Der Tagesspiegel : Makabre Hoffnung

Viele Gubener glauben, dass Gunther von Hagens ihnen Arbeitsplätze bringt

Sandra Dassler

Guben - Der leere Stuhl zwischen den beiden älteren Frauen in der ersten Reihe markiert mehr als eine räumliche Grenze. „Ich finde es schrecklich“, sagt die eine. „Ich bin absolut dafür“, die andere. Die beiden gehören zu den 750 Gubenern, die am Montagabend trotz eisiger Temperaturen in die Sporthalle der Neißestadt gekommen sind, um Gunther von Hagens zuzuhören.

Der charismatische und umstrittene Erfinder der „Körperwelten“ will in Guben eine Werkstatt zur Herstellung von Scheibenplastinaten aus Leichen einrichten. Zwei leer stehende Produktionsgebäude der ehemaligen Textilfabrik „Gubener Wolle“ erscheinen ihm dafür geeignet. Der Bürgermeister Klaus-Dieter Hübner (FDP) hatte ihm Unterstützung zugesichert, noch bevor er seine Abgeordneten informierte. Doch die waren in ihrer Mehrheit entsetzt über die Vorstellung, dass in ihrer Stadt Leichen bearbeitet werden sollten. Noch ablehnender reagierten die Kirchen und die PDS. Weil ein ähnliches Vorhaben von Hagens im benachbarten Polen kürzlich am Widerstand der Einwohner scheiterte, rief Bischof Wolfgang Huber die Gubener gar auf, genauso viel Courage zu zeigen wie ihre polnischen Nachbarn.

Das scheint jedoch zweifelhaft. In der Turnhalle wird am Montagabend schnell deutlich, dass die Mehrheit der Anwesenden kein Problem mit der Plastinationswerkstatt hat. Im Gegenteil: Von Hagens’ Gegner werden ausgebuht, der kleine Mann mit dem schwarzen Hut erhält Beifall. Er präsentiert sich als Wissenschaftler, „der die Anatomie nicht nur Auserwählten, sondern allen Menschen zugänglich machen will“. Dass er so umstritten sei, liege an den Medien, die Unwahrheiten über ihn verbreiten, sagt von Hagens – beispielsweise über die Herkunft seiner Leichen. Er deutet auf einen lebensgroßen plastinierten Gorilla, den er neben der Bühne postiert hat. „Selbst über ihn wurde wild spekuliert. Dabei ist er im Zoo Hannover ertrunken und wurde mir legal zur Verfügung gestellt.“

Warum von Hagens ausgerechnet nach Guben kommen will, fragt ein Einwohner. „Weil Sie einen weisen Bürgermeister haben“, schmeichelt von Hagens. „Und weil ich ein Kind der DDR bin. Ich weiß, wie die Leute hier denken und wie schlecht die wirtschaftliche Situation ist. Warum sollte ich mein Geld anderswo investieren?“

Das wollen die Gubener hören. Sie hoffen auf Arbeitsplätze: 200, sagt von Hagens, könnten es werden. Die nächste Frage lautet: Wird er Polen oder Deutsche beschäftigen? Vorwiegend Deutsche, antwortet der Plastinator. Die Gubener sind vollends zufrieden: „Das ist eine Chance für die Region“, sagt der 62-jährige ehemalige Lehrer Harald Schuster. „Die Scheibenplastinate werden in der Medizin gebraucht, irgendwo müssen sie produziert werden. Warum also nicht hier?“

Die letzte Frage stellt von Hagens selbst: „Wer von Ihnen möchte, dass ich nach Guben komme?“ Fast alle heben die Hand. „Dann komme ich“, ruft der Plastinator, und der Beifall will nicht enden. Nur wenige hören auf den Pfarrer Michael Domke, der warnt, die meisten Fragen seien bestellt gewesen. Zahlreiche Medienvertreter befragen von Hagens auf der Bühne, auch Bürgermeister Hübner gibt zufrieden Interviews. Die beiden Frauen in der ersten Reihe wollen ihre Namen nicht nennen. Die Stadt sei gespalten, man könne nie wissen, was der Nachbar denke, sagt die eine. Und die andere erzählt, was ihr ein Gegner von von Hagens unlängst geraten hat: „Am besten, Sie lassen sich selbst plastinieren!“

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