. Diese beiden Herausforderungen begründen in den kommenden Jahren einen kumulativen Bedarf an Ressourcen, den man guten Gewissens nicht allein den Ländern überlassen kann. Hier ist nicht nur eine gesamtstaatliche, sondern eine gesamtgesellschaftliche Anstrengung erforderlich. Es kommt nicht nur auf die Mittel von Bund und Ländern an, sondern in sehr viel höherem Maße als bisher auch auf private Mittel.

Nach dem derzeitigen Stand kann der Bund das Studium von Ausländern in Deutschland finanzieren, jedoch nicht von deutschen Jugendlichen. Der Bund darf nämlich nur in neue Gebäude und Geräte investieren, aber nicht in mehr Lehrpersonal.

Ich hoffe, dass sich Wege finden lassen, diese fatale Einschränkung zu vermeiden. Denn es ist völlig klar, dass es bei dieser Herausforderung in erster Linie um die Bereitstellung von Lehrkapazität geht. In diesem Zusammenhang sollte man sich auch Gedanken darüber machen, ob man nicht sowohl die bisherige, in Deutschland relativ einfach gestrickte Personalstruktur an Hochschulen als auch die Artenvielfalt des Hochschulsystems selbst einer beträchtlichen Differenzierung unterziehen sollte. Es wäre sicher kostengünstiger, auch in Deutschland wie in vielen anderen Ländern Lecturers einzuführen, und man sollte auch über institutionelle Reformen wie die Einführung von Bachelorkollegs oder Community Colleges ernsthaft nachdenken.

Zeitgleich mit dem Studentenberg erfolgt vom Jahr 2010 an die flächendeckende Umstellung auf Bachelor und Master. Als Professor in Stanford haben Sie viel Erfahrung mit dem amerikanischen Studiensystem. Halten Sie es für ein Sparmodell?

Der außerordentliche Wert der Umstellung auf Bachelor und Master darf nicht durch ein Sparprogramm ad absurdum geführt werden. Wenn man in wesentlich kürzerer Zeit als bisher üblich gleichzeitig die vom Arbeitsmarkt geforderte hohe Ausbildungsqualität sichern möchte, dann wird man zusätzlichen Betreuungsaufwand in den Hochschulen dringend benötigen. Diese zusätzliche Kapazität hat der Wissenschaftsrat zwischen 15 und 25 Prozent angesetzt. Dazu haben wir in einer Modellrechnung noch den Aufwand für die Doktorandenausbildung mit weiteren drei Prozent berechnet. Bisher wird für die Doktorandenausbildung in Deutschland erstaunlicher Weise überhaupt keine Kapazität berechnet, obwohl es hier um die Heranbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses geht.

Der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger hat eine autarke Lösung für sein Land vorgeschlagen, um den Studentenandrang zu bewältigen. Reicht das aus?

Ministerpräsident Oettinger hat sich als sehr kenntnisreich erwiesen, was man von Ministerpräsidenten in Deutschland nicht immer sagen kann, wenn es um bildungs- und wissenschaftspolitische Fragen geht. Aber selbst ein Land, das sich in der Hochschulpolitik durchaus sehen lassen kann, wird mit dieser doppelten Herausforderung nicht allein fertig werden.

Baden-Württemberg gehört zu den wirtschaftlich erfolgreichsten Ländern. Dennoch gibt es für seine 45 Hochschulen jährlich so viel Geld aus wie allein die Stanford University für 16 000 Studenten: 2,3 Milliarden Euro in Baden-Württemberg gegenüber 2,8 Milliarden Dollar in Stanford. Kann man mit so begrenzten Mitteln die Herausforderungen der Zukunft lösen?

Deutschland sollte sich nicht unbedingt an Universitäten wie Stanford, Harvard und Yale orientieren. Sie sind Produkte einer ganz besonderen historischen Situation und könnten heute selbst in den USA nicht mehr gegründet werden. Sinnvoller ist der Vergleich mit den staatlichen Forschungsuniversitäten. Selbst bei solchen Vergleichen ziehen die deutschen Hochschulen den Kürzeren. Und das in der Lehre wie in der Forschung.

Die USA sind für den modernen Föderalismus ein Vorbild. Wie funktioniert der Föderalismus in der Wissenschaftspolitik?

Ich bin kein Anhänger der derzeitigen amerikanischen Regierung, aber es ist bemerkenswert, wie sich selbst eine Regierung mit einem so beschränkten Horizont konsequent in die Tradition der amerikanischen Forschungsförderung einfügt. Ihr Engagement in der Forschungsförderung ist phänomenal. Rund 95 Prozent der Forschungsmittel an einer durchschnittlichen amerikanischen Forschungsuniversität kommen aus dem Bundeshaushalt, in der Regel mit zweistelligen Wachstumsraten über die Jahre hin. Genau daraus ist die amerikanische Spitzenforschung entstanden.

Stellt einer der amerikanischen Staaten die Bundeshilfe für die Unis in Frage?

Meines Wissens noch nie. Selbst ein so reicher Staat wie Kalifornien könnte es sich nicht leisten, auf die Bundeshilfen für die privaten und staatlichen Hochschulen zu verzichten. Der Aufwand der Einzelstaaten für die Forschung an ihren Universitäten ist minimal. Für die staatliche Universität Berkeley kommt der Löwenanteil der Forschungsmittel vom Bund. Die Bundesfinanzierung der Forschung hat sich seit dem Zweiten Weltkrieg als permanentes Element des amerikanischen Föderalismus etabliert.

Das Gespräch führte Uwe Schlicht.

HANS N. WEILER (71) gilt als international renommiertester deutscher Bildungsplaner. Der emeritierte Stanforder Politologe hat die Unesco und viele deutsche Landesregierungen beraten.
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